Hachenburg - 6. Löwen Marathon am 16. Oktober 2004 - "Powerschnecke entkommt den Westerwäldlern (knapp)"

Montag, 18. Oktober 2004


Wenn Prinzessin Biene zum Marathon ruft, gibts kein Entkommen:   Löwenlauf in Hachenburg im Westerurwald. Ist es wirklich ratsam dahinzudüsen und wehr- und schutzlos durch deren Landschaft zu trabsen? Nach all dem Spott und ärgern-wir-mal-die-Ureinwohner zuvor? Man erinnere sich an die gar nicht versteckten Drohungen im Sommer:   “Paß mal auf, dass da nicht mal ein Pfeil von hinten kommt! oder Du in eine Höhle verschleppt wirst!”. Aber Prinzessin zeigt sich generös und bietet an:  “Pieps mich an, wenn Du ein Problem hast, dann hole ich Dich da raus!”. Hmmm! Weitere Ratschläge klingen nicht besser:  “Bei uns hat es mindestens 10 Grad weniger als in Braunschweig.” - “Wenns regnet, dann schüttets.” - “Einer meinte mal, wenn die Autos nicht rumstehen würden, dächte man, man ist im Mittelalter.” Oha! Haben die schon Uhren (zum Marathonzeitmessen - also solche mechanischen oder gar elektrischen Dinger, nicht die Sand- und Sonnenuhren)? gibts Toiletten in Häusern - mit Spülung? kennen die den Euro? [Einschub: bevor das vergessen wird: Dixies wurden keine gesichtet, zumindest nicht da, wo wir Fremden entlang geführt wurden - also doch rückständig - diese eine der höchsten Erfindungen der Deutschen - Vorsprung durch Technik!].

Prinzessin versuchte die Bedenken wegzuwischen - es wurde die Möglichkeit eines Starts am Sonntag in Hamburg beim Alstermarathon ins Feld geführt - nix da, nach Hachenburg, Schluß der Diskussion, keine Widerrede. Ein Kuchen wird versprochen, quasi als Lockmittel:  “Was für einen magst Du denn?” - “Egal, Hauptsache man könnte ihn zur Not mit dem Messer schneiden! (autsch, Faux-Pas).” - “Mit Sahne etwa?” - “Jaja, super” - “Nö, zuviel Arbeit.” Alles klar.

Wo liegt denn dieses Kaff überhaupt? Meine Güte, da ist man ja schneller in Kapstadt zum 2-Oceans-Marathon. Wenigstens Start erst um 11 Uhr, also vor 4 Uhr aufstehen, Mann das wird von Woche zu Woche noch früher - wenn das nicht gut wird, dann gibts aber Ärger. Übrigens die nächste Autobahn bzw. Autobahnabfahrt liegt Stunden entfernt (so in etwa). Auf dem letzten Autostück fährt da so ein weißer Dingsbums mit DD, also Drääsden. Das kann doch nur Thomas Schiebel sein, welcher Drääsdener gurkt sonst hier um die Zeit rum. Der Mann pennt mit offenen Augen: nebenran fahren, Hupen, winken, Zunge rausstrecken - nix hilft. Okay, dann überholen, sich davor setzen und abrupt abbremsen: das funktioniert.

Inzwischen muß man wohl im Westerurwald sein:  die Nebel wabern gespenstisch über den Tälern, es fängt an zu regnen, der Himmel wird dunkel und schwarz, alles gruselig und unheimlich - gleich alle Türknöpfe nach unten drücken. Dann eine geniale Umleitung durch, wie es scheint, sämtliche Dörfer der Umgebung (ein Gag des Fremdenverkehrsbüros?) - auch anderen Läufern hat das ungemein imponiert. So, Prinzessin meinte, es ist ausgeschildert: sind das die 1 cm x 1 cm-großen Pappdeckel mit VL drauf an irgendwelchen Verkehrsschildern? VL könnte ja auch “Volkseigene Lapislazulifabrik” oder “Verdacht auf Linke heißen” (die sind bestimmt hier erzkonservativ, so mitten in der Provinz, besser Klappe halten). Die VLs führen zu der Brauerei (“auf dem Parkplatz der Brauerei parken”, so die letzte Anweisung von Biene). Kein Problem, nur abgesperrt, weibliche Organisation? *Zebra droht mit dem Nudelholz*. Die Jungs, die die Marathonstartstraße absperren wollen, haben auch keine Ahnung von nix nirgends. Nun einfach irgendwo parken - wir sind Großstädter, die dürfen das. Inzwischen zeigt das Thermometer 3-4 ̊C.

