Bonn - RheinEnergie Marathon am 4. April 2004 - "Powerschnecke spuckt in den Rhein"
Nach fünf Ultras in Folge, alles von 50 km bis zu 100 km, nun wieder auf die Sprintstrecke, den kurzen Lauf, den ordinären (oder sogar vulgären) Marathon? Nach Laufmassen von 10 bis zu 200 Läufern pro Veranstaltung zurück zu den Massenveranstaltungen? Vom Laufen in der Ruhe, Abgeschiedenheit, fast Einsamkeit und Idylle zu Hektik, Stress, Gewusel, Lärm und Krach und Remmidemmi der Stadtmarathons? Von der Familiarität, Stichwort die Ultrafamilie, wo sich jeder kennt oder ziemlich schnell kennen lernt und wo es - bis auf Ausnahmen - alles locker und zwanglos zugeht, zu der Ellbogen-in-die-Rippen-quer-vor-die-Haxen-laufen-in-die Hacken-treten-Laufgesellschaft?
Tja, an einem Datum wie dem 04.04.04 muss man doch laufen! Steppenhahns Webseite bot keinen erreichbaren Ultra. Weiß die Läuferwelt eigentlich dieses Geschenk des Läuferhimmels - oder doch der Läuferhölle? - richtig zu schätzen? Man müßte den Mann ehren - einen Ehrentitel verleihen - einen Ehrendoktor - Dr. sil. Steppenhahn. "sil" für "in silico", wie man in der Wissenschaft im Gegensatz zu "in vivo" für im/am Lebewesen oder "in vitro" für im Labor das rein am Computer Ausgedachte oder Gemachte benennt. Dr. Steppenhahn hat Humor und auch noch Profil - wer seinen Kopf mal von der Seite sah, konnte eine ausdrucksstarke Nase erkennen. "sil" könnte auch als Abkürzung für das englische "silly" stehen.
Also dann auf nach Bonn zum RheinEnergie Marathon - heißt nicht das Fußballstadion in Köln auch so? Die kaufen alles auf. Dort in Bonn war man letztes Jahr, das kennt man. Zumindest lauern mal keine bösen Überraschungen - und eigentlich sind die Erinnerungen auch nicht so übel. Nach einem Samstagsmarathon in einem Minikaff mit einem etwas zu kurzem Marathon dann mit Christian H und Barbara S nach Hagen im Corsa gedonnert, das Clubmitglied René (Timmermann) zur Freundin aus- und sich selbst einquartiert. Sonntagmorgen erst mal kalt. Ansonsten an Marathon-Erinnerungen: da auf Bernd (Gaemlich) im gelben Adonis-Anzug aufgelaufen - dort an den Bretterzaun gepinkelt - da eine TV-Aufzeichnung des mexikanischen Fernsehens (stand zumindest auf der Kamera), die einige kms mit dem Fahrrad irgendwelche Spanischlaberer begleiteten - dort kilometerlang hinter drei Frauen hergehechelt, die keine Sekunde lang nicht quasselten - 100 Meter nach Halbmarathon Dr. Steppenhahn aus dem Halbkoma herausgeholt (der Bursche reagierte nicht auf gemäßigtes "hallo" oder "Stephan", nur auf gebrülltes "Hab ich Dich endlich"), woraufhin er zackig losrannte - dort pinkelte der werte Doktor und wurde danach nicht mehr gesehen.
