Hamburg-Volksdorf (Teichwiesen) - Clint Eastwood Marathon am 31. Mai 2004 - "Powerschnecke zuhause an den Teichwiesen"
Ja, endlich wieder mal an den Teichwiesen, die Heimat der Bekloppten - Passkontrolle und vor allem Gesichtskontrolle auf jedem der Zugänge. Pfingsten, Ostern, Weihnachten - da laufen die Teichwiesenserien. Es soll Leute geben, die rümpfen die Nase beim Thema “Teichwiesen-Marathon”. Hey, Ihr schrägen Rotzlöffel, das sind nicht nur korrekte Marathons, sondern auch verdammt schwere - wer dort einen gelaufen ist, wird das bestätigten. Die Hügel, die Berge, die Seen, die Sonne, die Hitze, das Slalomlaufen durch Rudel von herbeigekarrten Rentern, die endlosen Elefantenrennen mit den Walkern, das Niederkämpfen der ich-laufe-ja-nur-zwei-Runden-und-bin-doppelt-so-schnell-wie-Ihr-lahmen-Enten, äh, Schnecken (man sieht es in den Augen der unter-4-Runden-Bretterer, dass sie es einem so richtig zeigen wollen - und meistens auch können). Aber die Teichwiesen bieten auch übermütige Zuschauer mit LaOla-Wellen, fachkundige Kommentatoren, meist aus der Pensionärfraktion (“der im gelben Hemd da drüben, steht der oder geht der?” - “der mit den blauen Hosen, vielleicht sollte der es mal auf allen Vieren probieren”), ganz klar Atmosphäre und Ambiente ohne Ende, 17 Verpflegungsstationen, Hundescheiße (wer’s mag), wilde Tiere usw.
Also raus aus dem Bett und am Pfingstmontag in das Zentrum der deutschen Marathonbewegung. Ausreden gibt es vorher schon genügend: (1) ach, diese Isarlaufmüdigkeit, eigentlich müßte man acht Wochen pausieren; (2) oh je, diese Hitze, die knallende Sonne, die laugt aus, das macht auch den besten Kenianern zu schaffen; (3) uiii, diese Teichwiesenberge, drei große und zwei kleine, die machen den besten Bergmarathoni mürbe, die gehen sowas auf die Oberschenkel.
Der in der Waschanlage geschrumpfte Kleinwagen von Manfred Hoppe ist um 8:30 Uhr schon da. Neuinvestitionen: zwei Babies-vor-der-Sonne-schützen-an-die-Seitenscheiben-fixierbare-Dinger im Design des HSV - mußte er die nehmen oder hat er die freiwillig gekauft? Sigrid ich-bin-unverwüstlich-und-laufe-Euch-alle-in-Grund-und-Boden Eichner hat Tisch und Getränke und Klimbim schon vorbereitet. Doris vertritt Familie Sagasser; Doris: “Ich will heute unter 3 laufen” (oder so ähnlich hat es Powerschnecke gehört).
Wo ist Il Capo? El Jefe hat sich fünf vor Neun noch mal umgedreht. Ein Neuling mit Oldenburger Kennzeichen: “Wo geht’s zum Marathon? Wo kann man sich anmelden?”. Oha, eigentlich ist das Kontingent für heute komplett voll, jeder distanziert sich, HaJo interessiert sich plötzlich intensiv für die Teichflora. Christian pocht auf die Regeln, aber Manfred und Sigrid drohen mit Prügel oder Streik oder Liebesentzug oder allem - und Christian läßt sein gutes Herz raus. Wie soll man einen Sauhaufen erziehen? Gar nicht, aufgeben! Dreizehn Jünger nicken ergeben mit dem Kopf und versprechen, nie mehr böse zu sein oder etwas gegen den Willen des Meisters zu tun. Also, vierzehn Charaktere rattern dann doch um 9:25 Uhr los.
