Essen - 43. Internationaler Marathonlauf “Rund um den Baldeneysee” am 9. Oktober 2005 - "Ganz versessen auf Essen"

Mittwoch, 12. Oktober 2005


Manche Marathons mag man ja lieber als andere - es gibt sogar welche, die mag man am liebsten - Baldeneysee-Drumrumgehopple ist solch einer. Die Einleitung der Ausschreibung sagt’s treffend:

"Höhepunkt zum Saisonende ist der 43. Internationale Marathonlauf, der seit 1963 vom TUSEM Essen organisiert wird. Traditionell trifft sich die internationale Läuferszene im Essener Süden. Ob Top-Läufer, Hobby-Sportler oder Lauftreffs, die landschaftlich reizvolle Strecke lockt seit jeher Langstreckenläufer aller Altersgruppen und Nationalitäten an den Baldeneysee. Lassen sie sich anstecken vom Flair des Marathons, egal ob als Aktiver oder als Zuschauer, alle sind eingeladen zu einem der schönsten Lauf-Festivals im Lande." - stimmt genau, und drüber auf der Wäbseite gleich das passende Foto, eine Panorama-Weitwinkelaufnahme des Sees.

Dieser Lauf hat zwei Heileits:  der See und der Trommler bei km 13. Der See ist klar, Stausee, die Ruhr geht durch, zum Trommler später noch.

Start um gemütliche 10 Uhr, genügend Zeit rumzuguggen und Andere zu nerven. Als Erster kommt Joey Sogge dran, hat gerade die Urkunde und Medaille vom erfolgreichen Spatzathlon in der Hand: "Heut lauf ich langsam!" - der Junge ist ein notorischer Lügner, kann man nicht anders sagen, er müßte eine Therapie bekommen, brettert wieder über die Stregge.

Prinzessin hüpft mit Fotoapparat in der Hand in der Startnummerhalle ins Gesicht - draußen kommt Horst Preisler herbei und sagt, dass es ihn bedenklich stimme, dass jetzt neuerdings die Pastorin ihm zum Geburtstag gratuliere, das sei früher nicht so gewesen (hatte den Siebzigsten im Sommer) - Peter Wiesel Wieneke winkt von weitem, gestern den Broggen-Marathon rauf-runter-gewätzt und die Woche zuvor im fünften Anlauf auch den Spatzathlon geschafft, ist der Knabe fit oder nicht?

Die Wäbseite www.essen_marathon.de zeigt unter Impressionen und Streggeninfos mindestens 100 Fotos der Stregge, in Laufrichtung, quasi alle paar Hundert Meter, man kann sogar die km-Markierungen auf’m Asphalt erkennen. Dann noch Panoramabilder, Streggenverlauf, Originalkarten, Zeugs ohne Ende - echte Profis, die Tusemer.

Start ist oberhalb des Seeufers auf einer normalen Straße. Die ganze Wegstregge ist asphaltiert, trotzdem eher ein Landschafts- als Stadtlauf, Parkgehoppel wäre am treffendsten. Es gibt nur zwei Teile, die ächt öde sind - ein Teil am Anfang von ca. 1 km auf einer teilgesperrten Heiwei und später noch was - der Rest ist alabonör.

Also, zum Start geht’s - da ist Barbara, früher schon Skelett-auf-Rädern in den Davos Berichten 2004 und 2005 genannt - hat noch nicht zugenommen, ist aber freundlich und beißt nicht - Prinzessin meint, dass Babsi okay sei, nur einfach zu wenig esse.

Da drängeln und schubsen welche von hinten, natürlich in gelben Hemden: vier Lilienthaler Eisenhaxen, also zwei Eisennasen mit vier Haxen (tutto capito?) - der eine ist Gerd Gerd im gelben (!) Werder Bremen-Hemd, erstens wie kann der sich hierher als der letzte Werder-Fän wagen und zweitens auch noch in gelb - meint: "Hey, Schneggi, haste ja in letzter Zeit mächtig zugelegt, läufst ja irre Zeiten" - wie, hä, wa? Der Mann ist plämpläm, muß ne Verwechslung sein oder einer dieser lustigen Werder Bremen-Fän-Schärze - Gerd Gerd selber hat kein Endergebnis in der Liste, hoffentlich hat’s ihn in der zweiten Hälfte nicht zerrissen, da die angezeigte Halbmara-Zeit für ihn doch phänomenal war, vielleicht wollte er nur nen schnellen Halben basteln - Eisenhaxen Nummer 3 und 4 gehören Carsten Matjesfilet, stattlicher Mann in gelber Uniform, drängelt sich nach vorne in die 315-Box, muß sich mal wieder austoben.

