Davos - 20. Swiss Alpine Marathon, 30. Juli 2005 - "Schwül, heiß, steil rauf, eisig, steil runter, geschafft"

Mittwoch, 3. August 2005


Swiss Alpine Marathon:  in ihrer eigenen Werbung steht der Spruch "The Crazy Peak Experience" (die verrüggte Gipfelerfahrung).

Ein Typ im blauen Rennsteig 2005-Hemd, mit super Mafia-Bankräuber-BodyGuard-Sonnenbrille, übergewichtig (noch mehr als Schneckerich), lehnt sich an einem Baum - wir sind noch nicht mal in Bergün, circa km 36, gerade eben die ersten einigermaßen heftigen Anstiege nach der langen im-Tal-Rumkrebserei in katastrophaler Schwüle überstanden, zuerst auf ultraweichem Moos, dann steiler und steiler, alle pusten und blasen in der Läuferkette, ei, nix mehr Läufer, daherschneggende Kriecher, total verschwitzt: "So eine grandiose Scheiße", mault er.

Paar Hundert Meter weiter - immer noch aufwärts, aber jetzt auf der breiten Straße nach Bergün - einer aus dem vorherigen Duo in blau-weißen "Laufclub-Duisburg-Hemden", völlig färtisch, schleppt sich dahin - "Hab ich Dich wieder! wo ist Dein Kumpel?" - "Da vorne" (Handbewegung Richtung Himmel) - ich kann nicht mehr laufen." - "Los, jetzt geht’s runter nach Bergün rein!" - er probiert n paar Hundert Meter, bricht ab, schreit nach: "Ich steig aus, machs gut!".

Oben am Scaletta-Paß:  Temperatur gegen Null, Wolke oder Nebel? egal, eisiger Wind wie in den Filmen von der Antarktis, Sicht zehn Meter weit - drei schnatternde Gestalten in kurzärmeligen Hemden und Shorts (Prinzessin, ein Gerhard und Schneggi) klammern sich an die Bouillon-Becher, alle anderen Leute in Nordpol-Outfit mit Daunenjaggen und Handschuhen - Schneggi: "Warst Du schon mal hier?" - Prinzessin: "Nee, ich komm auch nie wieder her!" - Gerhard: "Wie heißt das hier?" - Schneggi: "Merk Dir nur: Skelett, das reicht!".

Georg Ready-for-Everything Weiss, beim vorabendlichen Pasta-Killen:  "Da mußte ich dann einfach in Köln die 24 laufen!" - "Wieso mußtest Du?" - "Kennst Du nicht diesen Zwang?".

Eigentlich könnte hier schon Schluß des Geschribbses sein, aber das Obige klingt zu negativ und zu heroisch - wo wir doch eigentlich nicht Helden, sondern talentlose Pänner sind - die meisten zumindest, okay, ein paar. Die Oberpänner aus Württemberg und Baden sind den K42 gelatscht, man hat sich total und überall verpasst. Schärie danach: "Lass mal hören, wie es Dir in Davos erging? eine Stunde mehr als 2004, was war los? warst Du letztes Jahr einfach rundum besser oder ist etwas passiert?" - Schneggi: "Kein Talent!" - Schärie: "Au Backe, so schlecht ging es Dir, dass Du grundsätzliche Zweifel anführst! *trööst*" - Schneggi: "Ging überhaupt nicht schlecht, sagte nur ‘kein Talent’" - Dromäus: "Fürs Ultralaufen braucht man kein Talent, schau mich an!" (hat er gesagt, aber wo er Recht hat, hat er Recht, der Knaggfrosch, wird nämlich nur Zweiter beim Isarlauf und knallt später verletzt unträniert schlabbe 217 in 24 hin, der Versager). Außerdem, dass die Weiblichkeiten immer übertreiben müssen, "eine Stunde mehr", so ein Quatsch, nicht mal 58 Minuten mehr - eigentlich nur 56, wenn die knallköpfigen Schwiieezer endlich mal die Nettozeit nehmen würden, rüggständiges Land, bäh.