Beim Einrollen abwärts von der Startparkbank rüber zum Ziel macht El Jefe richtig Platz für Powerschnecke: “Vorsicht, Platz da, jetzt kommt ein richtiger Läufer”. Als dann El Jefe in der ersten Runde - oder war es erst in der zweiten Runde - überrundet wird, brüllt er noch nach: “Wo ist der große Bruder Affenraucher”?. Affenzahn wird vermutlich zuhause sitzen und für Biel 100 heftigst trainieren: Kettenrauchen und Dauerfuttern beim Laufen. Mit der linken Hand Kippen drehen, anzünden, usw. und mit der rechten Hand die Fressalien halten und zum Mund führen etc. Das will koordiniert und geübt sein - schließlich wird er ja fast 22 Stunden unterwegs sein. Es gilt noch zu entscheiden, was wichtiger ist: futtern oder rauchen (natürlich beides gleichzeitig) - aber Meister Affernzahn ist Rechtshänder und das will alles genau ausgetüftelt sein. Deswegen hat er sein Telefon abgemeldet und ist nicht mehr zu erreichen: alles nur für die eine große Aufgabe.
Kurz vor Halbmarathon, für die Teichwiesensüchtigen bekannt als Ende der achten Runde, taucht die Berliner Göre wieder vorne auf und wird vernascht, äh, überrundet. Beim ersten Mal: “Hallo Berliner Schlappohr” - keine Reaktion, Klein-Sigrid döst vor sich hin. Beim zweiten Mal: “Hallo Berliner Liebling” - Brummel, Brummel, Brummel. Jetzt beim dritten Mal: “Hey, Rotznase, mach Platz”. Blondchen: “Du schon wieder - das dritte Mal schon - was denkst Du Dir eigentlich dabei?”. Seit dem Isarlauf sind Madame Butterfly und Powerschnecke unzertrennlich. Wie wär’s mit dem punkigen Blondieren der Haare?
Es wird echt heiß und diese Ausrede muß jetzt einfach herhalten - aber Powerschnecke ist noch am Laufen. Vom Ziel weg Richtung Volksdorf kommt man bald an den ersten Berg, zuerst links gelaufen und dann rechter Hand der viereckige See (oder Sumpf), gleich wieder links und hoch zum Baumstumpf am Gipfel. Hier kommt von hinten Familie Witzbold auf Fahrrädern. Witzbold 1: “Gehen Sie oder laufen Sie? Es gibt da so eine Gehertechnik ...” Powerschnecke grantig: “Witzbold” (gleich richtig erkannt!). Dann müssen Witzbolds absteigen. Junior-Witzbold: “Papa, ein Fußgänger überholt uns” (eine dreiste Lüge, das war der Bergsprint - ehrlich). Witzbold 2: “Lass ihn in Ruhe, Junge, der kann Spaß nicht ab”. Saupreußen, damische.
Das passiert in der dreizehnten Runde. In der vierzehnten Runde bietet sich dann endlich die Gelegenheit zum Gehen. Der Tagessieger ist schon fertig und watschelt noch entlang der Strecke nach Hause. Powerschnecke holt Michael ein und geht mit ihm ca. 1 km (ganz klar, er opfert sich für dieses Exklusivinterview). Echt sympathischer Bursche. Lief 3:22 h. “Alle Achtung - und so mühelos”. - “Ja, ich bewege mich gerne”. Erst sein dritter Marathon. Läuft normalerweise 40 oder 60 km pro Woche (10er oder 20er). Christian hat ihn wohl an Weihnachten angequatscht und dann hat er es einfach mal so probiert und ist quasi spontan seinen ersten Marathon an den Teichwiesen gelaufen, gleich in 3:36 h (oder so). Er läuft “rund” und knackig und wie es scheint anstrengungslos. “Bist Du am Limit gelaufen?” - “Nee, überhaupt nicht”. Der Typ hat Talent; er interessiert sich für den Alstermarathon, dessen Strecke er kennt. Powerschnecke setzt ihm noch den Floh “Köln-Marathon” (super Stimmung, Karneval in September, etc.) ins Ohr.