Keine der Kontaktpersonen, Yuppie Werner, Yuppie Volker oder seine Majestät, ist irgendwo in der Halle in Sicht. Dafür taucht Heiner Clochard Schütte auf und brummelt was von “gibt doch genug Parkplätze da hinten, warum ....” Mike Friedl, extra aus Istanbul eingeflogen, quasi Laufpromi, wuselt rum. Biene hat einen der Tische mit Bänken wie auf einem Oktoberfest reserviert, extra mit Zettel: “100 Marathon Club”. Aufm Klo in der Warteschlange steht einer mit gelber Uniform: Daniel Basel, wie sich herausstellt. Christoph Randt (auch 100 MC) und andere aus einer Clique aus Mannheim sitzen am Tisch, man trifft sich. Prinzessin taucht auf, die Sonne kommt raus - ein wissenschaftlicher Zusammenhang?

Das gewaltige Streckenprofil mit zwei großen und vielen kleinen Huppeln macht Eindruck. Der Sprecher zieht den Vergleich mit Arolsen heran - aber natürlich schöner hier (hat er nicht gesagt). Vor der Halle ist es kalt und windig und nieselt - bäh. Einer der Wetzlarer-Gang kommt in letzter Minute (er beliebt inkognito hier zu sein, da er krank geschrieben ist und eben nicht erkannt werden möchte). Andere Wetzlarer Gauner starten zur Stunde in Schmallenberg - Heiner: “Da kriegt mich keiner mehr hin”. Der Sprecher meint, dass die letzten 10 kms abwärts gehen - “Prinzessin! stimmt das?” - “Ja, ja!” - “Welche Zeit soll ich laufen?” - “3:50!”. Holy Shit, hätte doch lieber den Mund halten sollen und nicht fragen sollen - immer diese Hetzerei.

Auf gehts. Die ersten kms mit Heiner, der brühwarm die Abenteuer beim Istanbul-Marathon erzählt. Man läuft auf Christof Otto (auch 100 MC) auf und bildet das schwarze Trio - einstimmiger Beschluss: Alternativfarbe zur gelben Uniform ist schwarz. Exakt beim 8 km-Schild tritt Heiner Schneggi ins Kreuz (hät er wohl gerne - schafft er aber nicht): “Und los jetzt, nun darfste losziehen”. Danach wird er behaupten, dass es unbedingt nötig ist, auf den ersten Zehn die Powerschnecke zu bremsen, sonst overpaced er.

Gleich von Anfang an gehts endlos hoch, zwar nicht steil, aber hoch ist hoch. In der Stadt noch, in einer Kurve wird Yuppie Werner entdeckt, der völlig unnützerweise die roten Absperrhütchen durch die Gegend bewegt - wo steckt der andere Vogel, Volker? - wahrscheinlich noch im Bett. Bevor man zweimal guggt ist man im Wald, natürlich aufwärts - ab jetzt gehts es immer rauf und runter, um die Ecke, um die Kurve, kreuz und quer, Wald, Felder, Wiesen, Straßen - man sieht zahllose Schilder mit Zahlen drauf, zum Beispiel 15 oder 35 (“aha hier kommt man später nochmals vorbei”). Ohne die vorzüglichen leuchtendroten Markierungen würde man sich endlos verlaufen. Die km-Schilder stehen im Einertakt bis km 12, dann im Fünfer-Abstand von km 15 bis km 40. An den Stationen gibt es Lagerfeuer - um die Gefangenen zu rösten? Getränke: Wasser, Iso, Tee, zweimal Cola bekommen, ummmm, nach km 30 irgendwo nach der Apfelschorle gegriffen, falsch gedacht, ist pures Bier (deshalb der Fünfer von km 35-40 der schnellste?). Zwischendurch gehts mehrmals um einen See, andere behaupten es waren drei Seen. Überall wedeln riesige Windmühlen (die modernen), Kopf einziehen und sich durch die Drehungen hypnotisieren lassen.