Also zuerst mal die wichtigste Einführung:  es gibt drei verbale Arten von Anfeuerung seitens der Eingeborenen, die keinesfalls als Beleidigungen (wie etwa "Ausländer raus") oder kritische Tatbestandsbeschreibungen´("der hat aber einen fetten Hintern") oder ethnische Dialektik ("der hat nen Warzenschweinhängebauch") darstellen:  "Heia Heia" (klingt manchmal wie "Eier zu verkaufen" - zumeist gedoppelt, manchmal aber selten als Triple) gefolgt von dem berühmten "Hopp Hopp Hopp" (immer in der sonalen crescendo Dreiersequenz), alternativ zu dem kurzem, aber äußerst prägnanten "super" (entweder betont als "suuuuuuuuuuuubba", also langgezogener Beginn mit Staccato-Schluß oder betont als "subaaaaaaaaaaaaaaaaaaa") - und diese Leute nehmen das ernst, Beispiel: circa 19 Uhr 55, eigentlich schläft Davos schon, auf der Parallelstraße zur Straße ins Stadion, ein einsamer lahmer Typ schlurft daher, es kommt von einer Terrasse oben links im 3. Stock auf Schneggi runter wie die Offenbarung:  "Hopp Hopp Hopp" - er fährt zusammen, bricht beinahe zusammen, reißt die Knie hoch, schlägt mit den Armen, und Endspurt .... tosender Beifall im 3. Stock und rhythmisches "Subba Subba Subba Subba Subba Subba". Allerdings muß man ja auch mal ehrlich sagen:  wenn man sich da als unausgebildeter Kletterer und Pseudoläufer mit Puls 250 so eine fast senkrechte Wand hochschiebt und jemand schreit von oben, von einem Bein auf das andere hüpfend, "Hopp Hopp Hopp", dann rutscht Schneggi schon mal ein "ei, keine Hektik hier, nicht so nen Sträss machen!" - und siehe da, die Leute kapieren das sehr wohl, sehr einfühlsame Menschen in der Tat.

Das wirklich einzig Lästige an dem Lauf sind die zweimal 765 kms hin und her, macht ohne Taschenrechner mindestens Tausend kms. Aber dafür gibts Heidiland und High Society Kurort. Die Hautklinik, wo auch die Allgäriker rein durften, hamm se zugemacht - war so eine Superunterkunft, 200 Meter zum Start. Also, dann eben ins Hotel National mit 15 Sternen (auf der blauen Fahne). Mittwoch, Donnerstag und Freitag, eine katastrophale Hitze und Schwüle, "Dog Days" wie die Yänks sagen - in einem Corsa-Ferrari bei 33 Grad, kein Spaß - im Pfändertunnel an der Egge vom Bodensee sind’s 36 Grad, holy Shit aber auch.

Bernd Seitz mit Feder im Haar weist den Weg ins piekfeine und piggobello Sportcenter für das Startnummer-Grabschen. Neben der Eissporthalle ist das kleine Stadion und dazwischen das Pasta-Mampfen. Der Berliner Tisch erscheint am lustigsten - Felix Kainz kam mit Fahrrad und Zelt die schlabbe Tausend kms von Berlin her, hat aber trotzdem 4 kgs zugenommen - sein Kumpel Rainer Schädlich ist einer der wenigen ich-habe-alle-SAM-komplett, er ist berühmt, wird vom Lautsprecher erwähnt und wer’s verpasst hat, dem erzählt er es gerne, wenn’s sein muß auch dreimal, auch dass er zuvor im österreichischen Träningslager war. Klaus Keule Neumann setzt sich dazu, Ready sowieso - Keule watschelt etwas komisch ran, ach so, er geht immer so - diese vier hochkarätigen Ultristas fangen dann mit ihren Stories an ("in 1998 bin ich zehntausend kms um eine Litfasssäule gelaufen, in Bestzeit, ....." - "als ich letztes Jahr dreimal um den Mond gewätzt bin, ..." - "es hatte 60 Grad und es hat fußballgroße Dinger gehagelt ..."), uaaaaa, Zeit ins Bett zu hüpfen, 8 Uhr Start, pünktlich, wir sind ja in der Schwiieeez.

