Biel - Bieler 100 km Lauf ("Die Nacht der Nächte"), 11./12. Juni 2004 - "Powerschnecke in der Schweiz - Affe schläft ein, rennt in Hecke, Schnecke geht baden"
Supermario, Affenzahn und Powerschnecke hatten beim Essen bzw. Rauchen (wer wohl) direkt nach dem Wesertunnelmarathon beschlossen: dieses Jahr geht es als Trio Infernale (auf deutsch: das Team aus der Hölle) nach Biel. Es wurde trainiert wie bekloppt (zumindest von zweien von den dreien - einer hat das ja nicht nötig: “Trainieren - so ein Unfug - da dreh ich lieber eine”). Aus dem Trio wurde dann das Duo Dick und Doof, nachdem Supermario von Klasse-Läufer auf miserabler ich-muß-meine-eigene-Frau-antreiben Supporter umgeschult hatte.
Höchste Geheimhaltungsstufe, keiner wußte was von dem Plan. Trotzdem sickerte was durch in die Öffentlichkeit und alsbald wurde das Duell hochstilisiert zu: Jugend gegen Alter, Tabaksüchtiger gegen Müslifresser, Schnelligkeit gegen Ausdauer, Bohnenstange gegen Wampe, Fischkopf gegen Spätzlemampfer, Eleganz gegen Null-Talent, Punker gegen Rocker, Affen gegen Schnecken, undsoweiter. Nichts da - es kam alles anders als gedacht. Zuviele unkontrollierbare Elemente kamen ins Spiel: Wetter, Frauen, Futter.
Biel ist unberechenbar plus sowieso der helle Wahnsinn. Zum Beispiel das Wetter: letztes Jahr Start um 22 Uhr bei 27 ̊C, es wurde nie kühler als 20 ̊C, dann durch die Hölle der Schweiz die zehn Schlußkilometer bei 30 ̊C und mehr - je langsamer man eintrudelt, desto höher die Temperatur des Fegefeuers natürlich. Nach Hitze- und Schwületagen unter der Woche dann dieses Jahr Wetterumschwung und zwar genau am verdammten Freitag mit Wolkenbrüchen und Hagel und Gewittern. Die Strecke von Zürich nach Biel gerät schon mal zur Testfahrt für Amphibienfahrzeuge.
In Biel um die Eissporthalle gegen 13:00 Uhr noch tote Hose, absolut nichts los, zwar schon ziemlich alles vollgeparkt (wo stecken all die Leute?), ein paar Zelte auf der Wiese. Erst mal Spaghetti mit Bolognese Sauce (kluge Wahl?) vernichten. Da taucht der erste von Dutzenden Isarlaufüberlebenden auf, Rainer Schulze. Da hinten kriecht Heiner der Schreckliche Schütte aus seinem Van (Marke unbekannt), der innen aussieht wie bei den Clochards unter der Brücke: Sitze raus, auf dem Sperrmüll gemopste Matraze, leere Flaschen ... Originalton Heiner: “Ab 18 Uhr wird es nicht mehr regnen”. Zwischen 18 und 19 Uhr schüttet es dermaßen, dass auf der Straße die Fische aus dem Bieler See vorbeischwimmen - so in etwa.
Wo ist Meister Affenraucher? Die Affenbande ist mit dem Flugzeug aus Hamburg schon um 7 Uhr in Zürich angekommen - na da mußte er aber früh aufstehen - wenn das nicht müde macht. Dann tagsüber noch in den Bieler Bergen rumkraxeln - nanana (wackelnder Zeigefinger!). Bernhard Sesterheim in voller ich-laufe-heute-durch-die-Wüste-Gobi-(und zurück)-Montur kommt daher. Sigrid Eichner und Felix stehen Schlange vor dem fahrbaren Toilettenwagen (supersauber - man ist schließlich in der Schweiz). Drei Engländer mit der grandiosen Erfahrung eines einzigen Halbmarathons in ihrem Leben gehen die Sache sehr sehr locker an - Soldaten eben
Im Zelt treffen die Gladiatoren zur Fütterung ein: Eberhard Ostertag plus Stuttgarter Lauftreff, die Wetzlar Gang mit Werner Frech und Alfred Wassmer (sein 100. Marathon - den wird Alfredissimo so schnell nicht vergessen), Heiner (wieder von seiner Matratze runter: “heute Nacht wird es garantiert nicht regnen”) und siehe da, sogar Herr Affenzahn läßt sich blicken (“doppelte Portion Spaghetti bitte - kann man noch nachholen”?). Draußen fotographiert Sabine Schneider die jetzt schon müde Powerschnecke. Sigrid und Werner Sonntag freuen sich über ihre gesammelten Tausende Marathons und tauschen ihre Wehwehchen aus (lieber weg hier - wie im Ärztewartezimmer - kriegen wir das alles auch noch?).