So ab km 18-20 wirds sehr einsam, mitten im dunklen Wald, vorne niemand, hinten niemand, aha fehlgeleitet, gleich springen sie hinter den Bäumen hervor - lieber Gas geben und zu einer Gruppe aufschließen, die können dann Schneggis Händchen halten. Es gibt zwei extraschöne Streckenabschnitte: einmal kilometerlang durch Park-ähnlichem Wald entlang einem Gewässer, schmaler, sehr geschlängelter Weg mit Tausenden Wurzeln und Steinen (und Bodenfallen wahrscheinlich, sollte man vom Weg abkommen) - genial dieser Teil (haben Andere bestätigt - nicht dass es erneut heißt: “Der Spinner schreibt wieder Quark”). Und dann in den hohen 30er kms, als es kilometerlang, zum Teil in Kurven, stark bergab geht - wie immer, Gang raus, Kopf unter den Arm, alles aus dem Weg da vorne. Aber von wegen “auf den letzten 10 kms gehts abwärts”. Bullshit, Quatsch, Gelaber - die Strecke ist “rauf und runter” und auch umgekehrt “runter und rauf”.

So ab km 37-38 etwa kommen Scharen von Läufern entgegen. Hmm, muß ein Gegenlaufteil des Marathons sein - aber die sehen so lustig und fidel und frisch aus! - und klatschen auch noch, als wir vorbeitrampeln. Wir, das ist das Zufallstrio Herr RoteJacke und Frau GraueHose und Herr Powerschnegg. Das werden immer mehr, die entgegen kommen: Horden, Lawinen. Der Weg ist ein Waldweg, ca. 3 Meter breit. Wir zwei Kavaliere lassen Frau GraueHose vorausrennen und wir gänsemäßig hinterher. Sie macht einen Klasse Schneepflug-Job, fuchtelt mit den Armen, flucht, schreit und kickt die Läufer, die auf unserer Bahn entgegenkommen, weg. Es sind wohl die Halbmarathoner, 10 kmler und anderes Gesindel. So kurz vor km 40 wirds wieder lichter mit dem Gegenverkehr und wir überholen Frau RoteJacke, hat sie gut gemacht. Km 40-Schild: “Hey, RoteJacke, jetzt ziehen, komm mit!” - “Nee, nur noch ankommen”.

Die letzten zwei kms, leicht abwärts, auf der Straße durch ein Wohngebiet, also volle Pulle, “tutta Birra” (alles Bier) wie der Spaghetti-Indianer sagt. Die völlig unnütze, aber verzweifelte Frage an Passanten: “Wie weit noch?” - “Äh, äh, also nicht mehr weit!”. Dann steht oben auf dem letzten Anstieg (“die letzten 10 kms nur abwärts”, jajaja) Yuppie Werner. Er sieht Powerschnecke und zückt sein Tranchiermesser und brüllt: “Powerschnecke !!! Den Skalp hol ich mir”. Wie so ein wilder Eingeborener einem wieder Beine machen kann - die Jagd beginnt. Wie schon so oft beschrieben: die letzten 200 Meter abwärts sind einfach irre, phänomenal. Und so stürzen die beiden, lahme Ente und besessener Eingeborener auf den Markplatz, Augen und Haare wirr, die Zunge raus. Hatten sie nicht versprochen, dass Prinzessin Powerschnegge im Ziel empfangen wird? Also wird Werner es nicht wagen, Hand anzulegen - oder stecken die beiden unter einer Decke? Später hängt wie ein Hirschkopf-mit-Geweih ein ausgestopfter Powerschneggen-Kopf im Clubhaus mit Messingschild: “seltsames, aber seltenes Exemplar - auf der Flucht erlegt - Oktober 2004". Ah, zum guten Schluß noch Kopfsteinpflaster - bei dem Regen jetzt nicht ausrutschen und auf der Fresse oder aufm dicken Hintern ins Ziel rutschen. Auf jeden Fall, Werner total versägt, keine Sonne sieht er, der Himmel ist sowieso total schwarz. Er wird sagen: Straßenschuhe, Kaltstart, dicke Jacke, blahblahblah - immer diese Westerwäldlerischen Ausreden.