Ab sieben Uhr herrscht lustiges Treiben im Stadion und vor allem Guggen-wer-ist-sonst-noch-da? - "Tag Kollege", sagt Thomas Miksch und ist so bescheiden wie eh und je, "Ich bin keiner der Favoriten, ich werde auch immer älter" (4. Platz, der Tiefstapler). Da steht doch Neuschnegge Martin Grüning zum Fototermin mit zwei Typen (vermutlich berühmt, Schneggi kennt sie nicht, wir werden’s im nächsten RannersWörld lesen): "Martin, Du kannst es auch nicht lassen, letztes Jahr so eingebrochen hier, wa?" - "Du kannst es selber nicht lassen" - da sein Schäf, der mit der Cätscher-Frisur, Fotos machen will und grimmig guggt, muß das nächste Anquatschopfer gesucht werden - Martin scheint nur ein einziges Laufoutfit zu besitzen, mausgrau, sieht aber auf den Fotos bedeutend zufriedener aus als in Biel.

Prinzessin hat’s auch hergeschafft, hat aber "kein gutes Gefühl heute, das wird schwer, oder?" - "Ach was, ein Kinderspiel gegen eine Autofahrt durch den Westerurwald" - Niels "der blonde Bursche" Grimpe schleicht daher, Piratentuch auf der Birne, Bandage um’s rechte Knie ("früher vom Fußballspielen, ein Scheißsport"), ist auch Kletterer und verunsichert zweimal im Jahr die Alpen, hat sich beim Bremerhaven-Mara so reingehängt, weil er dem Eisenfuß es mal wieder zeigen mußte, nachdem er selbst in Neuwerk rasiert worden war, somit ist das auch geklärt.

Die ersten kms gehen durch Davos, die große Runde, das die-Verrüggten-an-der-langen-Leine-Vorführen für die Frühaufsteher. Da steht Äberhard Ostertag und fotographiert schon wieder - "Äberhard, Du blinde Nuss, siehste mich nicht" - "Ha no, doch, jätzadle scho" (Äberhard ist Stuagärdä = Stuttgarter für die Hochpseudodeutschen) - das ist der Schicksalslauf für Äberhard: "Wenn ich hier nicht durchkomme, laufe ich keine Ultras mehr, schluß aus vorbei" - letztes Jahr nämlich ein dramatischer tragödienkomödiengleicher Psychosen-Neurosen-gelbeHosen-induzierender Abbruch in Bergün nach qualvollen Stunden des Dahinsiechens, des läuferischen Apoplexus-Infarctus-Exitus-Maximus - Äberhard hat eine Marschtabelle, alles geplant, lässt sich auch prompto nach 5 kms zurüggfallen: "Ich bin zu schnell" - dann muß ihn aber doch der übliche Spiied-Wahn paggen und er rattert wie Rapunzel auf dem Besenstiel beim Waldhügelabwärtskopfüberrunterschießen vorbei und wird nicht mehr gesehen (er schafft’s heute, Stunden vor Schneggi im Ziel, der Oberehrgeizling, genauer gesagt schlabbe 15 Minuten) - das ist der neue Streggenteil, voll krass, steiler geht’s nimmer im Wald runter.

Unten dann über die Bahngleise und da kommt Skelett-auf-Rädern, das Mädel in roter Hose vom letzten Jahr (siehe alter Bericht), dieses Jahr nicht so gut drauf, wird später abgehängt. Langsam wird’s schon verdammt heiß und vor allem irre schwül - drückend im Quadrat - uaaaa, die Brühe läuft ohne Ende - bis Filisur geht’s viel rauf und runter, noch moderat, aber schweißtreibend. Die Bahnstation in Wiesen verschafft Pause, danach noch das superschwindelige Überqueren des Wiesner Viaduktes, nix Gutes für nicht-Schwindelfreie (wer schwindelt hier?).

