Biel - 47. 100 km-Lauf am 17.-18. Juni 2005 - Biel: wie oft muß man da hin? Wahnsinnshitze, neue Freunde, Katastrophenlauf

Samstag, 25. Juni 2005


Micha Dromäus fragt: “Wie oft muß Du eigentlich nach Biel? schon wieder auf die Piste? mach mal Pause!” - “Mindestens drei Mal, das ist jetzt das dritte Mal, drei dieser Supermedaillen müssen zusammenhängen!”. Später meint er dann plötzlich, er könne ja nach der Arbeit von Basel aus am Freitag Abend mit dem Zug nach Biel bummeln, diesen Trainingslauf machen, gemütlich frühstüggen und per Zug wieder zurück nach Badensia, quasi schlabb mal 100 kms laufen statt die Zeit mit Schlafen zu vergeuden.

Letztes Jahr hatte Mario Supermario Sagasser geschwänzt - Vortäuschung einer Verletzung, nee war wirklich verletzt der Ärmste - seit dieser dreimonatigen Pause ist er schnell wie nie zuvor, Gemeinheit, tat ihm wohl gut. Er will es nochmals probieren - Treffpunkt Flughafen Zürich - vorher noch die Kleinigkeiten regeln - Schneggi erwischt diesen Mann-von-Welt-Supermanager im Zug Frankfurt-Köln: “Hey, was fährst Du da auf meine Kosten durch die Gegend?” (Schneggi ist Telekom-Kunde - äh, einer der letzten 10 - und Supermario ist Top-Mann bei Tälä-komm-mit). Also, vor Ankunft 1, neben Parkhaus 1 - klappt natürlich nicht, aber man findet sich.

Wie es sich für Biiieeeel gehört, muß man daraus einen privaten Ävent machen - also Donnerstag und Freitag Urlaub und gemütlich gegen Süden tuggern - tja, je langsamer mit dem Corsamobil, desto schneller kommt man an, die Raser werden alle versägt - gutes Omen.

Das bitte-heute-kein-Vollstopfen muß der Mamma in Neu-Ulm zwanzigmal erklärt werden: “Am Samstag Abend dann werde ich essen wie ein Badensischer Oberschwätzer und den Rest pagge ich ein zum Mitnehmen”. Freitag so lange im Bett bleiben bis das Kreuz wehtut - aber das im-voraus-Liegen oder im-voraus-Schlafen funktioniert nicht so richtig - ah, ab jetzt Hunderte von Stunden unterwegs sein, so in etwa.

Wie zu erwarten, schon am Freitag schwül und affenheiß - auf der Autobahn von Bregenz nach Zürich rollt es sich prima, nicht diese Max-Hektik wie bei den Teutonen - auf einem Parkplatz ist ein Italiener (Autokennzeichen was mit “MI”, aha, also Milaneser Schbagätti) oberglücklich, dass auf das “Do you spiiek Ingläsch?” auf Italienisch geantwortet wird - will nach München, eigentlich nach Regensburg, also nach Norden - und hat sich um 50 kms Richtung Zürich, also nach Westen hin, total verfranst - Ehefrau (oder eine Frau halt) sitzt auf dem Alfa Romeo-Beifahrersitz mit drei aufgeschlagenen Karten und rotem Kopf - alles klar, richtigen Weg erklären und fest einschärfen, nie mehr auf eine Frau zu hören, die die Karten so drehen muß, dass Fahrtrichtung und Ableserichtung der Landkarte konkruent sind - “ciao ciao, mille grazie” - ah, das war die heutige Gute-Tat-ab-jetzt-wird-alles-gut.

Supermario doch in Kloten am Flughafen gefunden, den jungen Flizzer eingepaggt, und los jetzt nach Biel. Um 13 Uhr schon in Biel, die Camperwagen und Zelte sind schon da - gleich rennen wir in Heiner Clochard Schütte, der es wieder mal probieren möchte oder, andersherum gesagt, einfach nicht lassen kann - “Anmeldung macht erst um 16 Uhr auf” - “Ich weiß, aber dieser Neuling von Supermario ist so nervös und figgrig, ich latsche mit ihm mal ums Karre und dann noch mal pennen!” - Bernhard Wüstenläufer Sesterheim lädt ein, zum Fisch-Mittagessen mitzugehen - “Uh, ah, oh, Fisch? das könnte übel enden! nee ein andermal”.

