Frankfurt - Eurocity Marathon Messefrankfurt am 31. Oktober 2004 - "Powerschnecke in Frankfurt"

Dienstag, 2. November 2004


Frankfurt City Messe Euro Marathon - oder umgedreht - der letzte “Große” in 2004. War voriges Jahr schon ein prima Pflaster, deshalb ganz einfach wieder hin - der sechste Marathon im Oktober. Dank Uhrenumstellung eine Stunde länger schlafen - trotzdem um 5 Uhr raus - aber statt 100% müde, nur 90% müde - immerhin, diese extra-Stunde könnte man jede Samstag-auf-Sonntag-Nacht so haben.

Man drängelt sich in die vorgegebenen Parkhäuser - komisch, letztes Jahr war das noch umsonst. Aber der Shuttle Bus ist wirklich umsonst. Nach dem Aussteigen brüllt einer: “Powerschnecke”. Weiterlaufen, so tun, als ob man nichts gehört hat, schnell um die nächste Ecke hinter die Müllcontainer? - aber nein zu seinen Fans muß man (ab und zu) nett sein. Aber statt einer Horde von kreischenden Girls (siehe Beatles in 1964) kommt nur Yuppie Volker dahergewatschelt - auch Yuppie Werner ist begeistert, ob des Wiedersehens - Werner hat nun eine Brille, damit er nicht mehr in die Frauen, die vor ihm laufen, reinrennt und nicht mehr an den Verpflegungsständen vor Schusseligkeit 10 Becher gleichzeitig umschmeißt (Kategorie: “n Blinder sieht mehr”) - Werner und Volker waren eine Woche zuvor beim Palma de Mallorca Marathon, konnten aber außer von sämtlichen Ballermännern nicht sehr viel Positives erzählen. Wie die Heuschreckenplagen im alten Ägypten sind die Westerwälder Wilden vom DJK Marienstatt eingefallen, in toto ganze 18 Leute. Remineszenz an den Hachenburger Extremberge-Marathon von vor 2 Wochen:  Urkunde plus (peinliche) Fotos persönlich vom Orga-Team überreicht (“tschuldigung für die Fettflecken und das Eselsohr”). Dann rein ins Getümmel und zur Marathon Messe: Westerwäldler-Frau muß Geld ausgeben.

Die Startblöcke tragen die Namen der Sponsoren, zum Beispiel Rosbacher (Apfelschorrle-Produzent) - Farben oder Buchstaben erscheinen doch sympathischer. Da Trainer Dromedar letztes Mal gemault hatte, dass durch Pinkeln keine Zeit draufgehen darf, wird am Grünstreifen neben den Startblöcken bis Sekunden vor dem Start nochmals gequetscht und gehüpft und geschüttelt - die Blase natürlich - der Boden ist ziemlich feucht um den Baum herum, da dies der tipptopp Pinkelbaum des Blocks Rosbacher ist - “äh, ist das eklig” meint einer - was für Mimosen sind denn heute wieder am Start?

Das übliche Brimborium und Blahblahblah wie bei all den ganz großen deutschen Marathons. Es scheinen mehr Treter unterwegs zu sein als in 2003, auch wegen der Staffeln. Nach dem Start alles ziemlich eng und für die ersten 3 kms kann man nur mitfließen und hoffen, dass einem nicht irgendein Trampel in die Hacken tritt oder stürzt - die minimale Ansteigung auf der Schleife dann reißt schon das Feld auseinander, zudem wird die Strecke breiter. Eindrucksvoll das Gerenne zwischen den Wolkenkratzern, zum Teil noch im Nebel, die Sonne kommt aber raus.

Das ist auf jeden Fall der “Musik Marathon”:  unzählige Trommlergruppen, immer genial - eine spektakuläre Samba-Band (siehe unten) - mindestens eine live Rockband (“Hang on Sloopy, Sloopy hang on” und “Keep on running” bei Schneggis Passage) - ein einsamer, aber sehr begabter Flötist (“Black Magic Woman”) - und ein Trompeter (Anfang von “amerikanische Nationalhymne”, muß dann die Spucke aus der Trompete schütteln).