Start auf der Parkstraße, zwischen Autos und Anhänger, man gruppiert sich logger in etwa passend hinter die Zugläufer mit ihren Schildern und Luftballons. Die ersten 5 kms geht’s etwas eng und langsam zu, aber das ist doch sowieso immer besser - gibt’s nachher nicht soviele Leichen entlang der Stregge (am Anfang übernommen und von da ab ging’s bergab und Einbruch .....). Rechts wird mit einem Schild gewedelt, drauf steht: "Lauf du Luder - Claudiiiiii !!!!!" (Mit sechs Mal i und fünf mal Ausrufezeichen, genau gezählt) - wer das Luder ist - hätte man gerne fotographiert - ist nicht rauszukriegen, muß wohl immer hinter Schneggo gewesen sein, da das Schild drei Mal insgesamt gewedelt wird.

Erst mal hinter die 4-Stunden-Läufer klemmen, aber in etwas Abstand, ein digger Pulk trampelt da zusammen - außerdem legen die ein gewaltiges, viel zu schnelles Tempo vor. Nach 3 kms runter von der Straße, im großen Bogen über ne Brügge am unteren Ende des Sees, durch das Örtchen Werden, paar Kurven, dann auf den Parkweg entlang des Sees - hier ist es doch recht eng und das Gehopse stoppt beinahe - also lieber das 4-h-Volk überholen und mehr Luft haben - links zeigt sich ein Wehr, da ist laute Musik und ein tobender Einpeitscher - den Song bei der ersten Passage vergessen, aber beim zweiten Mal ist es "WeiÄmSieEi", neben einer Lautsprecherbox somit 100.000 Watt laufend haut das voll rein und einen fast aus den Pantoffeln.

Ab da ist dann genügend Platz - dicht am See im weiten Bogen die nächsten 7 kms - am oberen Ende des Sees eine Straße, rechts die Eisenbahn, links ein Italiener (Restaurant - was man sich so alles merkt, häh?), die auf eine Brügge führt, ca. km 12 hier. Jetzt kommt eine zweimal 3 kms Gegenlaufstregge, eine gesperrte Schnellstraße müßte das sein, drei sachte hoch und drei natürlich runter, rote Kegel als Abtrennung.

Gerald Baudek (Freund seit dem virtuTEL), kurz gefolgt von Lügner Joey Sogge, ein wenig später Matjesfilet in Platz-da-Panzer-im-Vormarsch-Manier, und Hugh der Jäger ("ey Hugh!" - guggt rechts, links, vorne, hinten, sieht nicht wer gerufen hat) werden erkannt. Das zweite Heileit wurde noch nicht präsentiert: so etwa bei km 13 oder 14, ist eine Kinder-Trommler-Gruppe, haben das Ding voll drauf - aber der Hammer ist der Vortrommler, könnte der Bruder von Jerry Garcia und Carlos Santana sein: Riesenkrausemähne, grau, John-Lennon-Sonnenbrille, Althippie-Kleidung, Kopf leicht geneigt, blinzelt der Sonne und den Läufern entgegen, Strahlemann, schwingt den massigen Körper genial mit, muß als Trommler geboren sein, hat den Rütmus im Leib - der Mann ist ne Wucht, man sieht 300 Meter voraus, dass der Typ, wie die Amis sagen würden, "he has the time of his life", er ist der Spass im Quadrat, er fühlt sich so wohl in seiner Haut und an dem Ort und zu dem Zeitpunkt, das ist phänomenal, er strahlt eine Positivität und Lebensfreude aus, gibt’s ganz selten - leider keinen Fotoapparat zur Hand gehabt, hier das Foto aus der TUSEM Essen-Broschüre eingescannt - hat die Horde Kinder voll bei der Sache, einmalig.
Foto Powerschnecke

Natürlich bescheißt niemand, aber Kontrolle sei angeblich besser als Vertrauen und deshalb ist gleich nach der Wende eine Chip-Matte (= km 15). Prinzessin tänzelt auf der Gegenseite, flirtet mit allen erreichbaren Männern, sieht aber Schneggi nicht, treulose Seele - kurz dahinter Wolfgang Ichkriegdich Ewigkämpfer: "Schneggi, Du sieht jetzt schon miserabel aus!". Oh oh oh, Schneggi fragt gleich die ganze Meute um sich rum: "Hat jemand nen Spiegel dabei, muß mal eben nen Piggel ausdrüggen!" - kein Spiegel da, wird Nebenläufer gefragt: "Du Schwachkopf, sehe ich miserabel aus?" - na hoffentlich kam er mit dem einen geöffneten Auge noch gut ins Ziel (das andere müßte nach ca. 10 Minuten voll zugeschwollen gewesen sein).

