Kapstadt, Südafrika - Old Mutual Two Oceans Marathon, 10. April 2004 - "Powerschnecke in Afrika"
Powerschneckes Story des "Two-Oceans-Marathons" (TOM) begann im November 2003 in Athen. Bei der Besichtigung am Vortag des so genannten "klassischen Marathons" in Athen, also des tollen Stadions, in das man einlief, traf Powerschnecke auf eine Gang von Läufern aus Südafrika, erkenntlich an den Baseball-Kappen in ihren Nationalfarben. Das war so ein sympathischer Haufen, der zudem dermaßen enthusiastisch und begeisternd von ihrem Heimatmarathon, dem TOM in Kapstadt, schwärmte, daß es keine Alternative mehr dazu gab, als diesen Ultra von 56 km in das Laufprogramm 2004 aufzunehmen.
Verkauft als "The World`s Most Beautiful Marathon" (der Welts schönster Marathon) ist er es auch - zumindest auf dem Teilstück des "Chapmans Drive". Warum "Two Oceans"? Jedem, der es hören wollte oder auch nicht - natürlich wollte es niemand hören - bekam von Powerschnecke erklärt: "Vom Indischen Ozean quer über die Halbinsel des Kaps der Guten Hoffnung zum Atlantischen Ozean". Hey, Pustekuchen, Superquatsch. Der südlichste Punkt Afrikas liegt nämlich 200 km östlich, wo zwar arbiträr, aber logischerweise der Atlantische vom Indischen Ozean theoretisch getrennt sind. Jedoch fließen in die Bucht "False Bay" östlich der Halbinsel warme Ströme des im Vergleich zum "offenen" Atlantischen Ozean auf der Westseite wesentlich wärmeren Indischen Ozean - daher "zwei Ozeane". Wen juckts?
Sicher nicht die Kapstädter. Soviel sei schon jetzt gesagt: ein Klasse Haufen - eine tolle Stadt - eine unglaubliche Gegend - ein grandioses Land; schon die Nationalflagge ist super. Es gibt 11 offizielle Sprachen; jedoch werden neun davon quasi nur von Schwarzen gelabert, man versteht nicht ein einziges Wort. Die restlichen zwei sind English und Afrikaans, die Sprache der Buren, Abkömmlinge der Käsetreter - Afrikaans ist eine Mischung aus Deutsch, Französisch und hauptsächlich Käsetreterisch, also Holländisch (das eine oder andere Wort kriegt man mit). Von dem, was Großbritannien der Welt an Quatsch geschenkt hat - wie zum Beispiel Fahrenheit statt Celsius - Miles, Yards, Inches, Gallons, Stones - komische Geldeinheiten - und anderen Unfug - ist nur das auf-der-falschen-Straßenseite-Fahren übrig geblieben. Außer so spannenden Sportarten wie Cricket und Rasenbowling in schneeweißen Zahnarztklamotten - kein Problem, nerven ja nicht.
Die vorherige Besichtigungstour der Strecke im Reisebus ist goldrichtig - sie flößt den nötigen Respekt ein und zeigt schon mal die fantastische Schönheit der Gegend, durch die man trampeln wird. Auch das Wetter ist grandios: 30 °C, blauer Himmel, n`paar weiße Wolken, leichte Winde, geringe Luftfeuchtigkeit (Schwüle killt bekanntlich alle Powerschnecken). Es sollte noch besser kommen - Wettervorhersage für den TOM-Tag, traditionell der Ostersamstag: 20% Regenwahrscheinlichkeit, 21 °C, Wind - quasi optimal. Allerdings sind die dortigen Wetterfritzen so talentiert wie die hiesigen, also etwas limitiert - sei aber auch schwierig, so eine Wetterprognose - sagen sie.
Okay, Wettkampftag. Start um 6 Uhr. Wecken um 4 Uhr - ui, es nieselt. Abfahrt um 5 Uhr - uuuiii, es nieselt immer noch. Ankunft um 5 Uhr 30 - uuuuuuuiiiiiiii, jetzt schiffts - und n`kalten Wind noch als Zugabe. Die Südafrikaner mögen Musik, rockige, fetzige, rhythmische und laute - und so versucht sich jeder der 10.000 Starter warm zu hopsen und mit zu gröhlen.