An einigen Streckenteilen kommt man zweimal, an manchen sogar dreimal vorbei (deswegen kennen einen soviele Leute, klaro - nee, Vorname auf Startnummer) - zur Strecke siehe das Spielchen “Marathon Simulation” von Sportsim (ganz unten auf der Eingangsseite der Frankfurt-Ergebnisse) , wo man bis zu vier Typen als farbige Kügelchen gegeneinander laufen lassen kann (war schon beim Berlin-Marathon vorhanden).

Prinzessin ist vor dem Start im Getümmel verlorengegangen (“muß noch aufs Klo” - futsch war sie) - aber eigentlich derselbe Startblock - also mal ganz hinten rein und dann eben später ranpirschen und erschrecken - ist aber km-lang nirgends zu finden - bei der Masse kann man schon mal vorbeilaufen - oder sie hat den heute-ist-Vollgas-Tag - oder sich wieder in nen falschen vorderen Block reingeschummelt - bei km 10 erwischt, aber nach 1 km will sie’s lieber doch etwas gemächlicher, trotz der ultraschnellen Rennstreifen an der Hose - “okay, ich warte im Ziel”.

So bei km 10,5 km eine brasilianische Band mit einem Hingugger von Brasilianerin im brasilianischen weniger-geht-nicht-mehr-Outfit - eigentlich geht weniger schon - oder ist sie eine Hausfrau aus Wiesbaden mit viel Nachsonnencremer und ein gutes Sonnenstudio? oder gar ein Transvestit aus Mannheim?. Man kann da ja nicht so hinglotzen, zumal 5 Meter entfernt im Schnecken-4.Gang-Beschleunigungstempo, zudem in weiblicher Begleitung. Klaus Keule Neumann wird bei km 14 aufgegabelt und meint, dass sie dieselbe sei wie beim Mainz Marathon, dort kommt man aber zweimal dran vorbei (“auf jeden Fall sind beim zweiten Mal die meisten wesentlich näher dran”). Keule ist nicht gut drauf, der Fuß tut weh oder droht weh zu tun, Plantarsehnenentzündung - er hatte schon unter der Woche per E-Mail angefragt, aber nach dem Vorschlag einer Amputation kam keine weitere E-Mail mit den angeforderten Symptomen mehr aus Richtung Stuttgart.

Der nächste mit medizinischen Themen ist Horst Preisler, heute erstens flott wie ein junger Hecht und gesprächig wie eine Plaudertasche - na auf die alten Tage wird er noch zum Dauerredner. Karl-Heinz Kobus scheint sich mit ihm prächtig zu unterhalten. Dazwischen taucht Berthold Becker aus der Wetzlarer Verbrecherbande auf, natürlich im Piraten-Look - Alfredissmo ist nicht zu sehen - Werner Frech war auf der Messe entdeckt worden.

Die Verpflegungsstände sind standard, zum Essen gibt’s nicht viel oder gar nix - aber wer will sich außer Meister Affenzahn schon vollfuttern, wir sind eh alle übergewichtig. Die Damentoiletten in der Gepäckhalle hinten sind zu empfehlen - Luxus, Optimum, riechen gut, nur Gedränge vor den Waschbecken mit Spiegel (“muß noch mein Mascara nachziehen” - Schneggi: “Ich auch! kannste was rüberreichen”).