Ein zweiter Typ mit Rennsteig-2005-Hemd und ca. 20-25 kg Übergewicht fällt auf - er hat wohl den Ehrgeiz, alles zu laufen, jede Steigung Hügel Berg hoch - schwitzt profus, keucht wie ne alte Lokomotive, hat sogar zwei Hemden an - meine Güte, paggt der das? aber hallo, klaro, 13 Minuten eher im Ziel. Ein anderer Treter hat einen Gürtel, wo Greif draufsteht: "Bist Du ein Greif-Jünger?" - nein, kein Greifianer, es ist Gerhard und er hat das Teil nur bei Greif gekauft, man wird sich viele Male begegnen. Hey, ist das da vorne nicht Herr Großkapitalist, Herr Doktor, der Jürgen Kuhlmey, Demütiger-Versäger von Schneggi in Biel? - er hat ein neues Spielzeug am Arm, 10 cm lang, ein Tschi-Pi-Äs-Dingsbums mit allem eingebaut inklusive Waschmaschine, Garagentoröffner und Microwelle - nützt ihm auch nix, wird übel versägt.

Nach Filisur geht es 3 kms runter - jetzt ist die Sonne voll da, nix mit Wolken und bewölkt und kühl und so nen Quark, wie die Wettervorhersage lautete - in dem Tal von Filisur nach Bergün steht die Luft, die Schwüle ist absolutatorisch kontraproduktiv - vorne gehen alle, hinten gehen alle, die komplette totale lahme Lethargie, aber eigentlich ist es relativ flach oder nur leicht aufwärts. Oder jeder denkt an die exakt 20.9 km-lange Steigung von km 32 auf 1019 m-Höhe bis km 52.9 auf 2632 m-Höhe, dort steht nämlich ziemlich dämlich die Keschhütte.

Bergün: Effektenstation, heißt man kann am Ortseingang Klamotten abgeben, aufnehmen, Massage kriegen, aufhören - Affenhitze jetzt - ein Brunnen in der Ortsmitte läd zum Kopfbaden ein - eine Frau in rot, die lange dahinter war, sprintet endspurtmäßig, wirft sich um einen männlichen Hals, nimmt seinen Ruggsagg - und setzt sich hin - "Was machst Du denn? hörst Du auf?" - "Wir machen den K78 Couple, Staffellauf für Paare, jeder eine Hälfte". Jürgen brettert daher - "Dein Schnürsenkel ist offen" - "Das ist genau das richtige Zeichen, ich höre nämlich auf, wir sind schon 5 Minuten über dem Zeitlimit!" - holy Shit, ist das wahr? Schwamm in die Zuschauer geschmissen, Becher Rivella (das Sponsorengesöff) in den Brunnen gekippt, und ab die Post. Aber diese Hetzerei hält nicht lange an, einfach zu steil zu heiß zu schwül zu müde. Zuerst noch Straße, dann Kieswege. Mountainbeiger rasen entgegen ("ah, den da, diese lahme Schnegge, nieten wir jetzt auch noch um"), Läufer mit Neuntausender-Nummern traben herab, keine Ahnung, was die für einen Lauf machen, es gibt soviele verschiedene Varianten jetzt..

Im Prinzip geht es von Bergün bis Chants gleichmäßig gerade hoch, 8 kms lang, gut zu gehen, zwischendurch mal laufen - aber dann wird’s schon steiler, nix mehr gerade Straße, sondern Serpentinen - und plötzlich nur noch einen Schritt vor den andern setzen, 300 Höhenmeter über ca. 1 km, vermutlich im schlabben 20er-Schnitt - dann flacher, dafür aber keine Luft mehr kriegen, die Bäume und die Büsche haben schon aufgegeben, nur noch Steine Schotter Geröll Felsen, viele setzen sich alle paar Hundert Meter hin - einige Superathleten laufen hier? warum sind die dann aber soweit hinten im Feld? ah, vielleicht diese abartigen extrafitten noch-nicht-verschleißten Staffelläufer - echt gemein sowas.