Rüggmarsch zum Auto und zum Piggnigg alles mitnehmen - am besten auf der Zeltwiese - Supermario pennt gleich ein, Schneggi quatsch noch hier und dort - Joachim Barthelmann macht Angst und Bange bezüglich Deutschlandlauf: “200 im Training pro Woche sollte schon sein! - uaaaaaaaaa - Gabi Werwolf lädt zum Schwätzchen ein - mit Daniel Basel gibts, da er ja auch in der Schneggenfraktion zuhause ist, viel zu bequasseln - erst 14 Uhr, immer noch 8 Stunden, Mann-o-Mann, eine Ewigkeit.

Also hinlegen und Knaggen versuchen - was sonst immer problemlos bei der Arbeit um diese Zeit funktioniert, klappt jetzt nicht - rumlatschen, Häschen begutachten - ey, dieser Typ ist doch bekannt: “Hey, Schlabbohr, heißt Du Martin?” - ja, es ist Martin Grüning - ha, jemanden zum Quasseln gefunden und er läßt sich doch in der Tat mit seiner total abgewetzten Isomatte und Süddeutscher Zeitung (uaaaa, ein schneller Flizzer, der des Lesens mächtig ist - kann er auch schreiben?) neben Schneggi+Supermarios Bettbezug (ohne Degge drin) nieder.

Mal guggen, was man aus Martin rausholen kann? - ganz klar, netter Bursche, keine Allüren, kein Machoismus, kann quatschen wie wir, ist in der Tat einer von uns geworden, macht sogar beim Kilometerspiel mit - erzählt von seinem ersten Rennsteig kürzlich im Mai und dem Einbruch (2 Meter weiter lesen drei Häschen gerade seinen Artikel über den Rennsteig) - man quatscht stundenlang und langsam taut er auf, läßt sich einige Bonmots und Anekdoten und Lästereien entloggen - jetzt also der erste Hunderter - läuft nicht mehr Marathons auf schlag-mich-tot-Bestzeit (“ich habe keine Lust mehr, mich zu quälen”), sondern zum total-Vergnügen, am liebsten Landschaftsdinger - hallo, das wird noch ein richtiger Läufer - er braucht aber noch einen richtigen Trainingsplan - hier einer von Schneggi: als allererstes diesen unsäglichen Grüning-Trainingsunfug wie Tempoeinheiten, Intervalle, Bahnläufe wegschmeißen, weg damit, bringt nur völlig unnütze Schnelligkeit - Ausdauer und Lahmarschigkeit sind ab jetzt gefragt - daher Pflicht für ein Jahr: jedes Wochenende einen Marathon, mindestens - pro Quartal mindestens einen Doppeldegger, noch besser Kombi-Marathon-Ultra.

Und dann muß er noch lernen: jammern jammern jammern, vor den Läufen natürlich - beim Isarlauf war die Hälfte der Meute eigentlich reif (falls es Tiere wären) für karitatives Einschläfern und mitleidiges Notschlachten, so wurde da gejammert: “Bin sowas von kabudd - konnte wochenlang nicht trainieren - habe Bronchitis, Warzen auf den Laufschuhen, Bakterien im Stuhl und Haare am Hinterkopf!” - im zweiten Trainingsjahr für Martin dann Etappenläufe und 6-12-24-StundenGehopse - als Krönung dann den Elbtunnelmara. Martin paggt den Biel-Lauf ganz logger, sieht auf den Zielfotos noch edel im Lauf-ABC aber nicht sonderlich glügglich aus, und hält sich ganz genau an die letzten Anweisungen von Schneggi etwa 30 Minuten vor dem Start: “Martin, langsam beginnen und noch langsamer werden” - sein Schäff Thomas, ein Riesenkerl mit Kopf-ohne-Haare (so wie auf dem Foto in RannersWörld), ist Zeuge - brav gemacht Martin, total positiver Split (4+ h und 5+ h, heißt qualitativ anspruchsvoller und quantitativ exzellenter Einbruch), schon die halbe Aufnahmeprüfung zum Schneggenläufer geschafft - nur diese schnellen gesamt-910 sind in der Schneggenfraktion nicht so gern gesehen, da müssen wir noch dran arbeiten.