Heute läuft’s prima - könnte noch schneller gehen. Aber man muß auch mal dem Rat, den Befehlen und Anordnungen des Coaches folgen: Pacing-Tabelle (wie die Oberstreber auf die Polaruhr geklebt), vorgeschriebene Zeiten an den 5 km-Punkten, der Untergang des freien liberalen anarchistischen chaotischen Laufens. Also erst mal langsamer als man könnte, dafür das Tempo halten und dann suzzessive im zweiten Teil schneller werden - sieht auf Papier superklasse aus. Wenn einen aber dicke Bäuche oder scharfe Hintern überholen, muß man schon diszipliniert wegschauen und das Tempo halten - auch mal, wenn “Zeitvorsprung” rausgelaufen wird, rein zufällig (ist gerade da so eine Läuferin mit einem T-Shirt mit interessanten Aufschriften, wo das Kleingedruckte doch auch gelesen werden muß), muß gebremst werden - Assistenztrainerin Zebra: “Bonus-rauslaufen ist Sünde !!! und wird mit Enthaltsamkeit bestraft”.

Probleme kommen in den 20er kms - da ist es definitiv zu eng und man kommt nur sehr schwer schneller voran als zum Beispiel ein Pulk von langsam Einbrechenden. Besonders die Staffelläufer nerven gelegentlich - am Anfang ihrer Etappe, frisch und zappelig, überholen sie im Zickzack, am Ende ihrer Etappe ist der Ofen aus und sie schlurfen mitten im Weg rum - nicht alle, aber zuviele. Ein Bremspunkt ist die langgezogene Schleife mit Anstieg zur Main-Brücke, aber man kann außen um die stagnierende Schlange rechts an den roten Verkehrsabsperrhütchen vorbei laufen - wenn einen nicht gerade ein Hilfssheriff anschnauzt.

Im Stadtteil Hoechst wird’s nochmal lustig und fidel, die Musik spielt, die Leute sind aktiv - ab km 32 ist dann Kraft gefordert, psychisch und physisch: auf der berüchtigten Mainzer Landstraße fast 6 kms geradeaus, mit einem kleinen Schlenker nach km 35, wo’s dann die einzige Cola gibt - schon letztes Jahr mußte man dort anstehen, hat 3 Minuten gekostet - dieses Jahr wieder anstehen, aber nur 60 Sekunden (“könnte man das besser hinkriegen?" - iss nur so ‘ne doofe Idee!). Auf jeden Fall, zwar mit Mühe, aber doch relativ bravorös die knackige Zeittabelle eingehalten - der Einbruch kommt, ist klar, aber nur kurz, nur 500 Meter - da darf Gerd Papcke, immerhin 71 Jahre und ein Gedächtnis wie ein Hundertjähriger (weiß nie nie nie, wer Schneggi ist) sich wieder ent-überholen - aber nur für ein paar Sekunden, dann wird er wieder versägt.

Deutschland’s Nummer Eins im Marathon, Carsten Eich, muß hier wohl auch eingebrochen sein und kam als zwölfter rein - angeblich unter Tränen - tja, Junge, Pacing-Tabelle nächstes Mal bei der Atomuhr von Pfaffenweiler anfordern, gelle!

Kurz vor km 38 geht’s wieder in die bekannte Schleife, zum dritten Mal, man guggt schon mal rüber nach links auf die Zielgerade (“da hinten, wo der 30 Meter-Mann-mit-dem-Hammer arbeitet, ist man färtich”) - aber zuerst noch die doch zähen 2 kms “hoch” zum Gipfel bei km 40, scheue Seitwärtsblicke auf die Gegenlaufstrecke, wo die Schnelleren bei ihrem km 41 schon die Fäuste in die Luft schmeißen - und dann durch die Fußgängerzone und abwärts, der eigene km 41, unten im Vollgas um die breite Rechtskurve, nicht ins Schleudern kommen - vielleicht noch 600 Meter, nur den Hammermann im Blick - hinter ihm links am Messeturm vorbei über den Platz, durch ein Monstergerüst an braunen (leeren) Getränkekisten hindurch in die Halle: hier ist der Bär los, donnernde Rockmusik, roter Teppich, Videoleinwand mit dem eigenen Zieleinlauf, Stroboskopleuchten, bombastisch. Woa, geplante Zielzeit um 46 Sekunden unterschritten und pudelwohl - das hat doch super funktioniert, das machen wir wieder so.