Dann Einsortieren in die Leistungskategorien, in die bekannten Käfige. Basierend auf jüngsten Leistungen, zu beweisen mit Fotokopie einer nicht älter als einjährigen Marathonurkunde (ich-bin-vor-78-Jahren-eine-2:47-gelaufen zieht hier überhaupt nicht) - dafür gibt`s auf der Startnummer Buchstaben von A bis H. Es hilft ja nichts, es kommt sowieso wieder raus: Powerschnecke hatte eine F, also wieder im vorderen Schneckenfeld. Dann fängt das Gelabere von verschiedenen Typen über die Lautsprecher an, was wie immer überhaupt niemanden interessiert. An einem Punkt wird verkündet, daß 1.000 internationale Starter dabei seien. Glücklicherweise werden die nicht alle namentlich aufgezählt. Zweitgrößtes Kontingent: "123 runners from Germany" - keine Stimme im Läufervolk erhebt sich. Stärkste Fraktion: "243 runners from the United Kingdom". Heftiges Gegröhle vorne in den D und E Blocks. So wie man die Brits im Ausland kennt, haben die die Nacht durchgesoffen. Einer brüllt was auf Afrikaans im F-Käfig. Powerschnecke fragt den Nebenmann: "Die Briten haben ihr Sch...wetter mitgebracht".
Plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm aus halbmeterlangen Tröten. Powerschnecke wieder an Nebenmann: "Ist das, um die Elefanten von der Strecke zu vertreiben?" Nebenmann guckt ganz entrüstet: "Nein, das ist Tradition!" Dann noch schnell ein flüchtiger Blick auf Powerschneckes Startnummer - aha, ein blutiger Anfänger, bisher "Runs 0" - dazu noch ein Ausländer. Nee, das letztere hat er nicht gesagt und vermutlich auch nicht gedacht. Diese Südafrikaner sind nämlich schon erschreckend freundlich - andere Gene? andere Erziehung? - auf jeden Fall besseres Wetter - normalerweise, inzwischen gießt es wie aus Kübeln.
Mit den TOM-Startnummern ist man der "gläserne Läufer" - alles steht drauf: wieviele bisherige TOM-Läufe, Name, Vorname, Land, Altersgruppe, wie gut man bei früheren TOMs war, ChampionChip-Nummer - fehlt nur noch die Schuhgröße der Oma. Das Ganze auf dem Rücken nochmals. Wenn man einen E-Läufer, oder sogar einen D-Typen, einholt, fühlt man sich prächtig - allerdings, wenn von hinten ein G-Mensch daherkommt, Gott behüte womöglich so eine H-Superschnecke, dann wirds mit der Moral etwas kritisch.
"One Minute to the Start". Auf dieses Signal hin drängt Alles nach vorne, Käfigabsperrungen Richtung Startlinie werden niedergetrampelt, ein Geschubse und Gedrängel, plötzlich nur noch G-Schlappohren um die F-Powerschnecke. Hey, wozu die Hektik? Championchip-Messung mit Nettozeit! Ätsch, Irrtum, reingelegt, an der Startlinie liegen gar keine Matten, es gilt die Zeit ab Startschuß, für die Doofen: brutto = netto. Klasse, schon mal 3:14 min vertrödelt, Preisgeld wieder mal dahin. Aber es wird nicht nur am Start gedrängelt wie früher beim Winterschlußverkauf, es wird auch losgebrettert wie bei einem 10 km-Lauf. Übrigens heißt es oft in bester Ami-Manier, unsere Vorbildkultur, "a 10 k-run" anstelle von 10 km. Nach 15 Minuten gibt es rechts, links und vorne nur noch H-ler. Inzwischen hat es aufgehört, zu regnen - aber wenn es nicht gerade nieselt, ist es schwül ohne Ende. Man schwitzt Rotz und Wasser. Die Eingeborenen scheint das nicht zu stören, die rennen in ihren zwei-oder-drei-Lagen-T-Shirts und Müllsäcken und sogar in langen Hosen immer noch munter drauf los - jetzt tauchen schon I-Typen auf. Was sind denn das für Eumel, die stehen doch gar nicht auf dem Plan. Gleich kommen noch die Oma von Nelsen Mandela und der Opa von Bischof Tutu dahergedattert (mit Buchstaben O - O wie Oma/Opa - kapiert?).