Man schleppt sich hoch zur Keschhütte, die man schon eine halbe Stunde lang hoch über sich sieht - oder eine Stunde? - das Gefühl für Zeit und Geschwindgkeit ist futsch - laut Fotos gehen hier oben sogar die Cräggs, gut so, und hammern nicht hoch - an der Keschhütte eine Zeitnahme und Lautsprecheransager: "Dreh Dich um, geniese das Panoroma!" - rustikale Holztische mit Bänken, eigentlich Zeit für eine Auszeit und Brotzeit - Gitarrenmusik, eher Klampfenklänge - aber man baut schon ab - potzblitz, jetzt 15 bis 20 min hinter dem Zeitlimit - wieder diese Hast, keine Ruhepause.

Auf den "Panoramatrail", zwar nicht wahnsinnig steil rechts runter, aber letztes Jahr doch schwindelig machend - dieses Jahr geht’s besser, nur auf den Weg auf den Vordermann den Berg hoch schauen - eigentlich nur 7 kms, aber wie die Jungs hier sagen, ein "alpiner Träl", das heißt die Flachländler brauchen doppelt so lange wie die Bergrunterrutscher - auf jeden Fall ein Gewusel an Steinen, Felsen, Matsch, Bächchen, nie geradeaus, Tausend Kurven und Eggen. Zwischendurch bricht die Bergwand links oben auf, laut Karte geht’s da zum Sertig-Paß, wohl die frühere Stregge, wieder Stories und Legenden.

Um eine neue Egge rum, woa, da vorne haben die Beklobbten ein Zelt hochgeschafft (alles wird per Hubschrauber hergeschleift) und eine Station aufgebaut, bravo bravissimo - heißt "Tagliöl" bei km 57.2 laut Plan (wer weiß, ob der Plan stimmt, wurscht) - sogar mit Massage wer möchte - und da liegt, wer auch sonst, eine Prinzessin, sieht schon etwas färtisch aus - aber erst mal wieder einen Eimer Wasser über den Kopf, zehn Becher irgendwas runterschütten und Brot abreißen - hier oben ist es etwas rustikaler, es liegen Laiber an Brot rum, jeder reißt sich einen Broggen ab und nagt dran rum - Prinzessin setzt sich daneben auf eine Riesenkiste (sind da die drin, die schon weg vom Fenster sind? - hat es da nicht soeben geklopft?): "Du wußtest doch was kommt - warum bist Du trotzdem gestartet?" - äh, was soll man ob dieser weiblichen Weisheit da noch sagen? - "Die hatten geschrieben, dass sie eine neue Stregge machen, ich dachte, das sei jetzt fast flach." - "Ich geh’ mal langsam weiter, bis gleich." - Gerhard kommt gerade an, der ist nicht kleinzukriegen und nicht abzuschütteln.

Jetzt aber weiter bevor’s dunkel wird - laut Plan noch 3 kms bis zum Lätta-Paß, also ca. 30-40 Minuten, schneller ist nicht drin - Prinzessin in himmelblauer Jacke ist vorneweg gut auszumachen, läuft nicht mehr - Gerhard stößt dazu, man kassiert die Westerurwälderin und überholt - "Bleib dran, Mädchen" - plötzlich wird’s zabbenduster und eiskalt, voll in den Wolken oder Nebel, was auch immer, und ein eisiger Wind pfeift von oben links runter - "Es kann nicht mehr weit sein, höchstens 500 Meter" - Prinzessin: "Das sagen die schon seit einer Stunde" - nicht mehr viel zu sehen - ei, da vorne sitzen welche, sind das solche wie der Ötzi (oder Schwizzis), übrig vom prähistorischen Kaiser-Augustus-Gedächtnis-Rennen - nee, leben noch, dick eingemummelt in Thermozeugs wie auf dem Mount Everest, winken nach links, eine Fahne flattert erstaunlich heftig stürmisch aus der Richtung - "Noch zehn Minuten" brüllen sie - "Tapfer, dass ihr hier ausharrt, danke" sagt Schneggi - "Ihr auch, viel Glügg!" - viel Glügg? hä? hört sich bedenklich an.