Zuerst raus aus der Festhalle, noch eine torkelnde Frau mit Gewalt beinahe zum Hinsetzen und Liegen gebracht (aus medizinischen Gründen natürlich nur), die Medaille um den Hals gekriegt, ein paar Becher Gesöff geschnappt und zurück in die Halle. Die Ordner guggen komisch, egal, werden ignoriert. Am Ende des roten Teppichs ist ein Plastiktriumphbogen, drunter stehen ein paar Regisseurstühle (die Dinger heißen so) - als einer frei wird, gleich reingeplumpst. Ah, und jetzt so circa 2000 Läufern beim Zieleinlauf zuschauen. Unglaublich wieviele Hunderte von Varianten sich die Leute einfallen lassen: alles, aber auch alles von berührt-mich-überhaupt-nicht-verziehe-keine-Miene (Horst Preisler) bis zu Purzelbäumen, den Boden küssen, Pirouetten, Arme in die Luft, Fäuste werfen, wahnsinniger letzte-20-Meter-Endspurt voll in die Masse hinter der Ziellinie rein, und vieles andere mehr. Erstaunlich wieviele Eumel doch auf den letzten 5 Metern noch stolpern, und wieviele sich dabei doch tatsächlich noch auf den Hintern setzen oder auf die Schnauze fallen *Lachen brüll* - einfach superLogenplatz. Werner am Hemdzipfel beim Einlauf erwischt: “Biene ist weit weit hinten” - ist nicht wahr, kommt nämlich gleich, aber ohne Stolpern.

Szene in der Freßallee außerhalb der Halle: Läufer holt links zwei Becher Apfelschorrle, Läuferin geht nach rechts zum heiße-Suppe-Stand, kommt mit einer Suppe zurück: “Ach wolltest Du etwa auch eine” - Frankfurter kommentiert die Szene im besten Hässisch: “So sinn se, die Fraua”.

In bester Westerwald-Ureingeboren-Manier wird heute nicht geduscht (die riechen immer so), sondern gleich in den Shuttle Bus und ins Parkhaus. Überraschung: Auto ist noch da, aber 20-Minuten-Schlange am Automaten für 8-Euro-Tagesticket, juhu.

Trainerteam unten links in der Ecke (Deutschlands) ist’s auch zufrieden - Zebra: “Hm, man könnte fast auf die Idee kommen, jedes Wochenende ein Marathon sei hilfreich; wow und dazu 5 km-Splits mit max. 1:30 min Unterschied, negative Hälften, alles, alles! Glückwunsch, Renn-Schneggi!” - Dromedar: “Tja kann mal sehen, was ein guter Coach so zustande bringt. Uaaaaaaaaaahhhhh! bin also nicht gefeuert?” Ach iwohärdänn? So einen Erfolgstrainer muß man halten, ja Gehaltserhöhung (am Horizont zumindest absehbar).

Fazit: man kann nicht mäggern, wenn man 21 Minuten schneller ist als im Jahr zuvor und nur noch 40% der Meute vor einem ins Ziel kommen, gegenüber 60% im Vorjahr (“paßt mal uff da vorne, Powerschneggi kommt von hinten, Jahr für Jahr schneller” - oder werden die nur alle langsamer?) - die Strecke ist schnell, sollte aber nicht mehr Leute aufnehmen, manchmal ist’s schon arg eng - Organisation und alles Drumherum ist prima (wieder ein Marathon-der-kurzen-Wege) - die Frankfurter sind gut drauf und die Musik ist bombig - sicher sind Hamburg und Frankfurt die Lieblingsmarathons unter den ganz großen (München noch nicht gelaufen) - man kommt gerne wieder, wenn man darf.

Grüzi - das war der goldene Oktober
Powerschneggi


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