Okay, wo laufen wir gerade? Ach ja, kms 15-18, die öde Schnellstraße runter, kann man Tempo aufnehmen, unten dann in leichter Rechtskurve wieder zum See, auch mal ein paar Meter weiter inwärts, im Prinzip jetzt auf nem breitem Fahrradweg geradeaus, keine besonderen Vorkommnisse mehr.

Halbmarathon schon weit vor dem Ziel, weil in der zweiten Runde die Extratour die Straße rauf-und-runter wegfällt. Man kommt so in etwa bei km 25 am Ziel vorbei, das fast direkt am Wasser liegt.

Auf’m See spiedet ein DLRG-Schnellboot, kommt ans Ufer, die Rotjaggen werfen ein in einen Teppich gewiggeltes Etwas rein, nee hieven einen komplett-rotgesichtigen-Abschlaffer rein, sorgen für einen weniger vor einem in der Ergebnisliste.

Alles läuft prima, man zoggelt dahin, es ist prächtig warm, über 20 Grad, natürlich zuviel für einen Massivschwitzer. Irgendwie funktioniert das alles verdächtig problemlos - ey, zu früh gefreut, so ab km 30 kommt dieses Gefühl ich-könnte-jetzt-gerne-mal-wo-hinsitzen, man ignoriert es, gibt Gas, das Gefühl wird stärker und das zweite Gefühl eigentlich-könnte-jetzt-Schluß-sein gesellt sich dazu, man versucht sich abzulenken, fängt an die Restzeit durchzurechnen.... oje, und nun dieses jedem bekannte ich-hab-jetzt-verdammt-nochmal-keine-Lust-mehr zwillingsgepaart mit der Prinzessin-Zeiten-sind-mir-so-was-von-egal-Aldi-Tüte. Erst mal sammeln, die Ruhe bewahren, cuul bleiben, die Lage tschäggen, n paar Meter gehen kann nicht schaden, ach zweihundert Meter Gehen macht den HelmutKohl auch nicht fätter. HolyShit, das wird ja ein 7er-Kilometer, oh Männe - die Rettung, es kommt der km34-35 Stand: "Alle Sachen zu mir, hier hier hier, Schwamm, Wasser, Cola, Tee, Iso" - *rülps* - los traben, tu was, mach was, Du schmeist die sub-4 weg, wenn Du noch einmal anfängst zu gehen, Faultier - ach diese blöde Straße mit der Eisenbahn rechts, voll mit ganzen und zertrampelten Bechern, können die ihren Müll nicht mitnehmen? ach endlich die richtige zweite Rettung: die Schuldigen ausgemacht - goldene Schäffe-Regel: "Einer muß schuld sein, Ihr könnt schon mal einen raussuchen, Saubande!".

Da links, endlich das 35 km-Schild am Laternenpfahl, das ist bestimmt viel zu weit weg hingehängt - grrrr, der 35 km-Strich ist genau daneben - oh Gott, Katastrophe, 6:42 min - jetzt muß was passieren, definitiv.

Okay, Stratägie: erst mal sich über die Brügge und den seichten Anstieg bis zu km 36 retten, ab da geht’s "nach-Hause-die-olle-Sause", psychologisch abwärts und wie lief es da letztes Jahr eggszällent und süpärb - und ab da dann Plan A: schneller scharfer Frauenarsch als Hase - an den Zänsor: ja, vullgär, nicht-akadämlich, whogivesashit? ... wie bitte, wo-ist-die-Ätikette? ... Mann, Zänsor, hier geht’s um sub-4! könnte es irgendetwas Wichtigeres im Läbä gäbä?- sowieso keinen adäquaten anatomisch und physiologisch ansprechenden fämininen Körper-mitte-hinten-Aspäkt entdeggt, also keine Aufregung.

