Amelinghausen - 2. Internationaler 6-Stunden-Bahnlauf am 03. Juli 2004 - "Powerschnecke in der Heide"
In Nürnberg im März 2004 bemerkte Klaus Keule Neumann nach einem sehr sehr müden 6-Stunden-Lauf: “Beim Marathon, wenn’s nicht mehr geht, muß man sich trotzdem ins Ziel quälen, also die 42 voll machen - sonst kriegt man nichts. Wenn beim 6-Stunden-Lauf die totale Lustlosigkeit anfängt, kann man sich auf eine Bank in der Sonne setzen und die Irren weiter ihre Runden drehen sehen und sie voll zulästern - die Zeit läuft einfach ab, man ist quasi schon im Ziel”. Richtig, die 6-Stunden-Dinger haben ihren Charme, können aber auch zum totalen Gehetze entarten. Aber man hat ja seinen Ruf als Verrückter oder Bekloppter (plus diverse Wortmutanten) bei den Verwandten, Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen permanent zu verteidigen, wenn nicht sogar zu verbessern. Also, auf nach Amelinghausen, zum 2. Internationalen 6-Stunden-Lauf.
Wo zum Kuckuck ist nun wieder Amelinghausen? In der Heide, beziehungsweise dahinter, falls dies möglich ist, Autokennzeichen LG für Lüneburg. In Amelinghausen läuft man auf einer 400-Meter-Tartanbahn - au backe, erst mal 50 km erreichen, das sind ja schon 125 Runden - soweit geht ja nicht mal die Polaruhr-Rundenzählerei, die bei 99 aufhört. Bevor einem diese Probleme erst mal total bewusst werden, taucht Manfred Iser auf - er hat hier schon Rekorde ermöglicht, nämlich in dem er aus dem Weg ging, als vor 2 Jahren Ricarda Botzon glatte 81 kms runterrattere (über 200 Runden - wird das geschätzt oder können die hier soweit zählen?). Aber es kommt noch schlimmer: zuerst Il Capo Christian, daraufhin oh Graus, Meister Affenzahn und dann noch “den-haben-wir-unterwegs-aufgegabelt”Uli Schulte (zu dem man nicht mehr das Kleiderstück in seiner antiken Form an den Füßen sagen darf - aber das war doch ein lieber Kosename). Dieter Merker hatte diese Vögel als Chauffeur ertragen müssen.
Plötzlich steht eine Riesenschüssel Nudelsalat auf dem Boden und die feine Tupperware wird ausgepackt - wenigstens einmal im Jahr. Dieter und vor allem Fressraupe Affenzahn langen zu und nochmal zu und ..... Powerschnecke lehnt dankend ab - seit dem fünffachen Debakel in den Brenneseln, hinter den gestapelten Baumstämmen und sonst noch wo beim Rennsteig aufgrund der Völlerei, zu der ihn Bruder Affe gezwungen hatte, wird nichts mehr vor dem Lauf an solchem Zeug verschlungen. Uli fixiert 10 Minuten lang die Nudelsalatschüssel - jeder tut so, ob er es nicht bemerkt - dann endlich Uli: “Wem gehört eigentlich diese Delikatesse?” - “Ach Uli, möchtest Du was davon, warum sagst Du denn nichts?” - “Nö, eigentlich nicht .... aber tu ruhig noch einen, oder wenn’s sein muß, zwei Löffel drauf.”
Beim fröhlichen Nudelsalatessen und auf-den-Boden-fallen-lassen kommt nochmals die schon berühmte Frage, diesmal von Dieter: “Sag mal, Powerschnecke, wenn mir heute beim Rennen was passieren würde, also gesundheitlich, würdest Du dann anhalten?” - “Nö, wozu? - aber frag mal Christian! Jedoch wir können eine Zelllinie aus Dir machen und in flüssigem Stickstoff lagern.” - “Ja, wozu das denn?” - “Na, dann brauchen wir Dich nicht mehr. Sozusagen eine Dieter-Reserve. Dann kannste beruhigt umfallen”.