10 - 9- 8 .... - wer die Sprache versteht (wie kommen eigentlich die Preußen und Fischköpfe hier zurecht? die müssten ohne Supermärkte, wo man nicht reden oder verstehen muß, verhungern) und des kleinen Einmaleins mächtig ist, zählt mit runter. Bernhard ruft: “So gefällt mir das Tempo” (wir gehen noch alle). Man läuft auf Angela drauf. “Woa, Du hier?” - “Ja, eine ganz spontane Entscheidung”. Na, dann erst mal an Angela dran bleiben - aber das gleiche Theater wie beim Isarlauf: “Oh, ich bin viel zu langsam, lauf schon mal voraus usw”. Und dann wird sie immer schneller und kommt Stunden vorher ins Ziel. Alfredissimo tut sich noch mit der völlig deplazierten Bemerkung hervor: “Hey, die schöne Frau hat aber wesentlich schönere Beine als Du, Powerschnecke”. So ein Quatsch, wie kommt er denn auf den Irrsinn? - schon wahnsinnig bei km 5?
Wer bei den ersten Steigungen und Hügeln hochdrängelt ist entweder sehr gut und schnell und kann das oder ein Biel-Erstläufer; normale Menschen gehen hier schon; auch Angela lässt sich überzeugen und fällt zurück, kommt aber prompto bei km 20 wieder dahergeschlichen, Holger Finkernagel im Schlepptau. Es ist jetzt kuhnacht, vermutlich auf einer Kuhweide, es riecht so und der Boden sieht so aus - oder Riesenpfützen - es ist schwül und neblig und schwitzig und fängt schon an, keinen Spaß mehr zu machen. Angela ist viel zu schnell und bald unwiderbringlich verloren, sonst niemand da, der auf einen aufpasst, ob man plötzlich links in einen Graben hinwandert oder in ein Gülleloch abtaucht. Das Gerenne über die Holzbrücke macht Laune und treibt nochmal die Adrenalinspiegel hoch, danach ist es nur noch dunkel, keine Sterne, kein Mond. Die 5-km-Schilder verpasst man oder verwechselt man mit den Marathon-Schildern - nicht mal die eigene Zeitnahme zum Tempokontrollieren klappt. Pausenlos brettern jetzt die später gestarten Marathonhasen vorbei - deprimierend.
Heiner arbeitet sich heran (“es wird auf gar keinen Fall regnen”) und scheint es auch irre eilig zu haben; wo wollen die alle so schnell hin? Beim km 30-Futterstand plötzlich eine Funzel voll ins Gesicht: “Bist Du ein böser Bösewicht?” - “Nein, ich bin Rübezahl und fresse nur kleine Ultramarathonmädchen.” Sabine läßt sich überzeugen, daß Powerschnecke ein lieber Bösewicht ist und man eiert zusammen los - beide offensichtlich eher lustlos. Man holt Heiner ein, dessen Taktik heute 10-Minuten-brettern-10-Minuten-zurückfallenlassen zu sein scheint. Zu dritt, mehr oder weniger wortlos, wird versucht, sich bis km 40 zu hangeln. Sabine hat schon eine pessimistische Körperhaltung, beschränkt sich trotz rheinischer Frohnatur (eigentlich quasseln die ja doch ziemlich viel aus der Ecke - oder nicht?) auf “ja” und “nein”, “muh” und “mäh”. Heiner hat sich nach hinten orientiert (“das Zucken da vorne sind die Fotoblitze der Presse”), Sabine möchte lieber am km 40-Stand eine Banküberweisung oder weiß der Geier was machen (“geh mal, das kann dauern”). Es ist nun Viertel vor drei Uhr (nachts natürlich, Ihr Eumel).
