Humfeld - 25. Lipperland Volksmarathon am 20. November 2004 - "Humfeld-Mudville-WindyCity-EskimoVillage im Lipperland"

Dienstag, 23. November 2004


Der Humfeld Marathon ist eine harte Nuß: Hügel, Matsch, kalter Wind, Regen ohne Ende - irgendwo im so genannten Lipperland südlich von Bielefeld, in der Nähe von Detmold kann man es am besten mit dem wenige kms entfernten Bad Pyrmont Marathon vergleichen - Bad Pyrmont im Juli immer heiß und schwül, Humfeld ist totaler November:   diesig, grau, eisig, naß, pfeifender Wind, tot - das war 2002 und 2003 so und wird in 2004 nochmals übertroffen. Nach tagelangem Regen und Einbruch einer Kaltfront ist es nun MudVille, WindyCity und EskimoVillage in einem. Angeblich zeigt das Autothermometer 2 Grad, kann gar nich sein, fühlt sich an wie minus Hundert. Schneetreiben schon auf der Autobahn, Graupelschauer, Regen, Böen, alles da, so wie es zum Humfeld Marathon sein muß.

Kein Wunder, dass um 11 Uhr (Start um zwölfe) erst drei Autos vor der Halle in Humfeld stehen. Wegbeschreibung:  es gibt eine Ampel auf der Hauptstraße neben dem Supermarkt (es gibt nur einen), hinter dem Supermarkt links rein, geradeaus, rechts, rechts, schon da. Die Jungs schreiben jedes Jahr vorsorglich aus Erfahrung in die Ausschreibung: “Findet bei jeder Witterung statt”.

Da trudelt schon Heiner Schütte um 11:05 Uhr ein, meine Güte, was ist los? 55 Minuten vor dem Start? Heiner, sieht topfit aus:  “Schneggi, Du siehst aber heute müde aus!” - “*gähn* bin ich auch *gähn* diese späten Starts bekommen mir nicht *gähn*”. Team Giftgrüne-Handschuhe-mit-Loch-im-Daumen taucht auf, aber Papa Helmut Braun und Sohnemann guggen äußerst kritisch gegen Himmel und stecken die Nase in den stürmischen Wind und schütteln sich und meinen:  “Nee, heute nich”.

Jobst von Palombini mit jugendlichem Elan stürmt in die Umkleidekabine 10 Minuten vor Start:  “Seid Ihr alle trainiert? ich bin es nicht - der letzte lange Lauf vor 6 Wochen - aber hier muß ich laufen, ist quasi mein Heimmarathon - acht Mal bin ich gestartet, sechs Mal auf der zweiten Hälfte eingebrochen”. Der Flitzer ist ex-100MC-Treter und frägt Heiner:  “Wer ist vom 100MC hier?” - “Die sind alle in Ellerdorf bei Thorsten Themm, der macht einen 60er heute!”.  Aber Jobst gewinnt trotzdem, mit links.

In der Halle steht noch einer mit gelbem Hemd - “Heiner, wer ist das?” - “Kenn ich auch nicht, ich kenne nicht alle”. Startnummer ausgekundschaftet und in die Startliste geguggt: “Rösner - oha, einer der Gründungseumel”.

Jetzt auch noch raus in die Kälte *schnatter* - da steht doch glatt einer in kurzen Fußballerhosen und normalem Pullover, hochgekrempelt über die Ellbogen. Hoppla, den Jungen kennen wir doch - “sag mal! Harzquerung 2003? Rennsteig 2003? Kampf der Schnecken ganz ganz hinten?” - “Ja, ich erinnere mich an Deine Visage” - “Thomas aus Goslar, oder?” (Weltstadt südlich von Braunschweig, um die Ecke, wo der Harz anfängt - oder aufhört). Thomas einweihen, dass er sich genau die ersten paar kms merken soll - es gibt keine Streckenposten und die Markierungen auf der Straße sind ab Zielzeit 4:30 (wird’s duster), ab 4:45 (stinkenacht) und ab 5:00 (kuhnacht) nicht mehr zu erkennen und letztes Jahr haben se nach drei Tagen die Ultraschnecken in Hildesheim in ner Jauchegrube wiedergefunden. Er guggt n bisserl schräg, von wegen 5 Stunden und so - wart mal ab, abgerechnet wird zum Schluß.

Außerhalb der Halle, mitten auf der Straße ein Häuflein von ca. 50 Schlappohren (die meisten haben zwei davon, also korrekterweise ca. 100 Schlappohren) und Peng, ein Schuß. Die ersten 4-5 kms sind der gleiche Weg wie der Schluß, erst mal durch’s Dorf und dann in ein anderes Dorf und schon geht’s hoch - dann Wald rechts und bellende Hunde in Riesengärten links - rein in den Wald, eine Art Tal mit Bach, “Thomas merk Dir hier den Weg, auf und ab wie in ner Achterbahn - ich sach Dir, Du siehst nix, absolut nix, wenn Du hier um 16:30 Uhr durchkommst”.

