Hamburg-Blankenese - 1. Blankeneser Marathon am 22. August 2004 - "Powerschnecke in den Hamburger Bergen"
Hamburger Berge? jetzt isser total meschugge! Schwierig, das generell abzustreiten, aber nicht wegen den “Hamburger Bergen” - die gibts nämlich tatsächlich und man muß sie erstmal erklimmen beim “1. Blankeneser Marathon” organisiert von der “Helden Zentrale Hamburg” - Letzteres hört sich ziemlich martialisch und bombastisch an. Endlose Hügel, Höhenmeter ohne Ende, Hunderte, bestimmt Tausend - na vielleicht so ungefähr.
Eigentlich stand der Schenefelder 24-Stundenlauf im Kalender. Aber die zarte Natur von Powerschnegge brauchte Erholung - suggerierten zumindest die klugen Leute (Klugscheißer zu schreiben würde ja wieder nur zu gehäßigen E-Mails unterzeichnet “mit unfreundlichem Gruß” führen). Also, die Schlaumeier hämmerten ein: “mach-mal-Pause! mach-mal-Pause!”. Zudem gabs ein paar Wehwehchen. Es gibt ja nix Langweiligeres, als die körperlichen Leiden und Probleme von anderen zu lesen: “Meine Güte, diese Mimose” - man kann auch mitfühlen: ”Autsch! ey ey ey!” - oder gehäßig sein: “Na, den sieht man so schnell nicht wieder!” - oder ganz einfach egoistisch: “Gut, dass der das hat und nicht ich - lieber er als ich!”.
Anruf bei Freundin Sigrid in Bärlin führte zu genialen Therapienkonzepten (“einfach ignorieren!”), prompter Heilung und natürlich dem üblichen Übermut. Allerdings war diese medizinische Konsultation selbstverständlich nicht umsonst - es kam sofort das leidige Thema: “Hey, schon nachgedacht? wir müssen nach Badwater zusammen fahren!” - “Ach Liebling! muß das denn sein?” - “Ja muß sein - ist besser als Teichwiesen. Außerdem wenn der Dingsbums das schafft, dann schaffen wir das auch - den habe ich in der Wüste überholt und neulich beim Rennsteig!”. Der WWW (der Weise Werner aus dem Westerwald) würde sagen: “Den könnte uns keiner mehr nehmen” - Recht hat WWW, trotzdem muß man den Schwachsinn erst mal laufen und überstehen und diese Hitze und und und .... Lieber über Blankenese reden: “HaJo (Meyer) sagt, dass es hügelig sei und ganz schön rauf und runter geht!”. HaJo muß es wissen, weil er in der Ecke wohnt.
Den letzten Ausschlag zum Start in den Hamburger Bergen geben die Frustenergie und die Frustorphine. Bei zuviel Ärger, Mist, Quark, Riesenquark undsoweiter droht ja gelegentlich der angestaute Frust, die Schädeldecke abzusprengen (circa einen Meter senkrecht in die Luft). Also physikalische Konversion des Frusts in die Frustenergie und nach unten in die Beine transferieren. Wenn dann noch der Frust so mächtig ist, dass sogar die Wehwehchen nicht mehr spürbar sind, spricht der Frustologe (der Frust-Fachmann) von der Ausschüttung von Frustorphinen. Und so wars am Freitag Abend - grandiose Zeiten (alles ist natürlich relativ - man muß wissenschaftlich in Schneckeneinheiten denken, so genannte ISU = international snail units) und die Zwickereien hier und dort wie geblasen (“Frustorphines-deep-Penetration” würde obiger Frustologe im Fernsehen im dritten Programm um 2:00 Uhr morgens sagen).
Also, auffi nach Hamburg. Start um zehn, aber lieber schon mal früher antanzen, um alles in Ruhe zu regeln. Die Ruhe ist verblasen, als es um die Moneten geht: 49 Mäuse Anmeldung, 5 Mäuse Nachmeldung und 3 Mäuse für den Transponder für den Schuh - holy Shit, Luxusmarathon, oder wie oder was? Immer noch fast zwei Stunden Zeit. Na, schau mer mal rüber nach Schenefeld zu den Bekloppten, die da im Kreis rumsausen. Tatsächlich sofort gefunden und ist nur 5-6 kms entfernt.