Zum Schluß der Galaveranstaltung taucht dann noch Mario Sagasser auf. Mario gibt sich keinerlei Mühe, etwa den Humpelnden zu spielen, im Gegenteil er sieht total lässig und provozierend fit und aktiv und energisch und “ready-to-go” aus - das blühende Leben (seitdem er nicht mehr läuft wahrscheinlich). Mario ist das Sagasser-Support-Team - aber, aber. Während Mario super läuft, eben Supermario, die Support-Team-Action ist mehr als lausig. Mario, das müssen wir noch ein paar Mal üben. Nicht das Support-Team ist der Star, sondern der betreute Läufer, in dem Fall die Läuferin - das Support-Team muß alles geben. Ein paar lahme Sprüche, mit so einem ironischen Unterton (gell!!!), reichen da nicht.
Mario kommt zu der kaputten Powerschnecke und fragt, wie lange das mit seiner Stressfraktur dauern würde, bis er wieder voll da sein werde, quasi auf dem Stand, als er abgebrochen habe. Powerschnecke will schon “nie” sagen, aber man hat ja immer zuviel Mitleid mit der Bevölkerung: “Fünf Jahre”. Mario ist den Tränen nahe: “Mein Orthopäde sagte was von einem Jahr”. Powerschnecke (gefühl- und taktlos): “Ja, das sagen die immer, um die Patienten nicht zu verlieren - die sind schlimmer als die Zahnärzte”. Mario wird blaß und die Augen werden wäßrig. Powerschnecke, noch eins drauf: “Bei den Boxern heißt es ja bekanntlich: They never come back”. Mario schluchzt hemmungslos. Powerschnecke, noch nicht fertig: “Fragst Du Dich nicht, warum Du das kriegst und ich nicht? Vielleicht passiert das ja ein zweites Mal”. Torsten Schacht und Jochen Hoier, frisch wie immer weil sie sich nicht verausgabt haben, hechten herbei und fangen Mario gerade noch auf, als dieser, weil ohnmächtig geworden, rückwärts torkelnd in den See zu stürzen droht - na, das wäre doch eine schöne Wasserleiche geworden. Jennifer (eine der Töchter): “Papa, warum bist Du so grün?”.
Nach erfolgreicher Reanimation hat Mario immer noch nicht genug: “Wenn ich mit 10 km wieder anfange und jede Woche 10% drauflege, dann brauche ich ja ... brauche ich ja ...”. Ist klar, Physiker können mit Zahlen wenig anfangen, von Kopfrechnen ganz zu schweigen. Powerschnecke: “Ja, dann fang doch ganz einfach mit 30 km wieder an, dann biste nach 4 Wochen bei Marathonlänge”. So einfach ist das - diese Telekom-Leute, tstststststs. Aber Mario, nicht verzagen, es gibt Alternativen: das schon früher mal erwähnte Kampfstricken - jawohl Kampfstricken, speziell in den Kategorien Speedstricken und Longdistancestricken werden händeringend Mitglieder für das schleswigholsteinsche Männerteam gesucht.
Ach wieder ein gelungener Teichwiesenmarathon, sozusagen ein richtiges Event - übrigens der Clint Eastwood-Marathon. Wenn es sie nicht gäbe, müßte man sie erfinden. Und wo kommen einem schon solch flotte (im doppelten Sinne) Läuferinnen zweimal oder dreimal pro Runde entgegen, wie heute zuerst das Girl ganz in schwarz und dann das zweite Girl im Renntempo in Shorts? Und die versammelte Affenbande? einmalig, unersetzlich, einfach super - wo wäre die Menschheit ohne uns Genies?
Bis denne
Powerschnecke
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