Berlin - 31. real Berlin Marathon am 26. September 2004 - "Powerschnegge in Bärlin"
Über den Berlin-Marathon kann man trefflich streiten. Die einen meinen: Massenveranstaltung, totale Anonymität, Wahnsinns-Preise (50 Euros für die Frühmelder - und das ohne Nudeln, sowieso superlabbrig!), verstopfte Laufwege, Dreck und Müll ohne Ende, Verkehrschaos davor und danach, Pflicht zum Übernachten für Auswärtige (keine Startnummernausgabe am Lauftag, echte Sauerei). Dagegen halten die Verteidiger: tolle Stimmung, Millionen am Streckenrand, im Fernsehen übertragen, Spitzenläufer mit Weltrekorden, schnelle Strecke für eigene Rekorde, organisatorische Meisterleistung und überhaupt ist das der deutsche Marathon. 36 000 Läufer wurden angekündigt - sind da die Kinder mit dem Mini-Marathon dabei? Auf jeden Fall stehen 28.032 Marathoner in der Ergebnisliste. Vermutlich je nachdem wie zufrieden man nach Hause fährt, ob man ins Ziel kam, ob man gut durchkam, ob man eine geplante Zeit erreichte, wird man sich zu den Pro- oder Contra-Leuten gesellen.
Das Startnummer-Abholen wie immer am Samstag Nachmittag ein Gewusel wie früher beim Sommerschlußverkauf. Schon das Parkplatz-finden dauert und dauert - die gesichteten Politessen, die offensichtlich keine Sympathisantinnen sind, schrecken vor dem normalen ich-bin-ein-Marathonläufer-und-parke-wo-ich-will-Manövern ab. Beim Überqueren denn als Fußgänger der letzten Straße schreit es von hinten: “Powerschnecke” - lieber das als so ein VW Toureg oder anderes Monster auf der Straße, das einen plattmacht. Es ist Sche-Kee Lo aus dem offenen VW Bus, wo er mit Silvia und Kes in der Sonne sitzt. Er wird mit Babyjogger laufen und sich einen Kehrricht um das nicht-erlaubt-sein scheren: “Wir starten ganz ganz hinten und arbeiten uns vor, dann behindern wir niemanden”.
In der Halle dann gleich auf Sigrid Liebling Eichner rennen, die immer noch französische Liebesgrüße im Darm hat. HaJo Meyer ist auch nicht weit. Dieter Baumann schwingt an einem Verkaufsstand per Mikrophon große Reden und sabbert was von “untalentierten Marathonläufern” (Zusammenhang ist mangels nicht-Stehenbleiben nicht klar - vielleicht spricht er von sich). Man fährt zusammen im grünen Corsa-Porsche quer durch Berlin ins Hotel Eichner, wo wohl der halbe 100 MC schon schläft (erste Gute Tat). Zum Glück hat Schneggi eine Reservierung im Plastikhotel ETAP in Marzahn, das als Stadtteil selbst unter Ostberlinern ein gewisses Naserümpfen hervorruft.
Dieses ist der dritte Auftritt beim Bärlin-Marathon: dreimal durchgekommen - einmal akzeptable Zeit, einmal miserable Zeit, einmal Katastrophenzeit. Trotzdem ist nicht alles zum Bemeckern. Dieses Mal nach zweimal in die U-Bahn-so-gequetscht-sein-dass-einem-die-Knallbirne-beinahe-explodiert die Variante des fahren-wir-mal-so-nahe-hin-wie-frech-irgendwie-möglich gewählt: woa, dreihundert Meter vor der großen Wiese mit Gepäcklastern und Duschen und allgemeine Herren-ich-bin-Marathonläufer-ich-pinkle-wo-ich-will-Kloake eine legal befahrbare Straße und einen nicht-Parkverbot-Parkplatz gefunden - allerdings schon um 7 Uhr (Start um 9:00 Uhr) - wo, wird nicht verraten, sonst parkt Ihr alle dort. Eigentlich wäre noch eine Stunde Schläfchen im Autositz drin, aber es latschen einfach zuviele von diesen frühaufstehenden Sportlern mit ihren Plastiktüten schon links und rechts und sonst wo durch die Gegend. Also noch die eigenen Latschen aus dem Kofferraum, da brüllt schon wieder einer: “Powerschnecke” - Mann, ist die Marathonwelt klein: Doris und Mario Sagasser. Also zusammen los und ins Gehege gezwängt (nach strikter Kontrolle - eher ein Witz). Die Toiletten sind ganz speziell eklig - Fan No. 1 hatte mal woanders bei solchen Häuschen von “kriminellen Klos” gesprochen (und das als Spanierin, wo Powie in Spanien noch 1994 in vielen Örtlichkeiten noch stehend auf diesen Fußabdrücken ....).