Ganz genau beim km 40-Schild hat letztes Jahr ein Wuppertaler über die Powerschneckschen Schuhe gekotzt - diese Schilder sind mit drangeklemmten Taschenlampen beleuchtet - vermutlich konnte er so besser zielen. Dieses Jahr kein solches Glück - na dann weiter. Die Vierziger sind übel, da muß viel aufwärts gegangen werden - kilometerlang - es sollen schon Leute eingeschlafen sein. Heiner in der Sprintphase seines Nachtrhythmuses überholt und es fängt an zu tröpfeln, zu regnen, zu schütten, die Sintflut. Sturzbäche kommen die Straßen herunter, der Nebenmann tritt bis zum Knie in einen Wasserloch. Heiner steht unter einem Scheunendach und brüllt “Komm rein in die gute Stube”- “Nee, von Dir bleibe ich jetzt weg. Alles Deine Schuld. Es wird heute Nacht nicht regnen, jaja”. Nee, es regnet nicht, ein Wolkenbruch, aber einer der nicht aufhört. Keine Ahnung mehr wie lange das dauerte, aber ewig - die Polaruhr zeigt 6:15 h für den halben Biel, also um 4:15 Uhr. Vor und hinter Heiner dann in schöner Abwechselung. Bei km 56 eine große Station, Aussteigemöglichkeit (Medaille und Urkunde gibt es trotzdem), Toiletten werden angepriesen - schnell weg, die Versuchung lauert. Eigentlich meldet sich der Darm, aber auf einem Toilettensitz einzuschlafen (und dann nach hinten kippen)? Lieber in die nassen Büsche, ins nasse Gras, die nassen Sachen - äh, alles pitschenass, die Schuhe quietschen (gut so, dann schläft man nicht ein).
Heiner ändert seine Renntaktik und geht jetzt lieber, schickt Powerschnecke los, bleibt aber bis zum Ho-Chi-Min-Pfad im Respektabstand von 5 Metern dran, danach war Heiner futsch. Dieser Pfad, pfui Deubel: heute die Auswahl zwischen matschiger rutschiger Erde rechts, nasses klitschiges Gras links und in der Mitte Wurzeln und Stolpersteine ohne Ende, letztes Jahr war es um die Zeit schon taghell, jetzt ist es duster und dazu hängt noch jeder zweite Ast der Bäume und Büsche schwer nach unten (reinrennen und Haarewaschen umsonst). Und das um die km 60 herum, etwa 5:30 Uhr - Konzentration gefragt, Haxen hoch, hin- und herhüpfen. Schlimmer kann’s nicht mehr kommen. Sabine kommt auch nicht mehr, Warten auf sie scheint sinnlos, wird sicher ausgestiegen sein. Jetzt muß zu den harten Mitteln gegriffen werden: 1 Becher Cola, 1 Becher Wasser und 1 Becher Tee, dazu eine handvoll trockene Brotwürfel bei jeder Station - hat funktioniert.
Es wird langsam Tag, das motiviert und man tappert so dahin, nur nicht Gehen, zwischen 75 und 80 kms noch mal saftige Anstiege. Danach geht es kilometerlang bergab. Ein Dreierpack an jungen Frauen überholt, hängt an den Verpflegungsständen rum, überholt wieder, das vier Mal - so richtig es den Männern zeigen, hä? Kein Mensch redet irgendetwas, manche brummeln so dahin, einer in der Wahnsinnsphase singt und macht Aerobics. Werner Frech quält sich dahin, hat die Einlagen für die Schuhe vergessen - Heiner hat sein Laufhemd vergessen - meine Güte, was diese alten Männer alles vergessen.
Die Schlußetappe wurde glücklicherweise geändert, führt jetzt neu an dem Fluss entlang und trifft bei km 94 wieder auf den alten Rest. Ab km 88 hängt ein oranges Hemd an Powerschnecke dran, arbeitet sich über 3 km von 200 Meter zurück auf 2 Meter davor ran - nee, mein Lieber, das ist hier ein Wettrennen - also jetzt wird es schneller, der orangene Jüngling muß besiegt werden, das ist die letzte Motivation, im Marathonrenntempo (so scheint es, aber in Wirklichkeit knapp unter 7er-Schnitt) geht es die letzten 10 kms auf den Feldwegen, durch irgendeinen Ort, in den Wald entlang der Autobahn. Oha, wo ist der Orangeman geblieben? Egal, weiter, die Zielzeit nach unten korrigieren, ein Zahn drauf noch, Schluß jetzt, Schnauze voll. Lobt der Orange im Ziel: “Tolles Finish von Dir” - danke, an soetwas erinnert man sich.