Es hat 7 km gebraucht (also knapp 2 Stunden - in etwa) bis Powerschnecke kapierte, daß die km-Schilder nicht auf der rechten, sondern auf der linken Straßenseite stehen, logisch in einer ex-Brit-Kolonie. Die ersten 20 Schilder in Form von Verkehrschildern werden von Jungs gehalten, die permanent vor sich hin blubbern: "twelve kay, twelve kay, twelve kay ..." - offensichtlich für die Analphabeten, Kurzsichtigen und Mathe-Nichttalente. Die ersten 14 oder so kms gehen geradeaus auf der Hauptstraße im Dunkeln gegen Süden durch Vorstädte. Die Prise salzige Meeresluft, als man den "falschen" Ozean erreicht, bringt etwas Erleichtung, bevor es dann quer über die Halbinsel nach Osten ins "Sun Valley" geht. Der Regen hat ganz aufgehört, die Schwüle dafür zugenommen. Die tollen Berge sind immer noch in den tiefen Wolken und kommen einfach nicht raus. Quasi jeden km gibts was zu trinken: Cola in weißen Plastikflaschen, grüne Plastiksäckchen (Größe einer Zigarettenschachtel) mit Wasser oder rote Plastiksäckchen mit so etwas wie Powerade, auf Wunsch gefroren. Die Dinger aufzubeißen ohne sich selbst voll zu spritzen oder ein Stück Plastik zu verschlucken benötigt Talent - hat ja nicht jeder. Das Trampeln auf noch geschloßene Plastiksäckchen auf dem Boden bewirkt einen tollen Knall und eventuell eine Fontäne auf den Nebenläufer - vielen Dank.
Irgendwo kommt km 28, die Hälfte - mit Chip-Matte! Die ersten Jubelschreie - uff, das Zeitlimit von 3:30 h noch mal geschafft - die Jungs fackeln da nicht lange rum, keine Diskussionen, keine Gnade, knüppelhart wird da pünktlich zugemauert. Es heißt, daß die erste Hälfte des TOM im Prinzip "flach" sei, was Blödsinn ist, da es ziemlich wellig rauf und runter geht. Weiterhin heißt es, daß die zweite Hälfte "auf und ab geht" - wahrlich, wahrlich - und wie!
Bei km 28 ist man schon im Anflug auf den ersten Berg, "little Chapman". "Chapmans Peak" heißt der ganze Berg. Die ersten Zuschauer feuern an mit: "Chappies, Chappies" - so werden die Bekloppten getauft, die diesen Berg hochhetzen. Bevor man es merkt, ist man schon oben und es geht gleich wieder runter - verdammich, denkt man, das muß ja später wieder "erarbeitet" werden. Genauso ist es, junger Mann. Ein letzter Blick links runter auf den kilometerlangen Superstrand "Noordhoek Beach" - und dann gehts um die Ecke Richtung Norden in die "Hout Bay" rein. Ja, um die Ecke und der Blick geht nach oben: "Ach du Scheiße!" Man sieht eine circa 2-km-lange Läuferschlange sich auf der Serpentinenstraße auf halber Höhe der Steilwände nach oben winden.
Es heißt, der TOM fängt bei km 32 erst an und jetzt kommt gleich die Verpflegung bei km 32 - lustigerweise "Feeding Station" = Futterstation genannt. Danach gehen alle nur noch. Nur Powerschnecke und ein paar andere heroische Ultrabekloppte laufen hoch. Der Wind treibt den Regen frontal entgegen, die Brille ist voll mit Regentropfen (Sicht ein halber Meter), Puls auf 180, das Herz schlägt im Hals, die Steigung ist vielleicht 10% - nö, wahrscheinlich 20% - ach was, ganz bestimmt 30%. Bei km 33 Blick auf die Uhr: 8:18 für den letzten km - vielen von denen darf es nicht mehr geben, Zeitlimit von 7 Stunden - aber es gab davon noch einige. Bei fast km 35 ganz oben auf dem "Big Chapman" steht eine Meute junger Mädchen, schwarze und weiße, in grünen T-Shirts des Hauptsponsors Old Mutual, eine Versicherungsgesellschaft, die tanzen, singen, klatschen, trommeln, brüllen, was das Zeug hält, und machen einen ziemlichen Radau. Die Kapstäder haben den Rhythmus im Leib - wahrlich keine britischen Gene. Die Girls helfen und so manche Faust wird nach oben gereckt, als man sie passiert. Hinter dem Gipfel die nächste "Feeding Station" mit Bananen und ... Kartoffeln, aber weichgekochte.