Die Suppe wird immer dichter, die Finger sind schon digg vom Gewebewasser, das ausgetreten ist, jetzt kann man sie gar nicht mehr bewegen, total klamm - (klasse, wird einem niemand glauben: "Ich habe mir drei Finger erfroren!" - Woa, wann, wo, im Dezember in Sibirien?" - "Nö, im Juli, beim Betriebsausflug!") - die Felsen und Steine glitschig wie die Sau - Gerhard: "Nein, ich will nicht überholen, ich bleibe hinter Dir, ich werde von Deiner Erfahrung profitieren!" (hä, welche Erfahrung?) - Prinzessin: "Ist’s noch weit? ich kann nicht mehr?" - "Nur noch Minuten, jetzt müssen zwei Schneefelder kommen und dann noch ein paar Meter!" - keine Schneefelder, kein Paß, verdammich, vielleicht haben wir uns verlaufen und sind im Anstieg auf den Kilimandscharo, weiß der Kuggkugg.

Ein Schneefeld - "Vorsicht, äußerst rutschig", schreit Schneggi gegen den Wind nach hinten und patsch, beinahe selbst 200 Meter abwärts - und dann das zweite Schneefeld - na wer sagt’s denn? - hey, sind da nicht Stimmen Richtung zehn Uhr oben? - uaaaa, gerettet! - nö, niemand da, Mann, wo ist der Doc? wo ist die Absperrung? wo ist das Brettergerüst? - nix niemand gar nix! die haben uns aufgegeben! zurügggelassen! sich selbst gerettet! - beim SAM 2006 wird man drei Skelette am Skeletta-Paß mit drei Lätta-Broten im Gebiss finden ("super, die Startnummern können wir noch mal verwenden! woa, grandios, die Polar-Uhren gehen noch! ich wollte schon immer die 1234Y von Polar!").

"Keine Angst, Leute, ich bring Euch hier runter!" schreit Pappa Schneggi - nach rechts guggen, nach vorne guggen, nach links guggen, kein Durchbligg - ah, da steht doch jemand dort drüben, eine Silhuätte wie ein Turm im Sturm - lebt der noch? ist das eine Schaufensterpuppe? - und winkt - das muß der Doc sein, der Rennarzt, Beat der Glüggliche! - "ei, Kollege, heut haste es aber ganz schön kalt und duster gemacht!" - "Nur für Dich, Kollege, da drüben gibt’s warme Bouillon" und quetscht die steife Hand - tatsächlich, zehn Meter weiter sind noch mehr Gestalten, bauen alles ab und zusammen - "Seid Ihr die Letzten?" - "Ach woher, hinter uns kommen noch Tausende, die Hunnen kommen!" - nicht lange rumtrödeln, sonst frieren wir noch fest - runter mit Volldampf - äh, nicht so einfach, kein Weg zu finden, Sicht noch schlechter als raufwärts - Prinzessin geht nach 2 Minuten verloren, nicht mehr zu sehen, Gerhard läuft dicht dahinter, mit der Hand auf der Schulter - Schneggi will auf Prinzessin warten, schiggt Gerhard los: "Einfach abwärts, in zehn Minuten ist wieder Sicht da" (totale Lüge) - da Prinzessin nicht kommt, latscht Schneggi langsam weiter, andere überholen und rennen beinahe auf ihn druff - da haben sich doch tatsächlich welche Müllsägge umgestülpt (wahrscheinlich unterwegs geklaut).