Beim alten Lauftreff in Braunschweig gabs so ein Ekel, der immer tönte: “Würde mir stinken, beim Marathon vier Stunden durch die Gegend zu laufen” - oder “Da, wo ich laufe, gibts beim Marathon keine Stauprobleme” - oder ”Wenn ich mal einen 400-Marathon laufe, dann höre ich auf” - so einem Rotzlöffel konnte man nur begegnen mit “ich habe einen Freund, dessen Bruder kennt einen, dessen Nachbar ist schonmal sub-drei gelaufen” - tja, jetzt neue Punkte in der Angeberschlacht: “Ey, Rotzlöffel, ich kenne einen, der ist schon 213 gelaufen - aber nicht im Halbmarathon so wie Deine Schwester!”.

Jürgen Funnymän Hoffmann ist so ein schlitzohriger Oberjammerer - zuerst schleicht da so ein Typ um das Schneggi-Auto und guggt so durchdringend - “Holy Shit! wer ist denn diese Verbrechervisage gleich nochmal? ach das Gedächtnis in der Matschbirne lässt doch beträchtlich nach!” - Funnymän gibt sich zu erkennen - “Ja ja ja, ganz genau, jetzt weiß ichs wieder: Funnymän aus dem Westerurwald - in 2004 dreimal versägt: Rodgau, Troisdorf, Siebenzwerge, uaaaa” - Funnymän meint, seit Helgoland sei er absolut total maximal und überhaupt kabudd ohne Ende, Schneggi werde ihn heute niedermachen - alle Umstehenden züggen schon ihre Portemonnaies, um den einen oder anderen Groschen für diesen vom Schicksal und Leben so gebeutelten Schwerbehinderten zu spenden - Caramba, diese Rotznase läuft dann doch dreieinhalb Stundden schneller als Schneggi - neuer Beweis für: glaube-nie-niemals-nirgends-nix-niemandem-aus-dem-Westerwald - Funnymän, das gibt Rache.

Bei der Anmeldung-mit-MiniMiniMesse im Eisstadion wuseln die Freunde und Bekannte - wo anfangen, bei wem aufhören? - Trainer Dromäus hat es rechtzeitig zum Start geschafft, im Isarlauf-zweiter-Platz-Angeber-TShirt natürlich - etliche Isarläufer sind präsent - Jürgen Kuhlmey möchte zum ersten Mal durchlaufen und nicht wie immer bei 56 aussteigen - “Ich laufe auf 15 Stunden” - Eberhard Ostertag belehrt bezüglich Rüggenproblemen und das Alter und das unvermeidliche-jeder-bezahlt-einmal - Angela BamBam ist nicht festzuhalten, “Ich verliere meine Gruppe da vorn!”.

 

15 Minuten vor dem Start wird noch Martin Job, Sieger von 2003 und Abbrecher von 2004, neben dem Festzelt interviewt - er meint, dass er 2005 gewinnen wird - äh, nicht so ganz, bricht wieder ab. Die Schafsherde drängt an den Start und wird dann an der Hand noch 100 Meter weiter nach vorne geführt - die meisten quatschen noch, als der Startschuß fällt - die Neulinge outen sich darin, dass ihnen der Finger auf der Polaruhr verkrampft, weil sie beim Angehen-Lostrabbeln immer noch warten, bis endlich die Matte unter dem Startbanner kommt - muhahaha, in Biel gibts keine Start-ChampionChipMatte, brutto ist gleich netto, die Veteranen lachen sich krumm - “Schwül und heiß, jetzt 26 ̊C”, sagt die Lautsprechertante, “es wird nicht unter 20 Grad fallen, und morgen”, und lacht dabei noch, die arme Irre, “sagenhafte 30 Grad max, also insgesamt optimales Laufwetter” - huh, schon mal bei 20-30 Grad gelaufen, Mädel?

Gleich nach 1 km fängt die Schwitzerei an - “Äh, ist es noch weit?,” wird rechts und links gefragt - Eberhard saust vor und zurügg und schießt Tausende von Fotos - Elisabeth aus Kassel erkennt Schneggi: “Hallo, Powerschnegge!”, und hängt sich dran - Bernhard Wüstenläufer meggert aus dem Hintergrund: “Nicht so schnell, Elisabeth, bleib bei mir!” - Bernd Seitz braucht entweder ne neue Brille oder ein neues Gedächtnis, aber letztendlich klingelt es dann doch - vorneweg Läufer mit “Wetzlar Gäng” hinten drauf - hey, das ist geklaut aus einem Schneggen-Bericht - gleich Alfredissimo Wassmer was ins Ohr brüllen - Werner Frech und Berthold der Kleine von der Wetzlar-Gäng sind nicht dabei, Alfredissimo hält die Wetzlarer Fahne hoch und kündigt schon das obligatorische Frühstügg in der Konditorei bei km 72 an, alle sind eingeladen (sagts aber ganz leise, damit es niemand hört).