Wo ist jetzt das "beautiful" in "the World`s Most Beautiful Marathon"? nichts zu sehen, nur Wolken, Nebel, Regen. Aber es geht bergab, mindestens 5 kms - nur "rollen lassen", heißt es so superklug - aber höllisch aufpassen: auf dem weißen Mittelstreifen sind Katzenaugen, die zwar nicht sehr hoch sind, über die aber schon mancher stolpernd im Schlurf-Schlapp-Schritt dahingesegelt ist (Powerschnecke natürlich auch). Zudem legt sich die Straße dermaßen schräg in manche Kurven, man glaubt man ist auf einer Fahrrad-Hallenbahn und fürchtet abzurutschen.
"Big Chapman" ist der zweite Gipfel, der dritte und wirkliche Hammer kommt erst noch: "Constantia Nek". Beim Marathonpunkt bei km 42 rufen die Leute: "jetzt gehts los, jetzt gehts los" (auf Englisch natürlich, Ihr Knallköpfe!). Wie denn, was denn? Das hieß es doch schon bei km 32! Nun ja, jetzt gehts RICHTIG los! und Recht hat der Volksmund, wie immer.
Nun ist der letzte der guten Vorsätze futsch, nämlich ganz durchzulaufen. Okay, der Hunderter vor zwei Wochen muß als Ausrede herhalten. Außerdem geht wirklich jeder jetzt, da will Powerschnecke nicht unangenehm auffallen. Die Leutchen sind trotzdem gut drauf und lustig - und freundlich dazu: jeder Streckenposten, die nun die nur noch halbseitig gesperrte Straße alle paar hundert Meter mit roten Flaggen absichern, werden alle mit "Thank you, Marshal" hier und "Thank you, Marshal" da begrüßt. Am Gipfel bei km 45 hätte man den Zuschauern, die durch Gitter zurückgehalten werden, ruhig das Tour-de-France-Spalier-laufen-lassen erlauben dürfen - Kölner zum Nachhilfeunterricht da runter.
Frage an Nebenläufer: "Wars das?" - "No, es kommen noch zwei Hupser - da kann man ruhig auch gehen". Zwar hatte sich Powerschnecke wieder ins F-Territorium brav vorgearbeitet, aber wenn die Einheimischen sagen, man dürfe ruhig gehen, dann sollte man da nicht den besserwisserischen Touristen spielen.
Das Ziel liegt auf dem Campus der University of Cape Town, auf dem Rasen ihres Rugby-Feldes. Gute Idee, wenn es nicht gerade die halbe Nacht und den ganz Tag regnet. Nach dem Getrampel der vorherigen 7000 Läufer (und 8000 Halbmarathonis davor) ist der Rasen nur noch ein Morast, knöcheltiefer flüssiger Acker. Hinter dem Zielzelt steht Powerschnecke nun mit der schweren, aber schönen Medaille um den Hals im Sumpf, Schuhe und Socken jetzt matschbraun mit dicker Dreckkruste, von oben aber kommt noch immer mehr.
Zum Schluß noch: wer am Ostersonntag oder -montag wieder laufen kann und Zeit und Lust hat und falls die Sonne scheint, was sie brillianterweiswe in ihrer strahlendsten Form am Montag wieder tat, kann einen Regenerations-Spazierlauf aus Kapstadt raus, Richtung Süden (Vorsicht: Sonne steht im Norden!) entlang der Küstenstraße am Atlantischen Ozean, über den "Victoria Drive", ca. 10-20 km in eine Richtung, wer`s schafft bis zum Ort "Hout Bay", unternehmen. Das ist mit das Schönste, was einem in einem stinknormalen Läuferleben passieren kann - unvergeßlich. Ein Sonnenuntergang über dem Atlantischen Ozean ist dermaßen spektakulär, nicht nur für romantische Schlappohren wie ... - da halten auch selbst die Kapstädter ihre Autos auf den Parkplätzen entlang der Küste an und glotzen.
Fazit: für solche einen Lauf, den "Two-Oceans-Marathon", lohnt es sich zu sparen; wenn man zehn Mal läuft, bekommt man eine blaue Startnummer mit der eigenen, persönlichen Nummer, die man für immer behält. Ey, nur noch neun Mal!
Grüzi
Schneggi
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