Es ist affig steil und überall ist es naß, da ein kleiner Bach, hier ein Rinnsal, also Rutschalarm rot - jetzt nicht hinpatschen - von unten hört man Kuhgloggen - ist das ein Tonband? oder ist da Zivilisation und wenigstens tierisches Leben? - apropos tierisch, manche brettern hier tierisch runter, nix wie aus dem Weg, die machen alles platt. Langsam zeigt es sich, dass nicht die ganze Sviezzera in Wolken und Nebel versunken sind, uaaaaaa. Ein Holger gesellt sich dazu, auch so ein K78 Couple-Läufer, noch verdammt fit sowohl verbal als auch mit den Beinen, quasselt das Ohr ab - er vermisst das 15 km-Schild (dieses Jahr werden die "noch-kms" angezeigt - frage keiner Schneggi, warum das bloß nun wieder) - 15 km-Schild entdeckt, die große "Talstation" Dürrboden in der Distanz im Visier, eine wichtige Etappe, hier werden BibBibBib-Zeiten genommen und letztes Jahr gab’s hier Cola: "Habt Ihr Cola? letztes Jahr hat mir einer was heimlich unterm Tisch hochgezaubert" - "Nee, erst in Rin, nächster Stand!" – ei verbisch nun mal - dafür absolut köstliche kleine runde "Marathonbrötchen", hhhmmmm, süß mit Rosinen drin, leider nur dort gesehen (wahrscheinlich haben’s woanders die Helfer selbst weggefuttert, so gut sind die) - bis 18 Uhr ist das Zeitlimit hier, jetzt haben wir 18:20 Uhr, sieht nicht gut aus, nix wie los.

Beim Antraben fällt der Bligg auf den Sanitäter-Stammtisch - da sitzt einer mit etlichen Pflastern und ziemlich viel rotes und graues Blut auf der Haut - gleich mal austschäggen - das Loch am Kinn und das Blut den Hals runter deuten auf voll-auf-die-Fresse-gefallen - aber er steht auf und geht mit, ist ansprechbar, ist sogar ein Belgier, kann mit Französisch aber nix anfangen, da Flame aus Antwerpen - ist superhöflich, bedankt sich überschwenglich (für nix eigentlich) und bedauert jetzt aber doch loslaufen zu müssen - na, wenn er’s so eilig hat.

Da tänzelt Prinzessin daher - "Ich hätte nicht gedacht, dass Du da überhaupt und wenn so schnell runterkommst" - zum Glügg gerade noch den Kopf rechtzeitig aus der Schwingrichtung des rechten Hakens gebracht - diese Westerwälder Weiber sind doch irre zääääääh - dann man los zusammen - "Werner (das ist Yuppie Werner aus WW) hat gesagt, dass ich das nicht schaffen werde, aber Powerschnecke ist doch da, sagte ich dann, er meinte, daß ich mich nicht mit Powerschnecke vergleichen solle, und jetzt komm ich vor Dir ins Ziel!" - Madonna mia, maledetta strega, kleiner Zwischenspurt - und platsch, haut’s die Dame in den Kies (auf dem flachsten Streggenteil der letzten fünf Stunden!), Hand und Knie bluten, die letzten Taschentücher müssen geopfert werden - "Zieh mal los, ich gehe ein Stügg".