Bei km 8-9 das erste Steilstück, die Klugen marschieren hier schon, die Übermütigen hechten noch den Hügel hoch - Martina Haussmann marschiert im Stechschritt vorbei - Hemd und Hose sind schon klatschnaß - draußen aus der Stadt wird es halbdunkel, der Mond ist fast voll - Schneggi ist gerade beim Intervalltraining für die Sprintwertung bei km 22, als ein Riesenschatten von hinten links rüberbrüllt: “Halt, Schneggi, nicht so schnell!” - Marcel aus Cottbus bremst zuerst ab und legt dann los, sucht noch eine Mitfahrgelegenheit nach Koblenz zum Mittelrheinmara am Sonntag - “Haste abgenommen oder warum biste so übermütig?” - “Schon wieder abnehmen, jetzt reicht es erst mal” - der Cottbusser ist einfach zu schnell, entweder er bricht bald ein und wird sowieso versägt, oder eben nicht - dann lieber jetzt eine Pinkelpause einlegen und ihn sausen lassen.

Die Holzbrügge in Aarberg bei km 17 ist immer auf allen Fotos drauf und bekannt. Ab km 20 dürfen die Fahrradbegleiter, genannt “Coaches”, dazustoßen. Zwischen km 22 und 30 dann mehrere Hubbel (schwäbisch für Hügel), langsam nimmt die Lust bedenklich ab - inzwischen ist es 1 Uhr nachts, höchste Zeit für kleine Schneggis ins Bett zu hüpfen - und Päng: ab sofort null Lust, uaaaaa, es sind noch 75 kms - die Marathonläufer, die 30 Minuten später starteten, brettern rechts und links vorbei - sich wenigstens bis Oberramsern (km 38.5 für die Hunderter und Ende für die Maratonner, die in Biel ne extra-Runde drehten) schleppen, dort wäre eine Teilstregge, man kann offiziell aussteigen - aber es gäbe keine Medaille und wegen dieser schönsten aller schönen Medaillen ist Schneggerich doch gekommen - also dann eben weiter. Zwischen km 40 und 45 geht es lange hoch - letztes Jahr begann hier der Wolkenbruch - heuer ist es nur granatenmäßig schwül.

Zwei Nebenmänner, offensichtlich Bayern fragen: “Is no weiat bisch fuffzisch?”. Sie haben die Schnauze voll, sagen sie, wollen sich hinlegen, Schluß aus - Schneggi weist auf Kirchberg hin (km 56), wo man offiziell wieder aussteigen kann, mit Urkunde und Schattelbus - überzeugt die beiden. Bei der Hälfte schon 50 Minuten mehr als in 2004 und völlig kabudd - zum Nebenmann: “Jetzt kommen die ersten ins Ziel” - er scheint im Koma-mit-Oma: “Ist mir scheißegal, nur durchkommen, durchkommen, durchkommen - hört gar nicht mehr auf, das “Durchkommen” zu murmeln - raus aus dem Wald, es ist schon hell um 5 Uhr 30, Kirchberg mit Verpflegung kommt gleich - rechts in der Ferne die Spitzen von Alpengipfeln, auf die ein Typ mit grünen langen Hosen und sein Begleiter, ein Riesenschwarzer mit dem halben Mund voller Goldzähne, hinweisen - beide sind Veteranen, Grüne-Hose zum 17. Mal dabei und Alphonse aus Uganda, aber wohnhaft seit 30 Jahren in Berlin, zum 11. Mal - sie wissen, dass man ab km 70 leiden muß und fangen jetzt schon an zu gehen.

Kirchberg: rote Matte für die Zwischenzeit und ein Haus mit richtigen Toiletten im ersten Stock, huh uh, sich hochquälen - im Erdgeschoß liegt einer auf der Rettungsliege - beim Anstoßen mit der Fußspitze bewegt er sich und meint auf Französisch: “Alles okay, nur ein wenig ausruhen” - draußen steht ein Bus, halbvoll mit Läufern, manche pennen schon, andere mit hängenden Köpfen, geht wahrscheinlich nix mehr - die Bustüren stehen offen - “verführerisch” meinen auch zwei, die neben Schneggi mit vollen Bechern von der Verpflegung wegstapfen - es sind Burkhard und Andrea aus Minden - sie fügen “Westfalen” hinzu, in der natürlich falschen Annahme, dass jetzt um sechs Uhr morgens in der Schweiz keine Sau weiß, wo Minden liegt - “Rose Marathon” platzt Schneggi raus und man hat ein Gesprächsthema für ein-zwei kms Gehen - danach legen die beiden los, jetzt kommt der Hatschi-Müll-Pfad, ihr Lieblingsstügg.