Um 8 Uhr fängt es an zu nieseln, dann zu regnen. Der Weg zu den Startblocks A-H wird zugestaut - zuviele Leutchen. Ein Mädchen in fast hysterischer Art tönt von ihrem ersten heutigen Marathon - der reifere Läufer rechts von ihr (Typ 200-Marathons-unter-3) labert sie voll mit Tipps usw. und trollt sich. Powerschnegge noch: “Ganz langsam anfangen und dann schneller werden”. Sie: “Was es geht schon los?” und fängt an zu wieseln. - “Nein, wir sind ja noch gar nicht in unserem Block!” - “Was für ein Block?”. Sie ist so zappelig und hyper, man muß das Mädel an der Hand nehmen (imaginär natürlich, obwohl der Po nicht zu verachten ist, rein anatomisch gesehen natürlich - aber Coach Dromedar hatte noch gewarnt: “Alte Mann muß schneller laufa und nix gugga Frauen auf Hintern”, sonst rennt die noch ins Bundeskanzleramt, schwingt ihre Cola-Flasche und die Bodyguards von Old Gerhard nieten sie um, in der Annahme, dass diese eine wildgewordene Attentäterin sei. Überhaupt, wo ist Old Gerhard? Ist wieder nicht am Fenster und winken tut auch niemand nie nicht dort (der hockt wieder in Hannover und futtert Chips und Pommes mit Bockwurst und telefoniert mit Joschka, warum der denn so fett geworden sei und nicht mitläuft, wo er doch angeblich so viel und so schnell laufe). Übrigens Schröder: überall steht “unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzlers” - wo ist der Junge? Letztes Jahr tönte er noch rum: “Ich kapiere nicht, wie jemand freiwillig einen Marathon laufen kann” - woa, und jetzt Schirmherr von den Verrückten! ein Karrieresprung, wa? Also Zappelmädchen heile in die H-Box gebracht und noch auf die Schulter getätschelt (nix auf Po, Coach, Ehrenwort!) (zweite Gute Tat).
Wie schon erwähnt, die paar Hundert Meter zu den Startkäfigen gestalten sich zum Geduldsspiel, das manche nicht mehr ertragen und die zwei Meter hohen Gatter hochklettern und drüben runterspringen (5 Minuten vor einem Marathon noch 2 Meter hoch runterbröseln - aber hoppla). Aber dann gehts durch den Park ohne Seitengitter und es bietet sich eine erstklassige Gelegenheit, nochmals in die Büsche hechten - besser als vor den unsäglichen blauen Häuschen anzustehen.
Wie befürchtet, sind es einfach zuviele Läufer - zumindest in der Schneckenfraktion. Während A-E zusammen erschossen, äh losgeschossen werden, gibts für F- und G-Menschen einen zweiten späteren Startschuß. Danach sind noch die H-Typen dran. Obwohl es 173 Mal per Lautsprecher ab 8 Uhr durchgesagt wurde, haben diese Prozedur nicht alle kapiert - also allgemeines Chaos und Gewusel. Kein Durchkommen, zuviele rennen quer vor die Füße und zurück. Bis km 12 gibts hier und da Abbremsen und im-Gänsemarsch-Tippeln, weil die Straße eine Kurve macht oder enger wird.
Am ersten Verpflegungspunkt flippt ein Rasta-Mann total aus (zuviel Ganja?). Er schreit und zetert und schmeißt einen Tisch mit zwei Babybadewannen voll Wasser um - auf die Laufstrecke - gerade noch vor uns, aber durchs abrupte Abstoppen laufen wir alle auf einen Haufen (und noch einer drauf und noch einer ...). Zum Glück sausen jede Menge Italos durch die Gegend - die sind immer gerne bereit für ein kleines Schwätzchen und freuen sich meistens köstlich, wenn man noch zurück oder vorwärts den italienischen Marathon-Gruß “In bocca al lupo”ruft (in etwa: ins Maul des Wolfes), wobei man antworten soll: “er solle krepieren (der Wolf)”. Bei km 18 wieder einen Italiener aufgegabelt - plötzlich fragt er was den Polizisten am Rand - der versteht natürlich kein Wort - okay, opfert man 2 Minuten und dolmetscht: er will wissen, wie er am schnellsten zum Ziel komme (nicht zum Bescheißen, sondern er will aufhören! tatsächlich? wirklich? nicht noch mal überlegen? wir gehen zusammen ein Stück? dreimal nachgefragt, er ist bei Sinnen und störrisch und hört auf, der Römer, okay, “Ciao ci vediamo a Roma in Marzo prossimo” - “man sieht sich in Rom im nächsten März”) (dritte Gute Tat).