Kurz vor km 99 geht es über die Schnellstraße, der Streckenposten träumt und guckt in den Himmel, von rechts ein Angeberauto mit hohem Tempo. Rüberrennen, der wird schon halten? Nee, nicht bei km 99 umgenietet werden. Lieber den Streckenposten anschnauzen und eine Minute verlieren. Das km 99-Schild mitten in einer Baustelle oder Schutthalde oder so etwas. Die Sonne kommt raus, der Himmel wird blau, nach 100 Meter links auf den dreckigsten Weg der ganzen Schweiz (eigentlich putzen die Schweizer die Straßen mit Wischlappen), das Matschwasser und die flüssige Lehmerde spritzen bis zu den Oberschenkeln, nochmals absichtlich in möglichst viele Pfützen hopsen. Viele gehen oder traben, um diesen letzten km zu geniessen. Ein Bekloppter sprintet - lass ihn, Mann, jeder geniest wie er will. Noch zweihundert Meter, Asphalt, die Zivilisation kommt zurück - jetzt nochmals Brust raus, die Atmung kontrollieren, die Beine schön heben, die Fersen hoch, nicht so ein Geschlurfe-Geschlappe, mit der Hand durch’s Haar (sitzt die Frisur?), lächeln lächeln lächeln, total lässig aussehen (“wo geht’s hier bitte zum zweiten Teil?”), die Socken hochziehen, die Hose und das T-Shirt zurechtrücken, das Gesabber, die Krümmel, den Rotz von der Startnummer wischen. Der Vordermann hundert Meter weg, dahinter auf dreihundert Meter niemand. Prima, es müsste klappen, der Sprecher muß den Namen ansagen - bitte, bitte. Letzte Kurve (neu) unter dem Triumpfbogen (nur aus Plastik und Schweizer Luft) hindurch, das Kinn hoch, die Augen geradeaus auf das Zielbanner. Ja, ja, er hat’s gesehen: “Und jetzt kommt mit der Nummer 319 die Sensation der Saison, Powerschnecke persönlich, diese Eleganz, diese Schnelligkeit, in neuer Rekordzeit von .. Meine Damen und Herren einen donnernden Applaus für ...” - oder so ähnlich.
Die Mini-Medaille um den Hals (aber wer behauptet, daß sie nicht eine der schönsten ist, ist hiermit offiziell ein Penner), der Kopf dreht sich, schnell auf die Bank stürzen. Affenzahn in Jeans und Normalhemd schleicht am Gitter entlang. “Du bist schon geduscht?” - “Ich bin schon 5 Stunden hier”. Mist, Scheiße, so ein Angeber - nee, kann nicht sein, Affe hat noch nie, absolut noch nie, mit Zeiten oder sonstwie angegeben. Nachher klären, erst mal sitzen und trinken trinken trinken.
Nach Wiederbelebung und Dusche durch das Zelt schlendern und nochmals in die letzte Laufkurve. Da liegt Affenzahn und pennt auf einer Bank - Tritte gegen Schienbein und Knöchel sind nutzlos. Stefan Selzer und Frau sitzen auch da. Affe wacht auf und klärt auf: “Ich bin bei km 56 ausgestiegen. Ich bin zuvor eingeschlafen und in eine Hecke gerannt. Der Wolkenbruch. Alles Mist. Keine Kippen. Probleme mit dem Magen (wie andere auch). Ich bleibe beim Marathon, das ist mein Ding. Aber den Rennsteig machen wir wieder zusammen”.
In dem Moment saust ein gelbes Etwas durch die Kurve ins Ziel, der Sprecher: “Nummer .. Sabine Schneider aus ...”. Hey, von den Vermissten auferstanden, nichts wie hin und ausfragen. Sie hatte die Startnummer schon zweimal abgemacht und abgegeben - Supporter und Vereinsläufer hätten sie überredet, gezwungen, in den Hintern getreten, wieder auf die Piste geprügelt - den meisten Regen in einer Scheune auf Stroh verpennt - die nassen Klamotten bei der 56 km-Station am Grill getrocknet - über den Ho-Chi-Minh “wie ein junges Reh” (Originalton) gehopst - quietschfidel und in Superlaune, aber niemanden zum Quasseln gefunden (ein Schweizer meinte: “Quatschen tun hier nur die Deutschen”). Ja, so sind sie, unschlagbar unsere jungen deutschen Läuferinnen mit den blonden Haaren und blauen Augen (Angela) oder schwarzen Haaren und braunen Augen (Sabine) - mit denen erobern die Teutonen die Schweiz - wir müssen es nur schaffen dranzubleiben.
Und das Beste: der rechte zweite Zeh hat seit Monaten, ach was, seit Jahren, einen roten, schwarzen, blauen (je nach Beleuchtung) Zehennagel. Schuh ausgezogen, Socken runtergerollt, siehe da, ein weißer Zehennagel - soviel Wasser hat den Nagel entfärbt - ab jetzt nur noch Aquajogging die Berge hoch und die Täler runter.
Hey, Affenzahn, im August gibt es einen Superhunderter in Leipzig - flach, tagsüber, in Runden (Zigaretten auf dem eigenen Tisch jede 10 km-Runde) - das wär doch was für uns. Ich nehme Dich auch ein wenig an der Hand - aber nur die ersten zwei Runden, capito? Und hallo Sabine: von wegen “Das mache ich nie wieder” - das muß noch ausdiskutiert werden. Und Heiner: nächstes Mal bitte keine Wettervorhersagen mehr und neue Taktik.
Bis denne
Powerschnecke
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