Der erste Verpflegungsstand an der Kreuzung, wo die erste Runde aufhört und in die zweite, die ja die erste war, übergeht - klar, oder? - jetzt angeschnallt und erst mal hoch und dann drei kms auf ner Straße runter - links nun in die Felder, hoch natürlich 2 kms, Matsch, Asphalt, Kies, man hat die Auswahl - durch nen Wald, auf der anderen Seite raus - uuaaaaa, Sturm von rechts, haltet die Mützen fest - runter in ein 10-Häuser-Kaff - das 10 km-Schild (einige kms sind verwittert auf dem Asphalt zu erkennen, andere an die Bäume gesprüht - egal die Polar ist immer noch defekt, heute wird ohne Uhr gelaufen, nur eine Micky-Maus-Kinderuhr dran).

Kurz nach km 10 der zweite Campingtisch mit zwei Frauen, müssen Mütter von Läufern sein - wer sonst steht hier bei Schnee, Regen, Wind, Sturm, Hagel stundenlang doof in der Gegend rum - danach geht’s mal wieder hoch und dann am Wald entlang Richtung Riesenwindmühlenräder (Vorsicht Kopf einziehen, sonst Sense mit der Birne) - abwärts zwischen Felder mit Karracho, so bei km 12 oder so - unten steht doch glatt ein Rote-Kreuz-VW-Bus mit frierenden Typen drin, brav, Jungs, rostet nicht ein.

Und dann der Humfeld-Hammer: 2 kms steil hoch, ohne Schutz von Bäumen oder so Kram - letztes Jahr hier volle Brise gegen die Schnauze, ein Kampf, ein Krampf, totale Verausgabung bis zum km 15-Schild - siehe da, dieses Jahr kein Wind, doch fast oben bläst’s einen beinahe aus den Latschen, Sturm von hinten, auch nicht schlecht, man kriegt die Beine gar nicht so schnell auseinander, um das auszunutzen - und jetzt das Sahnehäubchen: halber-Unterschenkel-tiefer-Matsch oder unergründlich tiefe matschfarbene Gewässer (Schlaglöcher), tja, nehmen wir beides mit, gehört hier dazu - um die Ecke gelinst: ja da stehen sie wieder die beiden Engel mit ihrem Campingtisch:  “Jedes Jahr der größte Dreck bei Euch” - die beiden sind sichtlich stolz drauf - was gibt’s zum Trinken und Futtern? - gar nicht aufgepaßt, immer gleich auf den warmen Tee gehechtet und vor allem auf die Plastikschüsseln mit dem Berg geschälter, gestückelter Mandarinen, eine Wohltat, kann man gar nicht soviele halten, muß nächstes Jahr dran denken, einen Beutel mitzunehmen.

So, genug gefaulenzt, jetzt geht’s hoch, auf Laub (über Matsch natürlich) für ca. 1 km, dann oben flach und einige Kreise und Kurven laufen, wieder hoch und da steht schon wieder ein DRK-VW-Bus (die haben echt Angst um uns) - ein fast flaches Stück - dann um ein Wäldchen herum - hoppla, ist ja alles weggesägt, diese Säger, diese elenden - und nun wieder Kopf-unter-den-Arm-und-Gang-raus 2 kms im Sturzflug, man kriegt kaum die Kurven gebacken, dazu noch glitschiger Asphalt - von 10% runter übergangslos auf 10% aufwärts, wie ein Messer in die Leistengegend - uaaaa, oben “jetzt kommt nix mehr” und nur noch einen halben km trabend sich erholend bis zu der Kreuzung für die zweite Runde.

Heiner setzt sich gleich beim Start ab, aber er ist ein Kämpfer und schafft’s - Michael aus Krefeld wird Partner in Sachen Matsch bis km 13, dann meint er “heute geht’s nur um’s Durchkommen - zieh mal los” - von nun an bis km 25 dann Positionskämpfe mit 100MC-Rösner und Gerold Giese, aber alle versägt - sogar noch zwei Frauen, das heißt 50% der Damenwelt, “besiegt”, es sind nämlich nur vier hier, jede wird Altersklassen-Erste (lohnt sich hier ächt für die Damen).