Nächste Verpflegung erst wieder bei km 62,5 - jetzt ist Schneggi wieder in Form, trabt und spurtet - eio, vorneweg das ist ein gelbes Hemd mit “Stammheim” hinten drauf, HochSicherheitsKnast-Freigänger Eberhard wird kurz vor Station km 67 mitten im Wald voll versägt. Zwei wirklich junge Jungs gehen und laufen und werden versägt und versägen - mal anquatschen - es sind Johannes und Matthias aus Bern, sage-und-schreibe 17 und 18 Jahre alt, das ist ihre Matura-Arbeit, also “Abitur-Arbeit” - “Seid Ihr schon mal Marathon vorher gelaufen?” - “Nö, wozu, muß man das? aber wir haben schon etwas trainiert!” - die sind goldig, laufen einfach drauf los - als die Fahrräder wieder zustoßen dürfen (verboten auf dem Hatschi-Pfad) filmt ihr Kumpel, der “Coach”, alles auf Video - wird sicher ne Bomben-Matura-Arbeit - bis km 76 hat sie Schneggi im Griff, dann ziehen sie voll ab, 27 Minuten Vorsprung im Ziel, alabonör.

Es gibt alle 5 kms ein km-Hinweisschild - ab km 70 dann zwei Schilder: zum Beispiel das obere “70 km” und das untere “30 km ins Ziel” - bei km 85 fehlt das untere, vermutlich geklaut als Souvenir, und keiner weiß jetzt wie weit es noch nicht, Katastrophe. Von km 70 bis zur nächsten Aussteigestation in Bibern läuft man ständig leicht bergan - auf Straße und voll in der Sonne - Grüne-Hose zieht im Bundeswärschritt vorbei, einen Regenschirm zum Sonnenschirm umfunktioniert - ab km 72 ist nun der Schneggi-Ofen voll aus, nur noch langsames Hinwatscheln ist drin - lustig sind noch die sitzenden und stehenden Läufer, die von ihren Fahrradlern umkreist werden, es wird bei denen aber kaum noch gesprochen.

In Bibern bei km 76 wieder eine ChampionChip-Matte für die Zwischenzeit - ah, ein Stuhl im Schatten, erst mal zehnminütige Pause, alle trampeln vorbei - sich an das Häschen mit “Italia” auf dem Rüggen dranhängen und anquatschen? nee, lieber sitzenbleiben (hätte 35 Minuten gebracht, mit Donnatella - oho, ulala) - dann den mächtigen Hügel auf allen Vieren hochkrebseln - Eberhard kommt vorbei und versägt - dann 3 kms relativ steil runter - kein Laufen mehr, nur noch wandern möglich - dieses 5 km-Teilstügg im 13er-Schnitt (auch wegen der langen Pause) - zwei aus Essen (“ja wir sind schon oft den Baldeneysee-Mara gelaufen”) offerieren die Taktik: die Stregge zwischen drei weißschwarzen Straßenrandbarken wandern und dann zwischen drei laufen. Eine Kleine im roten Hemd sprintet vorbei: “Ich hab die Schnauze voll jetzt, genug, ich will ins Ziel” - eieiei, schon voll im Wahn, hilft nur noch: sausen-lassen und sich nicht ansteggen-lassen, Finger weg.

Der Stand bei km 81 bietet wieder die Möglichkeit zum auf-die-Mauer-sitzen-und-andere-begaffen an - was gibts zu Trinken? die zwei isotonischen Gesöffe in gelb undd rosa schmeggen nicht besonders, der Pfirschtee ist zu süß, die Bouillon verursachte letztes Jahr Durchfall, bleiben noch Wasser und Coca-Cola, immer gleich 5 Becher davon, man kriegts kaum noch runter.

So was von Schwitzen, uaaaaa - und jetzt gehts erst los - zwar nur 5 kms entlang dem Fluß Aare, aber Sonne voll von links, die schützenden Büsche und das kühle Wasser sind rechts, nützen nix - letztes Jahr war hier superlaufen, aber jetzt um 10 Uhr knallt die Sonne - nur noch gehen, schleichen quasi im 11er-Schnitt für die 80-85 kms und im 12er-Schnitt für die 85-90 kms - das macht keinen Spaß mehr.

