Hamburg - 19. Olympus Marathon am 18. April 2004 - "Powerschnecke bei den Fischköpfen"

Montag, 19. April 2004


Wecker klingelt um 4:30 Uhr. Oh, Manno, ist das nötig? immer diese Sch ... Marathons - auch noch am Sonntag Morgen. Abfahrt um 5:00 Uhr in punto. Während der ersten Stunde, auch noch im Dunkeln auf der einsamen Autobahn, denkt man schon darüber nach, welche noch nicht gemeldeten Marathons eigentlich doch überflüssig sind. Aber dann setzt die Routine ein und der psychologische “Kick” kommt endlich. Die immer perfektere Diät hilft auch. Dieses Mal:  ein Liter Milch mit Lindt Mocca während der Fahrt und zuvor die “Original”-Cornflakes von Kelloggs mit einer Tasse Café Hag (man muß ja nicht im Auto stehen und zum Schiebedach rausgucken - jawohl, ein Luxusauto!) und einem Glas Orangensaft und einem Glas Coca-Cola. Eine Stunde vor dem Start eine schöne gelbe Banane verdaut mit einer Dose Cola. Diese Rezeptur muß vorgemerkt werden, da das Ergebnis doch außergewöhnlich war.

Schon der dritte Start beim “großen Hamburg-Marathon” - und immer noch nicht kennt man den Weg in der Stadt. Allerdings hatte letztes Jahr Il Capo persönlich das Auto von Volksdorf aus dirigiert und frecherweise bis 200 Meter vor die Hallen in eine Tiefgarage fahren lassen - und sogar einen legalen (!) Parkplatz gefunden. Am Tag zuvor war die Harzquerung gewesen. Schnell in die Opelkiste, in die Weltstadt Braunschweig und dort einen Riesentopf Spaghettis getötet, und weiter in das Kuhdorf Hamburg. Dort in der Nacht noch ein paar Streckenmarkierungsschilder des Olympus Marathons, äh, ausgeliehen; eins hat einen Ehrenplatz im Powerschneckschen Labor gefunden, direkt über der Zentrifuge (zwischen dem Rennsteig-Poster und dem Athen-Marathon-Poster).

Also, wieder mal den Weg nicht zuvor ausbaldowert. Da, in dem Auto aus SFA sitzen doch Typen mit Trainingsanzügen. Wer aus Soltau-Fallingsborstel fährt morgens um 7 Uhr schon in Trainingsanzügen durch Hamburg? Das können doch nur Renntiere sein! Also, hinterher - leider haben die auch keine Ahnung, da sie pausenlos rechts abbiegen wollen und rechts immer gesperrt ist. Powerschnecke erinnert sich an den Fernsehturm und findet schließlich 500 Meter von den Hallen entfernt den Rummelplatzparkplatz, auf dem er schon 2002 stand. Genial - eine Meisterleistung, die nur noch vom Feuerwehrmann getoppt wurde, der einen schnell durch die gesperrte Allee hinter den Hallen durchhuschen ließ, obwohl eigentlich ein Rundumweg von mindestens 25 km an der Tagesordnung gewesen wäre.

Man trifft sich beim Hamburg-Marathon: Peter Wieneke frisch vom Malmö-Marathon am Vortag, aber ohne Zeitvorgabe und daher aus der letzten Reihe startend, Rosi von Kocemba ganz in gelb, aber ohne Hund, Doris Sagasser ohne Mario (der Flitzer startet in Straße A, schwarzer Block), Jürgen Kuhlmey ohne Rennkleidung (“ich ziehe mich in den letzten 10 Sekunden um” - so in etwa), Nicole entlang der Strecke, aber ohne Thorsten Themm. Auch noch, und das sollte im Kalender rot angekreuzt werden: Horst Preisler dreht sich auf Anruf “Hallo Horst” um und reicht die Hand zur Begrüßung. Woa!

Unterwegs wurden auch noch Leute getroffen, die einem bekannt vorkamen: Lothar Preißler (“ich laufe heute mit meiner Frau, ganz langsam, wir starten nächste Woche in Neuseeland”); Patrik Schmidt, mit dem sich Powerschnecke bis km 30 “duellierte”. Bei km 16 tauchen drei junge hübsche Männer vorne weg auf. Zwei außen in gelb und der in der Mitte in schwarz: El Jefe links, the General Alan (Robertson) rechts, und Davor (Bendin) in die Zange genommen. Was tun? dahinter bleiben und sich verstecken? und sich unbezahlt ziehen lassen? zügig vorbeibrettern und die Blamage riskieren, von allen drei 20 km später in Grund und Boden gelaufen zu werden? Es ging um die Außenalster herum und es war leicht abschüssig, somit konnte mit viel Schwung und Stoßgebeten überholt werden. Von jetzt an war die Devise: “vor den drei Musketieren bleiben - koste es, was es wolle - die müssen erst an mir vorbei, wenn sie die Medaillen wollen”.