Einlauf in der Dämmerung in den Hof der Halle, dort bruzzeln Würste auf’m Grill, man riecht Glühwein - echt hart diese Humfelder, machen Picknick in der Sahara und in der Antarktis. Die Halle ist plötzlich voll - da hängen noch die Leute vom Halbmarathon und 10 km-Lauf rum - früher wurden die verpasst, weil P-Schneckerich einfach noch lahmer war - Platz 25 (fast so gut wie in Berlin) dieses Jahr und 47 min schneller als in 2003 - wenn das so weitergeht, ist der Sieg in 2006 nicht mehr zu nehmen - “Ey Humfelder, Ihr könnt schon mal die Urkunde druggen”

Apropos Urkunde: wird gleich ausgedruckt und per Handschlag vom Chef persönlich überreicht, zusammen mit einem Teller (“Den willste doch nicht etwa an die Wand hängen”, meint Prinzessin - “nö, zum drauf-Essen, wir benützen Teller, Messer und Gabel in Braunschweig, nicht wie im Westerurwald - ich kann Dir mal n altes Messer und ne Gabel zum Üben schicken, verletzt Dich aber nicht damit!”).

In der Umkleidekabine stürmt einer rein und tönt:  “1:0 für Bielefeld (wen interessiert eigentlich Bielefeld???), Bayern führt und Schalke auch - hat jemand Schmerzen? nehmt das hier!” Irgendwas zum Einschmieren. Ein anderer frägt:  “Bist Du der Sieger?” - “Nö, wieso?” - “Ich nehm nur, was der Sieger nimmt, sonst bringt’s ja nix!.

Humfeld und Arolsen sind legendär für die kältesten Duschen südlich des Nordpols - jeder neu Eintreffende frägt als allererstes:  “Wie sind die Duschen?”. Heute ist ein Wunder geschehen: affenheiß - unglaublich, nicht zu fassen, man muß kaltes Wasser zumischen, um es auszuhalten.

Telefonat in die warme Stube von CouchPotato.
-   Schneggi:  “Ey, heute war’s super - super schwer, aber super gelaufen. Schade, dass Du nicht da warst, Du wärst stolz auf mich gewesen!
-   Sofakartoffel:  “Ich - nö, sicher nicht - stolz auf was? wozu?”.
grrrrr
-   Schneggi:  “Na auf mich. Lass mal erzählen ... laber laber ... willste nicht meine Zeit wissen?”.
-   Sofakartoffel:  “Nö, Du weißt doch, für mich sind Zeiten so was von egal!.
grrrrr grrrrr
-   Schneggi:  “Ich habe auf der zweiten Runde 14 Galgenvögel überholt und keiner mich - stell Dir mal vor!”.
-   Sofakartoffel:  “Kann gar nicht sein, waren überhaupt soviele da? warste wie immer Letzter nach der ersten Runde?”.
grrrrr grrrrr grrrrr
-   Schneggi:  “Der Dingsbums war auch da und lief nur eine xxxx Zeit - es war ziemlich schwer!.
-   Sofakartoffel:  “Was! was war denn mit dem los? ist der auf Krüggen gewandert, oder was?.
-   Schneggi:  “Nein, es war einfach SCHWER - S-C-H-W-E-R !!!”.
grrrrr grrrrr grrrrr grrrrr
-   Sofakartoffel:  “Nu brüll doch nicht so! komm mal wieder runter von der Decke! ja, so ein bißchen Matsch kann es schon schwer machen - aber nu sag mal Deine Zeit!.
-   Schneggi:  “Nö, jetzt nicht mehr!.
-   Sofakartoffel:  “Biste nu beleidigt, oder was? ich hatte auch nen schweren Tag ... den ganzen Tag nur rumgelegen ... das macht richtig Hunger .... ich habe nur gefuttert ... hey, Schneggi ... hat der Mistkerl doch glatt aufgelegt!”.

Sonntag morgen, so gegen 9 Uhr, ah blendet heute schon wieder die Sonne, abartig, wo ist der Wind? wo ist der Schnee geblieben? wo sind die Wolken? wahnsinnige acht Grad! Sauerei, wieso nicht gestern so ein Wetter (nee beim Humfeld Marathon darf es so was nicht geben). Später spaziert ein Nachbar auf dem Gehweg zwischen den Häusern und guggt durch’s Fenster und meint: “Hey, was sitzen Sie da am Computer rum - wieso laufen Sie nicht?” - gefangen in den Erwartungen der nichtlaufenden Mitmenschen.

Fazit:  ein ächter Lieblingsmarathon - wer hier durchkommt, kann in Arolsen Urlaub machen (eh, große Klappe wieder, schau mer mal nächsten Samstag) - ein Landschaftsmarathon für 10 EUR mit “Natur-komplett” - die Städtemarathons kann man im Fernsehen anguggen, Humfeld muß man laufend geniessen.

Grüzi, bis denne Ihr Verrückten
P-Schneggi


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