Im Ziel eine Hektik plötzlich: stürzt eine holde Jungfrau (keine Ahnung ob tatsächlich) auf Schneggis Unterleib zu (na na na! mal seriös denken!) und macht die Startnummer (mit eingebautem BibChip) ab; eine andere westerwäldlerische Schönheit hängt eine kiloschwere Medaille um den Hals (* Hals ächz stöhn*); Walter Wagner vom Laufreport macht ein Foto; Prinzessin ist tatsächlich da und strahlt und schießt Fotos; Yuppie Volker ist auch aufgestanden und spielt den Konferencier und hält ein Mikro vor die Nase (“sag was! aber nicht allzu Doofes!”); endlich kommt auch Yuppie Werner ins Ziel und zertrümmert mit einem Schlag das linke Schulterblatt: “Klasse Zeit! super gelaufen!”. Soviel Aufmerksamkeit! Der schwarze Himmel ist ein Wolkenbruch - und wie kalt der Regen hier ist. Zuerst eisige Dusche im Freien mit Klamotten, dann kalte Dusche ohne Klamotten in den heiligen Hallen - wie angenehm, sehr zuvorkommend!

Prinzessin bewirtet und umsorgt nun die 100 MCler und bittet zum Kuchen: “Hast Du nun einen gekauft?” - “Du A....” Aber aber, sagt eine Dame so etwas? - andererseits, wo ist hier eine Dame? *Schienbeinknochen knax* Wo hat sie nur solche Ausdrücke gelernt? Entweder bei den Raubauken vom 100MC oder den Raubauken vom DJK (deuflisch junge Knackförsche) Marienstatt. Lieber noch mal nachfragen: “Ist da Gift drin?” *zweites Schienbein knax* Also dann auf den 100MC-Tisch damit und wer nicht gleich zugreift, kriegt nix mehr. Aber man läßt sogar ein Stück Kuchen übrig (das letzte, das Anstandsstück) für die Ankunft von Herrn Heiner, Stunden später ...

Christoph Randt gibt eine Runde Bier aus: Anlaß ist sein neulicher zweiundvierzigster sub-Dreier (bei knapp über 100 Gesamtmarathons - oha, der Bursche kann laufen oder sind beim 100MC nur lahme alte Männer?). In den Unterlagen liegt ein Gutschein, Typ Essensmarke, wo draufsteht “Bier” - Prinzessin: “Das ist für ein Getränk.” - “Ja, da steht aber Bier drauf.” - “Im Westerwald bedeutet das Getränk”.

Zum Schluß: liebe Prinzessin, einmalig, wie Du Dich um uns 100MC-Jungs (Originalton: “Na Männer! Leben noch frisch?”) gekümmert und uns versorgt hast - kannste ab jetzt öfters machen. Wir liegen Dir zu Füßen (“nicht gleich übertreiben!”). Aber ein Freistart an den göttlichen Teichwiesen ist Dir sicher - bring Deine Yuppie-Jungs mit und wir zeigen Euch Hinterwäldlern mal wie man Marathon läuft, “richtig” Marathon läuft *duck - aua - nixwieweghier*.

Fazit:  ein super Marathon - absolut niedriger Preis - aber Höchstnote - allen hat er saumäßig gut gefallen, einhelliges Lob (ährlich) - selten gehen die Laufzeit und die kms wie im Fluge so dahin, flugs ist man fertig, heißt also abwechslungsreich und interessant und kurzweilig und ..... - trotzdem sind die Hügel nicht zu verachten, Respekt ist angebracht - und es gibt elektrischen Strom, Toiletten, Autos mit WW, Euros und Schokolade (und super Kuchen und prima Bier) - tolle Leute, wenn man sich erstmal an das rauhe Herz und den Dialekt gewöhnt hat.

Grüzi
Powerschneggi


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