Schneggi, im Sonnenbad-die-letzten-Nervensynapsen-aufgebend, quatscht jetzt die Kühe an: “Ey, Ihr Pänner, habt Ihr Internetzugang? - wählt mal Deutschlandlauf.com und meldet diesen aufgeblasenen talentlosen Schwätzer-Möchtegernläufer ab - wie ist die Kondition, seid Ihr fit? - wenn Ihr die Piste rauf und runter macht, dann immer schön an Anfersen, Kniehub und Euterwaggeln denken - noch was: habt Ihr schon ein Abbo von RannersCowWörld? - was, da waren vorhin schon welche da und haben Euch diesbezüglich bequatscht, zuerst einer der mal 213 lief und Euch Trainingspläne verkaufen wollte und dann so ein Großer mit ohne Haare, der nur noch Halbmara laufen will/kann - hilfe, die greifen an, nix wie weg, eine Stampede”.

In Büren bei km 86 endlich wieder was zu trinken und Schatten und Stühle - zuvor noch am Ortseingang hat ein kleiner Junge zwei Gartenstühle an den Trampelpfad gestellt und fragt leise und schüchtern: “Wollen Sie was trinken?” und bietet die Stühle an - “mit oder ohne Kohlensäure?” - was für ein wohlerzogenes Kind, kann kein Deutscher sein, er heißt Marcel, sieben Jahre alt, eine Oase. In Büren hängen alle an und auf der Mauer, alles kabudde Typen, nix mehr los - “auf, auf, Endspurt, hopp hopp”, die Eingeborenen geben alles, keiner reagiert mehr. Also dann, wir müssen, wir wollten es nicht anders - zwei Brüggen über die Aare, wenigstens im Schatten - aber nach 1 km wieder vom Schlurf-Schlabb-Laufschritt in den noch lahmeren Gehschritt - links ein Freibad, uaaaaaa - rechts eine Gärtnerei, “Willkommen”, ein Banner quer über den Weg - “Wann kommt endlich das 90-Schild? das kann doch nicht wahr sein?”, fragt der eben Versägte (yep, selbst im SSGS = Schlurf-Schlabb-Gehschritt wird noch versägt).

“Ab 90 wird gelaufen, ab 90 wird gelaufen” - Schneggi quasselt mit sich selbst - es funktioniert, die nächsten 5 kms im 9er-Schnitt - aber wieder total voll in der Sonne, kreuz und quer zwischen Feldern, über eine Hauptstraße und noch einen Hügel hoch, ach Mann, genug jetzt, aus Schluß vorbei - auf den letzten 30 kms hat Schneggi unter jeden der Dutzende Brunnen mit ausgehöhltem Baumstamm davor seine Birne gehalten - jetzt kommt wieder einer - und wer bloggiert den Zugang? ein Typ in schwarzer Hose, schwarzem Hemd, rosa Baseballmütze verkehrt rum, aha, dieser Heiner wieder: “Lehrer weg und nach hinten” - Heiner reagiert nicht mehr, brummelt was und schleicht davon - uaaaa, den versägen wir noch - er stammelt: “Sag Brigitte im Ziel Bescheid, dass ich irgendwann mal komme” - dann gehts steil bergab, 400 Meter, und ihn paggt der Wahnsinn, er brettert runter und bleibt unten steht, fällt aber nicht um, torkelt weiter - sagt dasselbe nochmals (muß er wohl schon vergessen haben - aha, Endstadium).

Verpflegung in einer offenen Scheune bei km 94 - mit laufender Gartenschlauchdusche davor, herrlich - jetzt aber zum Endspurt, vorerst nur noch im Wald, also Schatten - Alphonse, der Riesen-Ugander mit seinem gewaltigen Schritten (er muß seit km 50 gegangen sein) und sein neuer Spezi Dominik aus Lyss, der nur noch humpelt, also ein Eingeborener, werden noch bei km 95 versägt. Ab jetzt für jeden km ein Schild und sogar noch eine Station bei km 96, letzte Möglichkeit sich zu besaufen vor dem Zieleinlauf - Schneggi geht nicht mehr, nur noch 8er-Schnitt und besser im 5. Gang, fantastisch, nur noch Versägen - bis auf eine renitente Nudel, die geht und sobald Schneggi überholt, läuft sie 300 Meter, geht wieder und nach dem Versägen wieder laufen usw., doofe Schnalle, was soll das? - bei km 97 kommt ein langer Kerl im gutem Laufstil entgegengehobbelt, es ist Paul Engels, der nicht mitlaufen konnte, aber trotzdem herkam: “Hallo Doktor Schneggi, gleich biste zuhause” - “Hallo Paule, danke danke - ich kann nicht mehr” (dass Schneggi immer lügen muß, eine schlechte Angewohnheit).