Da schleichen ein paar Zombies um die Bahn, die Uhr zeigt noch 6:40 Stunden zu laufen, also mehr als 17 Stunden schon vergangen. René Wallesch ist nicht ansprechbar, reagiert nicht, aber seine Beine bewegen sich - Hartmut Feldmann ist extrem schweigsam, fast mürrisch - Peter Wieneke scheint gerade durch die Autowaschanlage gerannt zu sein, kaum wieder zu erkennen, so zerzaust - Davor Bendin gibt nur Handzeichen, brummelt vor sich hin - Schek-Kee Lo ist wieder immer Schek-Kee und lacht und hüpft - Dieter Merker hält sogar an und sagt: “Endlich mal ne Abwechslung hier, Dich zu sehen” - Ole Sporleder scheint mit geschlossenen Augen zu laufen, nur 3 Millimeter-breite-Schlitze - Hajo ist fidel und redselig - Jürgen Ranta erzählt irgendwas von einem “Gottesdienst” (nix davon kapiert) - Frank Berka scheint topfit zu sein - wo zum Geier versteckt sich Affenzahn? Mal rüber in die Kantine gucken - natürlich, sitzt beim Frühstück und mampft - Nudeln mit Sauce - in der roten Brühe schwimmen 5 Zigarettenstummel (zumindest in der Erinnerung) - Manfred Iser sitzt daneben. Beide: “Was willst Du denn hier?” - “Euch anstänkern, antreiben - was hockt Ihr hier rum? los auf die Bahn, schwingt die Hufe (letzteres geklaut von Conny Bullig)!” - Affenzahn: “Ach ich will nur 100 machen - ich hab schon 95 - den Rest mache ich beim Robben über die Bahn, hab noch 6 Stunden” - “Das wollen wir sehen!” sagen alle, nun auch Schek-Kee und eine Silvia am Tisch. Über den “Kurzstreckenläufer, der bei den Reichen läuft” wird dann noch hergezogen, “Hey Ihr könnt mich mal, guckt zuerst in den Spiegel!” - “Für die Startgebühr da drüben kannste hier glatte 48 Stunden laufen” - Zeit wieder nach Blankenese rüber zu robben.
Der Start ist an der Elbe, neben dem extrafeudalen Segelclub von Blankenese, auf einer Wiese. Die Sonne strahlt, knallt aber nicht. Radio Hamburg stellt die Musik und die Startansage und zwei supercoole und ultrahippe Jünglinge, die Einiges daherlabern. Einer meint, dass er soeben erfahren habe, daß die Marathonläufer “Marathonis” genannt werden - au Backe! Nun diese Marathonis sind in einem Gehege (der Sprecher: “Das nette Karre hier zu meiner Linken”) von zehn mal zehn Meter eingepfercht, eingegrenzt durch Flatterband und begafft von den Halbmarathonis und Spaziergängern. Aufgrund von ziemlichem Andrang bei der Anmeldung auf dem Blankeneser Markptlatz (aha, nicht genug Leutchen abgestellt - nicht richtig organisiert!) verschiebt sich alles um 10 Minütchen. Dann los-gehts mit dem Tuten eines Nebelhorns - wahrscheinlich sagt man in Hamburg nicht “Tuten eines Nebelhorns”, sondern was anderes (freundliche Kommentare bitte unten zufügen) - Schnegge ist kein Fischkopp.
An bekannten Gesichtern ist nur Horst Preisler zu entdecken – irgendwie spricht er in fünf Minuten kein einziges Wort, das muß man nicht persönlich nehmen, der ist halt so. Nach 2 kms gehts gleich mal saftig rauf - und von da an bis km 21 gehts nur noch rauf und runter. Das Beste sind allerdings die Treppen - dreimal gilt es, Treppen hochzurennen - man kommt sich wie bei den Hamburger Treppenhochsaus-Meisterschaften vor - und auch noch blöde Treppen - die Treppenstufen sind mal regelmäßig hintereinander (zum Beispiel 50 Zentimeter Abstand), mal eben nicht - mal zwei Treppenstufen, mal fünfe - unterschiedlich hohe Treppenstufen - zum Mäuse melken - die Halben, die zehn Minuten später starteten und es anscheinend alle ungeheuerlich eilig haben und natürlich ziemlich bald diese lahmen Marathonläufer einsacken, fluchen rechts und links - und endlose Treppen. Leider nicht gleich angefangen, die Treppenstufen zu zählen - aber ein paar Hundert waren es verteilt auf die drei Gemeinheiten schon - sagen wir mal 473, hört sich gut an, können aber mehr gewesen sein (weniger natürlich auf gar keinen Fall).