Was ist sonst noch vom maroden Gedächtnis her erwähnenswert: gleich über den Rhein hinüber - in einem Stadtviertel (rechtsrheinisch, so heißt das wohl) hin- und hergetigert - zurück über dieselbe Brücke - lange direkt am Rhein flussaufwärts - durch Nobelviertel mit viel Geld und Macht, wo mal die Schönen und Reichen und Mächtigen mit Sektgläsern von den Balkonen der Villen zuprosteten - jetzt kommt es zurück: Kennedybrücke, hä doch noch besser als Fußballspieler, die viel köpfen müssen (neulich die Pressemitteilung gelesen? in der stand, dass irgendeine US-Rotznase in Kalifornien angeblich gefunden hat, dass Läufer und Vielköpfer dieselbe matschige Birne haben - na, so wie die Amis den Fußball köpfen, wundert einen das nicht) - sogar an der DFG vorbei (Deutsche Forschungsgemeinschaft, Saubande vergibt den meisten Zaster für die Forschung in Germanien) - später wieder durch einfachere und normale Gegenden - eine hundsgemeine Überführung war da noch in den oberen 30iger kms - angenehmer Endspurtteil, da durch enge Gassen und teilweise leicht abwärts - Ziel am selben Platz vor dem Rathaus wie der Start mit doch vielen Leuten, eben diesen Massen - Unmengen von Futter wie in Köln. Ah, und endlich mal wieder eine Medaille, diese Ultras bringen keine Medaillen ein.
Wer lungert da beim Startnummer-abholen-Schalter herum? Die Wetzlar-Gang, zumindest ein Teil davon: Werner (Frech) und Alfred (Wassmer), Berthold der Kleine machte Urlaub bei den Käsetretern ("nur noch einen Marathon pro Monat"!). Die Wetzlar-Buben seien seit dem Elbtunnel nicht mehr gelaufen. Hey, Alfred, das war ja im Januar - da muss man doch mal Alfred selbst zitieren: "So wenig zu laufen ist ungesund". Alfred meinte, dass er dann als Rentner (das Thema scheint viele Läufer sehr zu beschäftigen) dann jedes Wochenende laufen werde, und mittwochs ebenfalls, und wenn es sein muss auch noch am Donnerstag. Werner lies sich ein Massageteil in Form einer Spinne aufschwatzen (gekauft) und wir lernten alle noch kostenlos dazu, dass es nicht Masseuse, sondern Masseurin, und nicht Friseuse, sondern Friseurin heiße (oder hieße?). Da die Jungs Nachmelder waren, mußten sie noch heimlich Vornamen und Startfarbe (sie wählten "Gold") auf die Startnummer draufmalen.
Beim Einchecken des Müllbeutels, äh, Kleiderbeutels, gleich in Bernd Adonis gerannt. Schön braun gebraunte Beine, nach der Kur. Aber er hätte kein Kilo abgenommen und sei keinen Kilometer gelaufen. Er werde sich farbmäßig degradieren und eine Farbe tiefer starten. Im Startblock dann noch Wolfgang (Weitkämper), mit dem Powerschnecke schon so manchen km gelaufen ist. Fühlte sich noch nicht so richtig fit und war am Ende eher unzufrieden. Dafür fühlte sich Powerschnecke ziemlich fit und war am Ende sehr zufrieden.
Aber erst einmal über den Rhein und in Beuel rumgedüst. Bei km 4: diese Frau da vorne in der gelben Jacke kommt doch irgendwie bekannt vor. Mal nebenran pirschen und auf die Startnummer schielen. Da standen nämlich die Vornamen drauf. Die Bonner fanden es entweder unheimlich lustig oder dachten es wäre supermotivierend, wenn sie immer "Hansi" riefen - huhuhu - Schlappohren. Auf der Startnummer stand "Sabine" - klar, Sabine. Sabine? Sabine? welche Sabine? schnell, schnell, laufen und denken, oje, bevor sie weg ist. Klaro, Sabine Schneider - sie hatte unvorsichtigerweise (oder vorausschauend?) mal in Laufreport.de geäußert, dass sie Mitglied im 100 MC werden wolle, das war November 2002 in Arolsen. Ja, Lesen von Webseiten bildet. Gleich angequatscht: "Du hast mal gesagt Du wolltest Mitglied bei den Bekloppten werden? Nee, Mitglied beim 100 Marathon Club?" - "Ja, das ist immer noch mein Ziel" (linste auf meine Nummer, um den Namen zu lesen) - "Wieviele Marathons hast Du schon?" - "Das ist heute mein fünfzigster" - "Dann dauerts ja nicht mehr lange" - "Wie heißt Du mit Nachnamen und woher kommst Du?" - Antwort ... - "Ach Du bist der witzige Schwabe, von Dir haben wir gerade geredet. Uaaaa. "witziger Schwabe" - das Attribut verleiht Flügel. In der Tat, der nächste km war der schnellste des ganzen Rennens (sagen wir mal: "auf jeden Fall unter 10 Minuten").