Dann noch das letzte Highlight, halt das vorletzte: ein gelbes Hemd bewegt sich auf das Schild 98 zu, es steht “Stammheim” drauf - das darf nicht wahr sein, Eberhard - Gewissensbisse: mit ihm ins Ziel wandern? - nein, das ist ein Wettkampf, jeder Platz zählt, und außerdem Freunde-versägen ist das Salz-in-der-Suppe - Schneggi schließt auf, macht langsamer, sodaß Eberhard einsteigen kann, nein er winkt weiter: “Du machst das super, Du machst das super!” - alle sagen nur noch alles zweimal. Okay, rechts die Autobahn und die Schnelleisenbahn, voraus hört der Schotterweg auf, schön dass wir wieder in der Sonne laufen dürfen - unter der Eisenbahn hindurch, über eine Straße und letzte Möglichkeit von Autos platt-gemacht-zu-werden, über ein Schotterfeld, links das ersehnte Schild: “99 km” oben und unten “1 km ins Ziel” - wer häts denkt? Jetzt noch die letzten Reserven sammeln, um wenigstens a bisserl die Knie und die Fersen heben zu können, Brust raus, Kopf hoch, Schweiß von der Stirn wischen, die Nummer und das Hemd und die Hose und die Krawatte zurechtrüggen, mit den Fingern als Kamm durch die Haare - und den Versuch eines Lächelns.

Das Eisstadion ist zum Greifen nah, rechts die Zelte der Camper, links der Maschendrahtzaun, an dem Leute im Schatten sitzen, nochmals anfeuern: “Ja freu Dich, ball die Faust - gleich geschafft” usw. Noch 100 Meter zum blauen aufgeblasenen Plastiktriumphbogen in der letzten Kurve - Mist, da läuft Jürgen Kuhlmey, pardon, Dr. Kuhlmey, Großkapitalist, quer über die Laufstregge - was machen? rüggwärts reinlaufen und Kopf zur anderen Seite drehen? stehenbleiben und sich hinter einem Busch versteggen? - zu spät, er hat Schneggi schon gesehen: “Wo bleibst Du denn, Du Oberlahmgurke? Ich bin schon seit einer Stunde hier!” und strahlt und schüttelt sich vor Lachen.

Hmm, es gibt sechs Optionen:
(1) vorbeilaufen, so als ob man der Falsche ist (“wer ist denn der Typ? kenn ick nick!”) -
(2) von rechts nach links torkeln und mit dem Kopf waggeln, die Augen nach oben verdrehen, soll heißen nicht-ansprechbar-im-Delirium-des-Endspurts -
(3) den Mann mit der linken Hand an der Gurgel paggen und drüggen, mit der rechten Hand die Cojones wegreißen -
(4) eine heldenhafte Story erfinden (“bei km 82 ist einer umgekippt! Herzstillstand! habe reanimiert, intubiert, kastriert! keine Menschenseele da, kein Handy dabei! mußte 2 kms zurüggrennen und den Notarzt anfordern! bin noch mit ins Krankenhaus gefahren und habe denen gezeigt, was sie machen müssen”) -
(5) überschwengliche Gratulation (“Jürgen, Du bist der Größte! was für eine Leistung! grandios, genial, für die Ewigkeit!”) -
(6) die Schneggi-Option (“In Davos mach ich Dich sowas von färtisch, Schlabbohr, Du wirst quadratisch versägt!”).

Die Kurve im schneggischen Endspurt genommen, jetzt noch 100 Meter, es geht abwärts (oder auch nicht, ist wurscht), den Bligg auf die Zieluhr auf dem Zieldach - lächeln, die Knie hoch, die Beine auseinander - es gab hier nämlich früher immer einen Fotographen, der hat dann Fotos mit Passepartout zugeschiggt.