Die letzten 18 kms geht’s fast nur runter, die ersten 3 wiegesagt kamikazeartig, die nächsten 15 stetig abwärts, mit dem einen oder anderen Buggel dazwischen, nix Großes mehr - die Verpflegungsstelle in Rin (km 67) hat in der Tat 100 Becher mit Cola und zehn sich langweilende Helfer - "Die Zielzeit wurde um eine halbe Stunde verlängert" - "Ach ja, tatsächlich! da kann ich mich ja nochmal hinsetzen" - "Bist Du der Letzte?" - immer diese Obsässion mit dem Bist-Du-der-Letzte - "Nein, ich bin nicht der Letzte! mindestens eine Schwerverletzte schleppt sich da hinten gerade um die Kurve" - "Wieoft warst du schon hier? ah, zum zweiten Mal! gefällt’s Dir also? klar sind wir schwerer als Biel, Biel ist ja auch flach" (uaaaaaa, Biel ist flach!) - kommt schon Prinzessin dahergewaggelt: "Schnäggerich! ha, biste kapudd, kannste nich mehr? ich komm noch vor Dir ins Ziel! wirscht schon sehen" - fängt die Nudel schon wieder an, jetzt aber tschüß-bis-ins-Ziel - Schneggi schaltet den Laufroboter ein und läuft nur noch als Heispied-Monster gegen Davos - es nieselt, es ist kühl, das hätten wir heute morgen alles gebraucht - Hunderte werden versägt (eigentlich sind’s nur vier oder fünf) - einen Becher Cola bei km 75 im Flug geklaut - verdammich, noch dieser Hügel 3 kms vor dem Ziel - ein Häschen geht langsam - "Komm mit komm mit" - "Nee, ich möchte nur noch gehen" (eine Carmen, wie die Rangliste aussagt).

Man kommt auf Schleichwegen hinter Wohnhäusern nach Davos rein - endlich wieder Straße Asphalt keine Felsen keine Steine keine Kiesel keine Wurzeln keine Löcher nix nix nix nur noch dahingleiten segeln fliegen - einer, der bei km 68 noch im Sprinttempo vorsauste, wird noch versägt, bricht nach 20 Metern das Komm-Mit-Komm-Mit ab - die Straße geradeaus, am Ende eine Haarnadelkurve, jetzt vorbei an Cafes und Lokalen mit Claquören drin - das Hintertürchen an der Stadionsmauer ist noch offen - die Tartarenbahn fühlt sich an wie Samt - es sind tatsächlich noch Hundert Leute da - auch der Großkapitalist steht da, ein echter Sportsmann, klatscht ab, das ist die Revansche für Biel - der Sprecher feuert die Leute und den Läufer an - die Zieluhr zeigt 12:00:10, die eigene Uhr zeigt 11:58 - es gibt eine Medaille, kaum zu glauben, letztes Jahr waren sie diesbezüglich geizig, niente nada - und das Finisher-Hemd, dieses Jahr in teuflischem Schwarz, ein echtes AngeberSchört - der nicht-Greifianer Gerhard kommt her, 12 Minuten Vorsprung diese Rennmaschine, gratuliert und bedankt sich ohne Worte, echt nett.
Foto Powerschnecke
Platz 1060 - 22 lassen sie noch rein, den Letzten mit 12:34 - schade um die, die aufgegeben haben, die Solidarität in der Luuser-Legion ist immens - werden eigentlich eklatant lahme Leute an Zwischenstationen zurügggehalten (mit drei G’s, uaaaa)? gibts einen besigen Schlußläufer? Fragen über Fragen! Von Montag auf Dienstag ist die Webseiten-Rangliste zugemauert und "wird korrigiert", da sind wohl noch Restläufer, die sich bestimmt am Lätta-Paß im Nebel verirrt haben, eingetroffen, vermutlich fünf Stügg, da nämlicherweise Schneggi von Platz 1060 auf Platz 1065 gerutscht ist.
Foto Powerschnecke
Die Mieze am Sonntagmorgen an der Hotelrezeption erkundigt sich nach dem gestrigen Lauf: "Ach, ich bewundere Euch ja sooo - weil ich selbst ja auch sooo unsportlich bin" - klimpppppert mit den Augendeckeln, lasziv-frivol-suggestiv.

Fazit: ein gigantisches Laufabenteuer - Stoff auch für die talentlosen und für die hoffnungslosen und sogar für die humorlosen Laufpänner und Oberschwätzer, sich ihre eigenen kleinen Stories und Legenden zu striggen.

Grüzi
Schneggi


<< zurück zur Übersicht




Kommentare ...

Vergiss niemals beim Verfassen Deines Kommentars, dass auf der anderen Seite des Bildschirms ein Mensch sitzt!

Keine Kommentare

Kommentar schreiben

* Pflichteingaben

*
*
*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*