Dann kann’s ja losgehen. Jetzt fahren wir wie bei der Formel 1 im Auto von Schumacher erst einmal um den Kurs - nun ist die Kamera am rechten Schnürsenkel des linken Schuhs: Ziellinie richtig mit Banner quer über die Bahn - davor rechts eine echte elektronische digitale Zeituhr - links ein überdachtes Behelfsetwas mit Tischen für die Zähler - pro Zähler zwei Läufer, da sollte nichts schiefgehen - in der nächsten Linkskurve geht’s rechts prima raus, hinter oder in die Büsche (gut zu wissen) - die obere Rundkurve ist unspektakulär - auf der Gegengeraden rechts zwei Tische für Essen und Getränke mit zwei holden Damen - links etwas im Feld ein Rote-Kreuz-Zelt für die Klamotten (insbesondere Regenjacken) - rechts hinter der Bande die Bühne und Zelte des veranstaltenden Vereins MTV Amelinghausen, wo später es dann Action geben wird - gegenüber zuerst ein in den Boden gerammter Speer gefolgt von zwei Babybadewannen ohne Babies, aber mit Schwämmen - in der unteren Rundkurve kann man dann die Zuschauer begaffen, die die laufenden Affen begaffen - in der letzten Linkskurve rechts das Restaurationszentrum und Badezentrum und Aussichtsplattform für die Hobbytrainer, die fachkundig ihre Kommentare geben - zu Beginn der Zielgeraden die tiefsten und meisten Pfützen (später dann) - und schon ist eine Runde geschafft - beim Passieren des Ziels nicht vergessen, den Rundenzähler aufzuwecken (Winken, Pfeifen, den Mittelfinger äh Zeigefinger zeigen, in die Luft hüpfen, wasauchimmer).
Zu erwähnen sei noch der Showmaster, ein Plappermaul erster Qualität, erfahrener Elbtunnelmarathonansager und Volllaberer, Dr. Rüdiger Carlberg, ein Zahnarzt (kommt ein Skelett zum Zahnarzt; sagt der Zahnarzt: “Ihre Zähne sind in Ordnung, Ihr Zahnfleisch macht mir Sorgen” - uuuaaah, ja ja ja Prinzessin, die Zahnärztewitze sind noch lahmer als die Ärztewitze). Ohne Rüdiger läuft hier nichts und niemand schnell - er selbst ein richtiges Event mit seiner blau-fluoreszierenden-wrap-around-Bono-von-U2-Superstarsonnenbrille.
13 verlorene Lämmer am Start, der 100 MC grandios vertreten mit Affenzahn, Dieter, Uli, Capo, Powerschnecke und Christel Kunze; der MTV bringt nur 4 Läufer auf die Bahn (buh). Ricarda zeigt gleich mal, wer hier der Chef ist. Dahinter wird gezockelt und gewackelt, dass es gar nicht vorwärts geht. Na, da greift Meister Affenzahn gleich an und setzt sich an die zweite Position - kluger Junge, das Schlappohr. Als Ricarda dann nach 2 Stunden anscheinend keine Lust mehr hat und aussteigt, führt der 100 MC - juhu. Nun muß man den jungen Raucher natürlich bremsen und so richtig coachen - aber läßt so ein Hamburger Dickschädel sich überhaupt was sagen? Nee - wie sich später herausstellen wird.
Da gibt es nämlich Dr. Suliko Berndt, hier auf der Heimstrecke. Erst einmal müssen die Geheimagenten des 100 MC den neuen Feind richtig auschecken. Capo hat schon rausbekommen, was es mit dem seltsamen Vornamen auf sich hat: ein georgischer Name. Dann wird sie in die Ausfragezange genommen: Christian auf der Innenbahn, das Opfer in der Mitte und Powerschnecke auf der Außenbahn. Hmm, kann laufen: Rennsteig im Mai, Biel in Juni (und zwar in 10:45 h) - oha, die wird gefährlich werden. Beruf und woher kommt der Titel “Dr.” her: Ärztin und Chirurgin. Ach Du lieber Himmel - die sind im Allgemeinen rücksichtslos und draufgängerisch. Wir ahnten es gleich. Länger läßt sie sich auch von den beiden Schleichern nicht aufhalten und brettert munter los.
In der Mittelphase mit Sonne und blauem Himmel tauchen Schek-Kee Lo und Davor Bendin auf: Kinderausflug (vermutlich haben die Frauen gesagt: “Nun haut mal ne Weile ab und nehmt die Gören mit - wir brauchen auch mal unsere Ruhe”), um die Verrückten zu besichtigen - und um zu lästern, wie lahm das wieder läuft. Typische Hamburger Macho-Sprüche zu Affenzahn: “Hey, Du wirst Dich doch nicht von einer Frau besiegen lassen!” und zur Milchtüte von Powerschnecke auf dem Eigenverpflegungstisch: “Ich wußte, dass die Milch nur Dir gehören kann”.