Zuvor gab es noch eine andere interessante Begegnung entlang der Elbchausse bei km 6 oder so: hey, der Typ da links kommt einem doch bekannt vor. Das ist doch nicht etwa? Was macht der denn hier im vorderen Schneckenfeld? Er ist doch “Mister 2:13". Eingeweihte und solche, die lesen können, ahnen es schon. Bißchen abbremsen und mal das T-Shirt von hinten angucken, ob das Logo der Zeitschrift draufsteht - vorne auch nichts. Powerschnecke ist zwar extrem schüchtern, aber wenn man schon mal so berühmte Leute trifft, muß man die Chance wahrnehmen (gemeint sind noch berühmtere als die 100 MC-Schlappohren). “Hey, heißt Du Martin?” - “Ja”. Also doch Martin Grüning von Runner’s World. Es folgte eine etwa fünfminütige Diskussion über die Vielmarathonerei und die mögliche (oder nur “empfundene”) Herabwürdigung dieser Verrücktheit durch besagte Zeitschrift. Das wird weiter per Brief und E-Mail diskutiert werden. Aber insgesamt machte der Bursche doch einen sehr sympathischen Eindruck. Man sollte auch in der Lage sein, seine eigenen Vorurteile bezüglich Arroganz und Besserwisserei revidieren zu können. Schau mer mal. Warum er da hinten bei den Schnecken rumkrebste? Sah nach persönlicher Betreuung des holden Geschlechtes aus.

Übrigens Runner’s World. Was macht man so bei einem Marathon die ganze Zeit über? Man quasselt, man übt sich im Kopfrechnen (wie langsam darf man ab jetzt werden, um immer noch innerhalb des Zeitlimits anzukommen?), guckt die T-Shirt-Aufschriften an, liest die Poster der Zuschauer - oder macht folgendes, wie in einem Laufbericht über den Berlin Marathon 2003 oder 2002 in Runner’s World mal sehr ausdrucksstark beschrieben war: “Man sucht sich einen geilen Arsch und hängt sich dran!” - Hey, bevor jetzt die anti-Macho-Tiraden tonnenweise anrollen, das war von einer Läuferin geschrieben, ehrlich - wir Männer denken da ganz anders - manchmal. Wenn wir schon im vulgären Terrain sensibles Porzelan von Mimosen zertrampeln, dann passt auch noch folgendes hierher: der erste Preis für das beste Zuschauerposter geht an: “go - Furz - go”.

Die Lieblingsmarathone sind doch immer die, bei denen es super läuft - oder sogar mehr als super, quasi extra-super. Somit wird der “große Hamburg-Marathon” ab sofort in den Status eines “Lieblingsmarathons” gehoben. Das Gesimse von den Fans nach dem Lauf sagt alles: “Glückwünsche an den großen alten Mann des Marathons! - wann fällt die ...-Mauer? - mach weiter so!”.  Und das von einem Fan (männlich!) auf Krücken, kein Respekt mehr in dieser Welt. Zweite SMS: “Ich habe es Dir tausend Mal gesagt, daß Du ein Campeon (= Champion) bist! Campeon mach weiter so!”. So baut man Druck und Erwartungshaltungen auf (weiblich). Und dritte SMS: “Woa! Wo soll das noch hinführen? Peilst Du schon die ... an? Aber ich habe es ja schon immer gewußt, daß Du das kannst”. Jetzt übertreiben mal wieder alle. Objektiv ist die Leistung immer noch “bescheiden” - aber subjektiv wird es immer schwerer. Darüber kann man auch mit Martin Grüning diskutieren. Da die alle wollen, daß Powerschnecke weiter schneller bzw. weniger langsam wird, müßte vielleicht Martin mit einem individuellen Trainingsplan herhalten. Das wäre seine Diplomarbeit, einen untalentierten, technisch komplett unbedarften Vielläufer weiter nach vorne zu bringen

Norbert Schmidt unter der “frischen” Dusche gab noch einen uralten Indianertrick zum Besten: wenn die Dusche zu kalt ist, muß man sich schnell einseifen - dann gibt es kein Kneifen und Entkommen mehr und man muß drunter. Genial!

Und noch zum Schluß: der “große Hamburg-Marathon” kann sich sehen lassen, ohne Streß und Hektik läuft die Organisation ab; die Strecke ist akzeptabel (wenn auch nicht besonders interessant - hey, eine Woche nach dem “Two-Oceans-Marathon” hat kein deutscher Lauf irgendeine Chance); die sonst so kühlen und coolen Fischköpfe entlang der Strecke brauchen sich vor den Warmblütlern in anderen deutschen Gefilden nicht zu genieren - sie sind total okay. Wenn man zum Fischmarkt runtereiert oder die Mini-Steigung in Eppendorf hochhechelt, Mann, da ist der Bär los - da kann man Chicago, London und Honolulu in der Pfeife rauchen. Tja, sieht so aus, als ob man sich nächstes Jahr wohl wieder um 4:30 Uhr aus dem Bett rollen muß.

Und noch ganz zum Schluß: Affenzahn lief seinen 100. Marathon - und kam nur 5 Minuten vor Freund Powerschnecke ins Ziel - wenn das vorher während des Laufes bekannt gewesen wäre - holla, das wäre ein Fight auf Biegen und Brechen geworden, “diese Stadt ist zu klein für uns beide”. Nee, nicht wirklich, da Meister Affenzahn in Straße A, schwarzer Block um 9:00 Uhr startete und old Powersnail um 9:10 in der Straße C, roter Block (aber nicht leuchtroter Block bitteschön - das waren die Total Langsamen).

Bis zum nächsten Mal.
Grüzi
Eure Powerschnecke


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