Die Verpflegungsstände sind ein Offenbarungseid - an Einfachheit: nur Wasser und gelegentlich Bananenstücke - wirklich nur Wasser, sonst nix. Zumindest das Publikum hängt sich voll rein, totaler Einsatz - war gar nicht zu erwarten, von den reichen Schnöseln - man kommt an Häusern, nein Palästen vorbei, sowas hat ein kleiner Junge aus der Provinz noch nicht gesehen - holy Moses - und die passenden Autos (und Frauen) dazu - überall Tennisplätze und sogar die “Deutsche Meisterschaft im Croquet” (höchst vornehm und Alle in weiß) - aber die Blankeneser lassen sich nicht lumpen und machen vollen Radau für die Läufer, zumindest bis km 19, als dann die Halben rechts verschwinden und wir armen Sünder in die Pampa geschickt werden.
Die Beschilderung ist pure Phantasie - auf der ersten Hälfte hängen drei oder vier Schilder mit derselben km-Angabe an drei Bäumen im Abstand von 10 bis 30 Metern - aber nicht bei jedem km - das wäre zu einfach - gesehen hat Powerschnecke Schilder bei km 1 und dann mal alle zwei kms, mal alle 6 kms - irgendwie so ziemlich spontan und äußerst kreativ aufgehängt - später auf der zweiten Hälfte wirds dann besser, alle zwei kms und sogar mit roter Farbe aufm Boden.
Ein T-Shirt von derselben Versicherung wie der von 100MCler Wolfgang Schwabe wird überholt und angesprochen - Er: “Wie heißt Du? ach Du bist das, von Dir wurde schon gesprochen” - oha, langsam verfliegt die Anonymität. Kurz vor der zweiten, der übelsten Treppe steht ein einsamer barmherziger Samariter mit seinem privaten Campingtischchen und ein paar Bechern mit gelber Brühe drin - nee, lieber nicht, wer weiß, was das wieder für Zeug ist. Schon fünf Meter weiter, halt, full stopp, da war doch auch was Schwarzes - zurückgestürmt, nein gehechtet, drei Halbe umgenietet: “Ist das Cola?”. Woa, zwei Becher davon gleich geschnappt - die einzigen (kein schlechtes Gewissen, das ist hier der Blankeneser Dschungel, Mann gegen Mann) - bäh, das schmeckt ja eklig - muß Pepsi sein - egal, runter damit.
Sobald die Halben weg sind, gehts nur noch bergab und dann quasi flach - eine Wohltat - raus in die Felder und Wiesen. Aber niemand mehr da - der nächste Marathonmensch wird erst nach 30 Minuten gesichtet - und versägt. In den Listen stehen 1614 Halbe und schlappe 89 Ganze als Finisher. Die Helfer an den Marathon-Stationen langweilen sich mächtig - ebenso die Dutzende von rot-belatzten Absperrer von Straßen. An einem Stand scheint die kollektive Siesta gehalten zu werden: “Hey - *gähn gähn* - nimm Dir mal n Becher vom Tisch - * gähn gähn* - Du solltest was trinken!”. Alle Becher immer randvoll - keine Erfahrung hier - aber nur Wasser.
Bei 29 einhalb oder so macht eine Frau hektisch Striche in eine Liste und schickt einen nach links - man kommt zwei kms weiter wieder an ihr vorbei - diesmal geradeaus geschickt - sie scheint aber etwas überfordert - wetten, dass Etliche schon beim ersten Mal geradeaus sind - wurscht, wen juckts? Zwischen 38 und 40 gehts nochmals sakrisch hoch, und auch noch auf sandigem Boden. Einlauf zum Blankeneser Volksfest auf deren Marktplatz . Wo ist das Ziel? zuerst ein rotes Etwas - stellt sich raus als Kantholz mit rotem Teppich überzogen, damit niemand über die Bordsteinkante stolpert und ins Ziel segelt - quasi robbt wie Meister Affenzahn es so gerne macht - dann kommt ein roter Teppich, ist aber nur eine Abdeckung für dicke Kabel - oben drüber ein grünes Banner mit “Ziel” - unten eine Linie quer - aber danach noch eine Art Blech (ist das für den Transponder? die Zeitmessung?) - dahinter noch ein Stück Teppich - kein Mensch ruft was - rechts gucken, links gucken, verdammich, die machen einem die zweitbeste Zeit kaputt - aber wenn das so weitergeht, klappt das nimmer (aber Zeit gerettet *ufffff*) - dann kommt nix mehr und stehenbleiben, auf die Polaruhr drücken.