Dieter ist ein richtiger Schmidtchen Schleicher, total harmlos trödelt er zu Beginn am Ende des Feldes, läßt sich x-mal überrunden - man denkt “sehr gut, schon einer weniger vor einem in der Ergebnisliste, der ist im Sack” - aber natürlich ist Dieter ganz zum Schluß die doppelte Menge an Runde vor einem - vorgeschlichen, einfach so. Den Trick versucht er fast jedes Mal, meistens erfolgreich - aber jetzt ist er durchschaut, komplett geoutet sozusagen. Bianca Gudd hat dieselbe Masche drauf - aber wenn für irgend jemanden hier der Begriff “Marathonmaus” zutrifft, dann für Bianca - klein, aber oho, die kann vielleicht spontan die Drehzahl erhöhen - da staunt der Mäusearzt.
Das ist genauso wie beim Marathon - Disziplin und Geduld sind alles. Man wird einfach viel zu schnell und verliert nachher doppelt und dreifach das angeblich Gewonnene. Natürlich auch heute wieder so in der zweiten Stunde. Au, au, Manfred gerade überholt - das ist kein gutes Zeichen. Erstens reizt ihn das und zweites ist der eigentlich eine Nummer, wenn nicht zwei, zum Vernaschen zu groß, sprich zu schnell. Er ruft noch hinterher: “In der sechsten Stunde lege ich los” - genauso war’s dann auch.
So um die 3 Stunden kommt der erste große Regen, oder eher Gewitter. Es zeigt sich, dass der führende Affenzahn bald eingeholt werden wird. Man muß ihm helfen - aber erst mal pinkeln. Woher kommt denn dieser Harndrang, eigentlich wenig getrunken. Und beim Pinkeln kommt wenig, um nicht zu sagen gar nichts. Mist Mist Mist. Zu wenig getrunken, die Nieren machen dicht, die Blase ist leer, die Blasenschleimhäute reiben aneinander und entzünden sich, das brennt wie die Sau - Klasse Aussichten. Hilft nur noch eins: saufen wie ein Kamel. In jeder der nächsten 30 Runden wird der Verpflegungstisch angesteuert, zwei Becher jedes Mal mindestens von Wasser oder Iso oder Cola oder Milch (das Malzbier passte da überhaupt nicht rein), egal was - die Wächterinnen der Verpflegung denken, wenn sie Powerschnecke in der vorherigen Kurve dahereiern sehen, sicher gleich: “Hey, da kommt der Säufer, schnell noch ein paar Becher nachfüllen”. Bei jedem der drei Gewitterregen (mit Hagel einmal) weichen diese Frauen nicht - Christian drückt es in echt Hamburger Realpoesie bei der Siegesfeier treffend aus: “Bei diesem Scheißwetter ...”.
Rüdiger betont pro Stunde mindestens zweimal, dass Suliko vor zwei Wochen den Biel 100 gemacht hat (eigentlich vor 3 Wochen) und davor noch den Rennsteig. Nach dem zehnten Mal muß man dem Guten schon klarmachen, dass unser werter Affenzahn das Gleiche (oder fast - Details werden natürlich nicht erwähnt) geleistet hat. Inzwischen hat Rüdiger die arme Powerschnecke als Opfer seines Spottes entdeckt: “Wie man mit diesem Laufstil überhaupt vorwärts kommt, ist schon ein technisches Wunder” - oder so ähnlich. Na warte, Dir zeigen wir’s aber. Das ist doch die erste Trainingseinheit nach dem neuen Ingo-Schulze-für-den-Deutschlandlauf-2005-Trainingsplan: der Superultraschlappschritt = Laufen ohne sich zu bewegen.
Wenigstens gibt es mit dem Horst, dem Rundenzähler, absolut keine Probleme - außer in Runde 80, als er partout behauptet, es sei erst die Runde 79 - erstens haben die Rundenzähler immer Recht und zweitens stürzt dann ein Oberzähler herbei und bestätigt, dass Zähler immer Recht haben und Oberzähler qua Amt sowieso - und Recht haben sie, ist ein Verzähler seitens des falschzählenden Läufers.