Die viel gerühmte Bärliner Marathon-Atmosphäre war dieses Jahr in Hamburg und Köln - zu mieses Wetter? zuviel Jubeln wird langweilig? zuviele Läufer? es gab auch schon mal mehr Musik an der Strecke. Es sind etliche Trommler-Gruppen an der Strecke, das ist immer super und puscht nochmals auf. Der berühmte wilde Eber und die letzten 200-500 Meter vor und nach dem Brandenburger Tor sind die besten Plätze für Anfeuerung-Bekommen. Also, es ist sonst nicht leer, aber auch nicht massig. In der Zeitung steht was von einer Million Zuschauern - vielleicht nochmal nachzählen. Die Verpflegung ist geradezu spartanisch einfach: Wasser, Wasser, Wasser, Iso und manchmal Tee (keine Cola - Minuspunkte), klitschige Bananenstücke, aber leckere Apfelscheiben. Es gibt etliche Barfußläufer - einer davon meint auf Anfrage bei km 35, dass nicht die Füße, sondern die Beine das Problem seien (aha, kapiert).
Bestes Plakat: “Mo, Mo, Monika - der Blitz aus Lammersdorf” (oder so ein ähnliches Kaff) - woa, wir sind die Spitze der letzten 10% des Feldes und die guggen noch weiter nach hinten nach dem Blitz Monika, die offensichtlich noch nicht vorbei ist. Bestes T-Shirt: ein älterer Typ hat ein Schild auf dem Rücken: “Mein 20. und letzter Marathon” - “Warum?” - “Ach, ist so anstrengend”. Recht hat er, heut ist es irgendwie doof, keine Stimmung, es nieselt, die Luftfeuchtigkeit ist wieder so hoch, dass die Brille beschlägt, der Turbo springt auch nicht an, die Zielzeit wird von km zu km um 15 Minuten erhöht, bis man versucht, sich an das Gesamtzeitlimit zu erinnern. Sche-kee und Anhang sausen vorbei - keine Chance heute sich dranzuhängen - ach ist das alles deprimierend.
Da bietet sich ein Schwätzchen mit dem Typ im roten T-Shirt an: er brettert 500 Meter und geht 500 Meter, wird dabei natürlich immer wieder überholt. Also, mal anquatschen. “Hey, Du machst das jetzt schon mindestens fünf Mal. Wäre langsames Traben nicht einfacher?”. Er läßt sich überzeugen und man quasselt und quasselt. Steve aus Mäg-Pom - Mäg-Pom? - ja, Mecklenburg-Vorpommern ist zu lange und englische Vornamen wurden in der DDR oft genommen, um die Behörden-Jungs zu ärgern. Der Stand bei km 35 ist in Bundeswehrhand - auf die übliche flapsige Bemerkung eines Kriegsdienstverweigerers meint Steve, dass dies “seine Jungs” seien - er ist Leutnant bei der Flugabwehr (oder so nen Kram) - unter seiner Nummer steht bei Verein “Starkbierfront HH-Horn”. Na, auf jeden Fall muß er auch heute mächtig kämpfen und hängt sich dran: “Nur nicht so schnell bitte!” - “Okay, ich bring Dich durch” (vierte Gute Tat). Er ist am Torkeln, aber lahme Ärztewitze lenken ihn ab und er mag sie sogar (halb benebelt, der Junge, was) - dritter Marathon: Berlin - Hamburg - Berlin. Wir kommen durch und der 9er- und 8er-Schnitt wird erbarmungslos auf 7er-Schnitt für die letzten 3 kms gesteigert (was für die Galerie, Freundin guggt zu), er keucht - ein 6er-Schnitt wäre Powerschneggenseitig noch drin gewesen, aber dann hätte Steve Schaum vor dem Mund gehabt - also in aller Ruhe (“in der Ruhe liegt die Kraft” maulte neulich der Coach - und Coach Dromedar immer haben richtig Recht).