Plan B: sich aufregen über die saudummen Sprüche, mit denen der Träner immer nervt - ein paar aus der Gedächtnisschublade "Junk - delete at näxt rebooting" - ah, die zwei tun’s: "Mann, reiß Dich zusammen ... blahblah" - grrrrr, was für ein Schwachsinn! - und dann noch: "Hör auf zu jammern, sonst krieg ich noch Mitleid" - grrrr, Dräggsagg. Aber es funktioniert, ein psychologisches Schänie, in einer Liga wie Otto Reh-tritt-in-Nagel. Und dann noch die Vorstellung einer 4-Stunden-schlechte-Laune-Heimfahrt gekoppelt mit dem Schregggespenst Wolfgang Ichkriegdich an den Haggen geben den nötigen Kigg-Tritt-Schubser.

Wer übrigens mal einen in der Tat sehr guten Laufbericht lesen will, sozusagen vom Meister (nicht das übliche langweilige Geschribbse im WeltWeitenWahnsinn), der gugge mal auf www.laufreport.de/reisen/archiv/sparta/sparta.htm (soviel Werbung muß einfach mal sein).

Aaaaaaah, die restlichen 6 kms flutschen, sogar im akzeptablen Tempo, für Lahmenten allemal. Oje, au bagge, alle 50 Meter ein Geher, die tun einem alle leid - man müßte sie per Fingerspitzen-Strahlen miniaturisieren und in einem Trinkbecher mitschlebben und 300 Meter vor dem Ziel per Daumenschnalzen renaturalisieren können. Ein Tübb, der sich per Hemd als Super-Triathlet ausweist, steht im Weg rum ("äh, hobbala, tschuldigung, ich laufe mal schnell vorbei, wollte noch vor 4 ins Ziel"), zieht sich die Schuhe aus und geht barfuß weiter.

Bei km 40 brettern mehrere der 4-h-Zugläufer mit ihren orangenen Luftballons (ist das nicht lästig?) vorbei - hola che tal? was ist denn jetzt los? Mist, verdammt, nochmal hektisch die Polar befragen, draufklopfen, schnell alles durchrechnen, dummen Fehler gemacht? nee, alles passt, die sind einfach zu schnell, diese Uhus, lassen ihre Schützlinge hängen. Paßt so gut, lieber Tempo raus, keine Hektik, keinen Sträss, lieber an die Rente und das alte Herz denken, nützt ja nix vor, im oder hinter dem Ziel aus den Latschen zu kibben.

Zum Schluß Abbiegen direkt an die Seepromenade, an den "Südtiroler Stuben" vorbei (es riecht nach Pommes), letzten km dann Spalierlaufen, zwei lahme Heinies wollen unbedingt die Stregge bloggieren, muß man zwischendurchhüpfen, gibt minimalen Ärger, Affen - kurz vor dem 10-Meter-Sprungturm eine 180-Grad-Wende, auf eine Aschenbahn, noch 100 Meter bis ins Ziel, ey, das war mal wieder knäbbli heute, aber gut für die Statistig, wie der Träner immer faselt - Hugh der Jäger gratuliert nach 2 Metern schon, erstmal Luft holen.
Foto PowerschneckeFoto Powerschnecke
Dann wirft man sich in die hintere sonnige Egge des abgekäftigten Auslaufs - später kommen Wolfgang IchkriegDich und Prinzessin dazu - in der Sonne alle Fünfe von sich streggen (sofern man fünf hat, ansonsten vier) - gleich die nächsten Verrüggheiten bequatschen - Hugh möchte in den Club kommen, Wolfgang plant Nummer 100 für nächstes Jahr und natürlich die Drohung "Ich-krieg-Dich-doch-noch-mal", Prinzessin hat ein Maxi-Wochenende mit Westerwald-durch-die-Hügel-brettern und Bologna vor sich, Schneggi hält ausnahmsweise die Klabbe - einfach nur geniesen, den Rest dieses klasse Laufs, die Sonne, die Freunde - da stören die eisigen Duschen auch nicht, die verteilten subbaläggeren Rosinenbrötchen (tja, müssen wohl vier gewesen sein - oder fünf?) machen das wett.

Wer ist so vermessen
und könnte Essen vergessen?
und lieber woanders laufen?
er wird sich die Haare raufen!

Grüzi
Schneggi


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