Es kommt wie es kommen muß: bei Marathondistanz (dafür gibt es den Speer im Rasen) ist Affenzahn um 3:47 h noch 400 Meter vor Suliko. Nur noch eine halbe Stunde allerdings. Wenn Suliko von hinten ankommt und gleich überholt, macht man gerne Platz und freut sich auf ein paar Sekunden Esthetik: groß, schlank, sehr schöne Beine, gelungene Rückseite, nach Powerschnecke den zweitschönsten eleganten Laufstil - dagegen wenn Affenzahn dahertapst: ach, der Trampel schon wieder. Trotzdem muß man zum Clubkameraden und Lauffreund halten. Spontankonferenz mit dem Chef: “Wie können wir Affe helfen? Bein stellen? in die Büsche zerren (nicht was Ihr wieder denkt!)? Schupsen? mit Dauergelaber einschläfern?”. Christian hat keine zündende Idee, meint nur, dass sie erfahren genug sei und gut laufen kann. Okay, dann die lahme Eule von Affe bearbeiten: “Hör zu, Rotznase, in der sechsten Stunde, eine halbe Stunde vor Schluß, gibst Du Gas Gas Gas.” Aber Dick hört halt einfach nicht auf Doof. Was macht der Junge, als Suliko um die 5 Stunden rum anfängt zu gehen: er brettert los - zu früh - erst mal muß sie sich kaputtgehen und psychisch am Boden sein. Das Affengerenne weckt die Dame auf und nichts ist mehr drin. Suliko gewinnt überlegen, bravo bravo - Affenzahn zweiter Platz - so ein Irrer rennt wie ein Irrer noch in den letzten Minuten um den Platz und stößt um genau 5:59:09 h an der Ziellinie einen Jubelschrei mit schwäbischen Akzent aus: Jaaaaaaaaaaaaaa. [Offenbar km 60! D.Red.].
Nach dem Lauf erst mal Interviews geben - so in etwa - das Rüdiger-Mikrophon wird vor die Nase gehalten: “Sag was”. Klar, da kann ja nur Quatsch rauskommen, deshalb den Interviewer gleich zu Affenzahn gegenüber schicken. Lieber in Richtung Clubhaus und Duschen wackeln - Gemeinschaftsduschen - bekanntermaßen für die intersexuelle Kommunikation von psychologischer (oder eher pathologischer?) Relevanz. Denkste, Raum ist total duster - angeblich findet niemand den Lichtschalter - Brille beschlägt total - im Duschraum nebenan ist so ein Dampf, dass man nicht mal die Wasserhähne findet, man könnte sich ja an einem falschen Teil festhalten. Na dann lieber eine halbe Stunde auf die Toilette und die Nieren überreden, sie sollen doch ein paar Tropfen Richtung Blase schicken, damit die dann entleert werden kann. Als fast alle futsch sind, wird der Lichtschalter entdeckt (Bianca: “Ah, nun kann ich Euch Jungs endlich alle sehen!” - zu spät, ätsch, außerdem gibt’s bei kaltem Regen nichts zu sehen, schon gleich gar nicht eine halbe Stunde nach dem Ultra) und der Chef und Powerschnecke können in totaler Ruhe und Frieden heiß duschen und über Frauen lästern - man kann ja immer dazulernen - beziehungsweise von den Fehlern anderer profitieren.
Im Festzelt sind schon alle versammelt, um 8 Uhr geht die Siegerfeier los. Bevor Il Capo kommt, kann gerade noch das letzte Wurstbrot konfisziert werden. Vorne steht ein Treppchen (wie bei der Formel 1 oder sonstwo) mit 1 - 2 - 3 drauf - wird überhaupt nicht benützt. Jeder, der lief, erhält einen Pokal, manche sogar zwei - und es sind immer noch welche übrig - warum nicht noch einen für den Bierausschenker draußen vor dem Festzelt und den DJ, der für die zumeist anspornende Musik sorgte? Das Einzige, was ungemein nervte, war dieses grauslige Volkslied um einen “Holzmichel”, das während des Laufes quasi einmal pro zehn Minuten für Suliko gespielt wurde - bäh. Zweiter Platz in der Altersklasse - juhu - leider ist Manfred, dieser Schuft, unfreundlicherweise auch in derselben Altersklasse - also dann eben zweiter von Zweien.
Für die flapsige Bemerkung, als der “Uli Schulte der Pastor” aufgerufen wird und seinen Pokal erhält, dass man doch noch mal die Rundenzählerei für ihn kontrollieren und alles nachmessen solle, gibt’s einen saftigen Rippenstoßer. Ein Fußballer hätte sich theatralisch zu Boden fallen lassen und Uli hätte verdientermaßen die rote Karte bekommen - aber wir sind ja keine Fußballer. Auf jeden Fall hat Uli zum Glück abgenommen, er ist nur noch ein Schatten seiner selbst (kann soviel abnehmen gesund sein?), sonst wäre er Schwergewichtsboxer.
Fazit: tolle Veranstaltung - professionelle Organisation - schöner Nachmittag - schade, dass nicht mehr kamen (Läufer und Zuschauer) - es hat wirklich Spaß gemacht, die verrückten Freunde wieder zu sehen und einfach dabei zu sein.
Bis zum nächsten Mal - eure Powerschnecke
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