Kurz vor km 40 eine Ansammlung von drei Notarztwägen und zwei Notarztfahrrädern und jede Menge Personal, auf der Bahre, äh Trage, liegt schon einer mit Sauerstoffmaske und Infusion und Intubationswerkzeug sind ausgepackt - nix wie weg, sonst packen sie Powerschneggi auch noch: “Den da in Weiß-Schwarz, den alten Knacker mit dem lahmen Geschlurfe-Geschlappe sofort einfangen und auf die Bahre, äh Trage - und gut festschnallen!”. Lieber sich um den alten Japaner kümmern, der so traurig guggt und in japanischer Demutshaltung vorgebeugt geht, ja kriecht. Das “konichi-wa” und “konban-wa” weckt ihn auf und er fragt nach mehr japanischen Wörtern; die Ansammlung von zwei Dutzend zusammenhanglosen Vokabeln wie “danke, vielen Dank, guten Tag, guten Morgen, guten Abend, gute Nacht, wo Klo, Zug, Auf Wiedersehen, Frau, wo Hotel?” usw. bringt ihn zum Lachen und er strahlt sogar - das internationale Zeichen zum Mitkommen (ein perfekt aus dem Handgelenk geworfenes Vorwärtswinken) nimmt er gerne an (fünfte Gute Tat) - und so zockeln wir zu dritt, später Herr Sayonora ein wenig dahinter, gegen Brandenburger Tor - Steve greift den Gute-Tat-Gedanken auf und spornt jeden Gehenden zum Mittrampeln auf - aber die meisten reagieren gar nicht mehr - wir sind manchmal ein trauriger Haufen da hinten im Schneckenfeld, nix von dem oft so nervigen Machogehabe der Flitzer - aber es ist auch oft saulustig, man hat mehr Zeit für Späße und für ein Schwätzchen, lernt Leute kennen, die Flitzer da vorne haben ja gar keine Zeit für sowas, außerdem können sie vor lauter nach-Luft-Gejapse sowieso gar nicht reden.
Nach dem Ziel fängt der Müll erst so richtig an: fast alle in Capes aus weißem Plastik, der natürlich überall dann liegenbleibt. Im Meer der weißen Riesenmülltüten werden noch Barbara und Il Capo Christian entdeckt - Foto und Tschüß, es regnet. Die Duschen in den Zelten auf der Straße haben wir woanders auch schon mal besser erlebt. Aber was Neues: die sind zu heiß! Natürlich gibts zu wenig davon; also mit dem Nächsten (einem Dänen) eine Dusche teilen und abwechselnd drunterhopsen - und auch noch Powerschneggis Duschgel teilen (sechste Gute Tat). Wozu die Aufzählung der guten Taten? Irgendwo wird Werbung für ein Anti-Rauchen-Dingsbums gemacht und die Leute werden aufgeschreckt mit jede-Zigarette-kostet-15-Lebensminuten. Nun, wie wärs mit jede-gute-Tat-bringt-15-Minuten - also 90 Minuten an diesem Wochenende - Ihr könnt ja Einspruch an höherer Stelle dagegen erheben. Und noch eine siebte Gute Tat, die aber nicht eingefordert wird: eine Läuferin wird von Powerschnecke enttarnt, die illegal, illegitim und sonst was mitgelaufen ist, einfach die Startnummer vom letzten Jahr genommen und ohne Chip, aber mit guter Zeit - na sowas! Name ist bekannt, Tatbestand ist klar, Geständnis liegt vor - alles fällt aber unter strengste Geheimhaltungspflicht - Erpressung läuft.
Coach Dromedar tobt: “Was war denn DAS? Ich solla gugga Nr. 8018 in TV, aber ich besser gugga weg. 40 Minuten für km 35-40 (“also bitte Coach, es waren doch nur 39:21 min! aber Du hast die km 25-30 mit 39:56 min übersehen, hähähä”). Okay, drakonische Massnahmen: erstens, 25 Stockhiebe - zweitens, diese Nordic-Powerwalking-Sticks wegwerfen - drittens, alte Mann muß lerna laufa - viertens, langsam umorientieren auf Scrabble.” Zebra Ute fragt nach, wie die Mittagspause (mit oder ohne Mittagsschlaf?) gewesen sei.
Fazit: nu, kann man denn den Bärlin-Marathon empfehlen - oder nicht? ja und nein! Wie gesagt, da scheiden sich die Geister - zum Powerschneggschen Lieblingsmarathon wird er es wohl kaum noch schaffen - aber für Erstläufer (und davon hörte man links und rechts im Schneckengefilde pausenlos) scheint er wohl geeignet - aber weiteres Wachsen ist nicht mehr drin. Das Wichtigste ist doch immer die Antwort auf die Frage, die der große Ruhrgebietsphilosoph Steppenhahn (mit gebührenden Philosophenbart jetzt) gedankenschwer und nachdenklich sinnierend in den Raum gestellt hat (neulich nach dem 6-Stunden-Kölner): “Bist Du zufrieden?” - die Mutter aller Fragen nach einem Marathon. “Ja, großer Meister Sensai, wir sind zufrieden in Bärlin, danke - dürfen wir jetzt die Zigarettenkippe in Ihrer Hand küssen?”.
So, jetzt erst mal kleinere-Brötchen-backen und weniger-dicke-Backen-machen (schwäbischer Ausdruck) - zumindest für eine Woche.
Grüzi
Powerschneggi
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