Fünf Meter weiter stürzt sich eine junge Heldin (vermutlich von den Helden-Zentrale) auf den Transponder - Moment mal, erst hinsetzen und Schnürsenkel auffummeln - daneben interviewt RTL mit Riesenmikro und Big Kamera einen ziemlich kaputt aussehenden Läufer, der enorme rote Flecken (vermutlich Blut) auf seinem ehemals weißen Hemd hat, an den Stellen, wo früher mal seine Brustwarzen waren. Dann der Tisch mit Medaillen - nicht umgehängt von einem megahübschen Supermodel, sondern in die Hand gedrückt von einem doch älteren Nicht-Model - ein Stück Blech (so eins liegt schon von einem anderen Lauf zuhause in der Keksdose, mit einem anderen draufgeklebten Bildchen) - hier steht: “Schön gelaufen - Blankeneser Spiele 2004". Daneben Wasser, nur wieder Wasser. Weiter hinten von einem Sponsor irgendein Gesöff mit Geschmacksrichtung Litschi oder Holunder, das man selber zapfen kann - einer meint: “Schmeckt wie die Brause damals in der DDR” - einer anderer mault: “Die reinste Abzocke hier - ich werde an Runner’s World schreiben” (ob die Schlappohren sowas interessiert?). Die super riechende Gulaschkanone schießt nur für Helfer. Man sagt, Paula Radcliffe (Weltrekordlerin in 2:15 h) springt nach dem Lauf in ein Eisbad - die Veranstalter lassen uns großzügigerweise an dieser Erfahrung unter den Duschen im Gymnasium teilhaben.
Oy, noch 20 Minuten Zeit bis zum Ende des 24-Stunden-Laufes drüben in Schenefeld - nix wie hin und rumstänkern. Eintreffen Punkt 15 Uhr auf dem Platz, mit der Schlußsirene - HaJo ist quietschfidel und stellt seine Enkelin vor - drüben auf der Innengrasfläche hockt ein Haufen von Gelbhemden und Anhängsel, alle sehen aus wie reif für die Pflegestation: Affenzahn hat mit Startnummer 13 den ersten Hunderter (gesamt 120) und den ersten 24er geschafft und “muß erst mal eine Inhalieren gehen” - die junge Kris gibt Powerschneckerl die Hand - Jürgen Ranta meint, dass es in Thüringen wohl später noch einen Nachtlauf gäbe, aber leider nur 62 kms, lohne sich also gar nicht - Ole hat noch nicht genug und trägt eine 100 MC-Fahne um die halbe Bahn - drüben hocken noch mehr Gelbe, Davor ist definitiv ein Kandidat für die Intensivstation - Schek-Kee und Hartmut sind auf dem Weg der Normalisierung (falls man dies von 100MClern überhaupt je sagen können wird) - Il Capo und Barbara, Nicole und Thorsten Red Bull, Torsten Schacht und Frank Rolf schauen auch vorbei. Der “Sprinter” aus Blankenese darf sich nicht setzen, kriegt aber doch noch Kuchen und Trinken ...... Schek-Kee fängt schon an, seinen Bericht zu schreiben (jeden Tag ein Wort und in circa ... Monaten), Davor verschlingt mehrere Schnitzel.
Fazit: der Blankenese-Marathon ist ein schöner Lauf - aber unglaublich teuer und könnte anders oder besser organisiert werden, hat auf jeden Fall “Potential”- wiedermachen? schau mer mal! Aber man muß noch anmerken, dass Hamburg definitiv die deutsche Marathonhauptstadt ist: der Große im April, der Elbtunnel, der Alster, der Blankenese, nicht zu vergessen die unsterblichen Teichwiesen - und das Publikum gafft und glotzt nicht nur, sondern weiß, was sich als Publikum so gehört: anfeuern anfeuern anfeuern.
A bisserl lang geworden, aber es waren ja auch zwei Läufe.
Grüzi - bis denne
Powerschneggi
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