Nächstes Opfer bei km 8: Gerd-Rudi Papcke. Powerschnecke hatte ihn beim Berliner Team-Marathon kennengelernt, wo er en passant sein halbes Läuferleben erzählt hatte. Und dies jetzt nochmals machen wollte. Mit Rudi gab es für den Rest des Tages ein dauerndes ich-überhole-ihn-er-überholt-mich-nach-fünf-Minuten. Jedoch war er ab km 32 auf und davon. Es sollte erwähnt werden, dass der junge Mann 71 Jahre alt ist. Rudi wurde nicht müde, diejenigen Läufer lautstark anzumaulen, die die Kurven über die Gehsteige schnitten.
Beuel war uninteressant, aber am Rhein war es einigermaßen schön, dann jedoch eine sechsspurige Schnellstraße (katastrophal solche Abschnitte), die Nobelviertel waren doch gar nicht so nobel (falsch in Erinnerung), ab Halbmarathon wieder zurück durch noch mehr Wohnviertel, dafür aber mit zum Teil böigen Gegenwind (wird normalerweise die Ausrede der Topflitzer, dass sie wegen dem Wind nicht schneller konnten - und so kam es auch). Insgesamt ein eher langweiliger Stadtmarathon. Die Zuschauermassen waren eher kleine Massen, sozusagen Mässle; das von den Kölnern fantastisch praktizierte Tour-de-France-artige-Menschenmauern-als-Spaliere-Laufen (kilometerweit) war in Bonn nicht mal 100 Meter lang.
Bei km 39 noch eine Schrecksekunde. Von hinten links rief jemand: "Schon wieder diese Powerschnecke, die mich überholt! Klasse Leistung nach dem Hunderter letzte Woche". Das war Frank (Berka), der mächtig kämpfte; Papa Volker war auch an der Strecke, mächtig anfeuernd. Jedoch rappelte sich Frank auf und setzte zum fabulösen Endspurt an.
Vor den Zelten mit den Kleider-Müll-Säcken stand eine einsame Bank schön in der Sonne. Dort hielt Rudi seine Vorstellung; Kostproben: "Ich bin mit 71 der älteste Läufer heute, wenn sich nicht noch jemand nachgemeldet hat, und bin unter vier reingekommen" - "Mit 60 lief ich noch unter drei." - "Du (Finger auf Powerschnecke) hättest mich früher auf den letzten 10 nicht mehr überholt (war ja auch heute gar nicht passiert); früher hat mich auf den letzten zehn niemand mehr gekriegt." - "Dir Schwabe werde ich Berliner, der für Frankfurt (und den 100 MC) läuft und in Stuttgart wohnt, jetzt noch schwäbisch beibringen. Was heißt Orgasmus auf schwäbisch?" - "jätzadle". Dann sang er auch noch. Orginale braucht der Marathon.
Alfred und Werner hatten es auch geschafft und Alfred mußte unter der Dusche noch denken lernen, da manche Knöpfe festzuhalten waren, während andere ihr Programm abspulten. Im Umkleideraum wollte noch einer Mitglied im 100MC werden. "Wieviele Marathons haste schon" fragte Alfred. - "Das ist heute mein erster". Alfred meinte, dass der an der Startnummer befestigte Bon die Eintrittskarte für den Stripper-Club am Bahnhof sein könne.
Fazit: wie vermutet, diese Stadtmarathons sind Streß und Hektik pur, eine Hetzerei, ein (schwäbisch) Gehudle ohne Ende; wenn es gut läuft und man seine eigene Zielzeit erreicht, kommt man zufrieden an - wenn nicht, ist man die berühmte Nummer in der Masse. Riesenmengen an Futter und Trinken haben die Bonner glücklicherweise von den Kölnern abgeschaut.
Na dann bis zum nächsten Stadtmarathon in Hamburg - oder fliegt jemand zufällig gegen Süden zu TOM mit?
Grüzi
Powerschneckle
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