FünfzehnStundenundneunMinutenundfünfundvierzigSekunden! Jetzt zwei große Stilfehler: die Medaille wird per Hand weitergereicht und nicht umgehängt - und von einem Jüngling - oh Temperatur, o Mores (oder so ähnlich). Aber was für eine herrliche Medaille - jetzt drei davon. Hinter dem Ziel stehen ein paar Bänke, im Schatten sitzen die Zuschauer, für die reinkommenden Läufer sind die Sonnenplätze reserviert - danke, zu gütigst, wir wollen alle noch etwas Sonnenbräune - der Sprecher begrüßt jeden einzeln und viele sind die Veteranen (“zum siebten Mal” - “seine sechste Ankunft” - “jetzt kommt zum zwanzigsten Mal” - usw.).

Ächz, hier ist es zu heiß - einen Becher, irgendein Gesöff schnappen und in den Schatten sitzen, am besten liegen - hoppla, da drehen sich viele Nebenleute, besser auf den Boden sich platschen lassen - 30 Minuten für die 400 Meter zum Auto - Supermario ist schon längst da, liegt im Gras, lief eine 932 (deswegen heißt er ja Supermario und deswegen heißt Schneggi eben auch so) - erstmal die zwei Liter Eistee, jetzt eine warme Suppe, da voll in der Sonne im Auto gelegen, reinschütten, die Wadenmuskeln hören nicht auf zu zuggen, bald werden das Krämpfe werden, also Elektrolytmangel - ach wie schön ist es, doch wenigstens die ganze Physiologie und vor allem die Pathophysiologie und die irren Folgen alle drauf zu haben, wenn man schon nicht schnell laufen kann.

Bezüglich der Duschen gibts was Neues: ein Zelt auf einem Vorplatz und ein Wagen mit Motor pumpt heißes Wasser rein - heißes Wasser? äh, dem Kochen wesentllich näher als dem Gefrierpunkt und im Zelt Sauna-mäßige Hitze - egal, Duschen, Zähneputzen und was man sonst noch alles möchte gleichzeitig.

Soforturkunde noch geschnappt - seltsamerweise von Platz 1268 bei km 38 auf Platz 1163 bei km 56, dann Platz 1042 bei km 76 und schließlich Platz 1021 im Ziel, muhahahahaha. Beim Finisher-Hemd haben sie sich in der Farbe völlig vertan: statt dem satten “Biel-Rot” jetzt ein helleres Rot in Richtung Orange. Alle Läufer kann man jetzt beim Zieleinlauf auf vier bis sechs-sieben Fotos begaffen: einfach in der 100 km-Rangliste auf www.100km.ch die jeweiligen Namen ankliggen - und schon ist man blamiert. Micha, der Freund, Trainer und Guru, watschelt total traurig mit hängendem Kopf rein, hatte sich verletzt, meint er sei ein “Rennsteigler” und nicht ein “Bieler” - dieses und jenes Aas habe ihn zum Schluß (30 km-Wandertag) noch versägt: “Wer hat mich eigentlich nicht überholt? Schneggi, isch bin Dir so dankbar, wänigstens oiner! 15h uff! war wohl auch ein Kampf, immerhin bist Du durchs Ziel gelaufen, wie man an den Zielfotos sieht”. Ey, das ist Schneggis Endspurt.

Werner Sonntag, der bei der Anmeldung von allen Schweizern persönlich mit Namen und Handschlag begrüßt wird, tippelt völlig entspannt und logger mit 1624 ins Ziel - er ist mit 79 Jahren in der M75 aber nur auf dem zweiten Platz, da ein Jüngling mit 77 aus Italien etwa 30 Minuten schneller war - er hat aber noch zwei weitere M75er versägt - nächstes Jahr in der M80 wird er wohl gewinnen (war diesmal keiner dabei).

Fan Nummer Eins zuhause nahm am Braunschweiger Nachtlauf über 6 kms teil, hatte nach einer Runde von 3 km keine Lust mehr und sagte “Tschüß”: “Wenn ich nur an die 100 kms denke, werde ich müde”. Die Landschaftsgärtner, die den Nachbargarten gestalten (“steilen”) meinen nur auf die 100 kms: “Ach Du meine Scheiße!”.

Fazit: “Wie oft muß man in Biel laufen?” - so oft man will und kann - einmalig, verrüggt, beklobbt, jedes Jahr anders und nicht planbar und immer wieder ein Abenteuer - perfekt organisiert - man trifft alle anderen Verrüggten, oder zumindest sehr sehr viele davon - eine vierte Medaille sehe neben den drei jetzigen doch super aus.

Grüzi (in Original-Schwiieezzer-Schreibweise: Grüezi)
Schneggi


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