Herten-Bertlich - 64. Bertlicher Straßenläufe Marathon am 28. November 2004 - "Neben Schalke, schon wieder im Ruhrpott"

Mittwoch, 1. Dezember 2004


“Du sagtest, Du läufst keine Doppeldecker”, meint Wolfgang Weitkämper vor der Anmeldung in Bertlich. “Tja, habe ich gelogen, ätsch! Woher weißt du überhaupt, dass ich gestern unterwegs war?” - “Arolsen Siegerliste”. Man wird ausgekundschaftet und registriert, CIA, KGB, FBI und andere Schlapphüte sind nix dagegen. “Für die Beine und den Athletenkörper (auch die Norddeutschen dürfen hier mal schmunzeln) ist das kein Problem, bin ja zertifizierter Schneckenführer, aber am Montag ganz früh habe ich Vorlesung an der TU und seit Wochen ist totaler Frauenüberschuß, die letzten beiden Male 21:3 und 20:1, da sollte ich mich doch mal wieder vorbereiten - und da ich unter der Woche tagsüber nur im narkoleptischen FlachschlafDauernarkoseHalbkoma im Büro döse, muß das äbba am Wochenende passieren - deshalb einen Wochenendtag für die Vorbereitung - hai capito?” Wolfgang nickt, ha capito. “Powerschnegge sieht aber müde aus!” und gealtert vermutlich auch- muß noch die Gesichtsmaske auflegen.

Nach dem Rumgeschnegge am Tag zuvor im Arolsenser Qualitäts-1a-Matsch müßte heute wieder eine Art Tempoeinheit fällig sein - schau mer mal. Zuerst mal voll in die Dopingkiste gegriffen: Mist, nur noch halbe Portion PPS-170759 da, aber zwei Tafeln Schokolade (hmmm, Milka Sahne-Creme und Milka Cafe-Creme) und ne halbe Cola und der Motor läuft wieder.

Autobahn A2 und dann bei Herten raus - ab da wird’s schwierig, Richtung Marl ist der Trick. Bei der Anmeldung stehen schon die gesamten Doppeldegger-Verrückten rum: Daniel Basel, Hartmut Feldmann, Bernd Gämlich, HaJo Meyer, Horst Preisler, Michael Turzynski und Peter Wieneke - man könnte ne schöne Doppeldegger-Wertung machen: hallo, das wird der 3. Platz von den 8 Doppelmännchen.

Bernd bei der Anmeldung - die propere Dame: “Sie haben die Kästchen für männlich-weiblich nicht ausgefüllt!” - Bernd: “Ja, dann schauen Sie doch mal nach!” - uaaaaaa - Ruf des 100 MC gleich wieder ruiniert. Da kommen die Ederseer rein - wer sind denn die Ederseer? - Bernd: “Die Ganoven habe ich beim Edersee-Marathon kennengelernt, eigentlich sind sie aus Wetzlar” - klaro, es ist die Wetzlar-Gang: Alfredissimo Waßmer, Berthold der Kleine Becker und Werner Frech. Nun fast alle Schlappohren beinander, dann kann`s ja losgehen.

Das Besondere in Bertlich ist das Gewusel an gleichzeitigen und überlappenden und hintereinander Läufen - sieben verschiedene - von 5 km bis Marathon - aber die Jungs haben das voll im Griff, nennt sich heute die “64. Bertlicher Straßenläufe” - alles markiert für die Doofen in verschiedenen Farben, trotzdem zusätzlich stehen noch Leute rum und helfen weiter. Beim Marathon drei gleiche Runden - laut Ergebnisliste 98 Treter, allerdings fehlt verdächtigerweise Bernd - entweder auf-, ab-, zusammen- oder sonstwas gebrochen oder er hatte die Startnummer 7109, die konnte nämlich zum Schluß keinem Eumel zugeordnet werden (die Rache der Frau an der Anmeldung?).

Erst mal ganz hinten anstellen und nach 500 Meter Pinkelpause und dann Letzter, müßte also Platz 98 sein - da Platz 47 rausspringt, müßten 51 Treter überholt worden sein - nicht schlecht für einen schlechten Trampler - die Laune ist heute wieder mal total muffig in der letzten Reihe, dann lieber mehr Tempo machen und mal schauen, was man reißen kann - Heiner Schütte wird entdeckt, mit dem kann man immer die ersten 10 kms prima rumgurken, er kann sogar lachen, er weiß immer ne Story, er kennt alle Strecken und deren Probleme und er gibt dann beizeiten den Laufpaß (heute bei km 9) - wesentlich besser als die demütigenden femininen Laufpässe - Heiner weiß auch, dass man in Arolsen die ersten 10 kms nicht unter einer Stunde laufen darf, sondern in genau 65 min (ok, nächstes Jahr).

Alles wird auf Asphalt gelaufen, Straße, Gehweg, Fahrradweg - zuerst geht es durch den Ort und schon nach 1 km (alle kms sind wunderbar beschildert, verschiedene Symbole und Farben für die einzeln Läufe, herrlich, die verlangen viel von uns gehirnzerrütteten Marathonverückten) zwischen die Felder - wenig Höhenmeter - viermal pro Runde hilft die Polizei bei Straßenüberquerungen - in der ersten Runde meint der erste Bulle, zum Glück im Scherz: “Ein bißchen schneller, wenn’s geht, das ist hier eine Laufveranstaltung” - die Jungs stehen 4-5 Stunden rum und machen einen prima Job - Heiner erzählt, dass es im Februar wettermäßig ganz übel zuging und das heute eigentlich “unser Wetter” sei: kühl, leichter Niesel, kaum Wind, bewölkt - ja, wenn die Diagnose schon steht, dann mal voll in die Therapie und Tempo machen - Heiner: “Ich bin heute wieder viel zu schnell”, aber er kämpft wagger.

Vor km 7 einen Hügel runter, am Tiefpunkt stinkt’s nach Bauernhof, schon mal merken, dass hier Halbmarathon ist - auf der anderen Seite wieder hoch - nochmals leicht runter und eine 180 Grad Kehre bei km 8 - Tschüß für Heiner beim Stand ab km 9: “Jetzt kommt das schlechteste Stück” - aber er meint nicht den langen Anstieg, sondern den asphaltmäßig total ramponierten Straßenbelag *hüpf hin hüpf her* - quasi am Gipfel (aber mal janz ährlich: “es sind wirklich wenig Höhenmeter insgesamt”) wieder eine Polizeistreife, dieses Mal mit permanentem Blaulicht, kann man sich von “unten” dran orientieren - zwei kms geradeaus auf nem Fahrradweg - letzte Straßenüberquerung - rüber zur Parallelstraße, am Real vorbei, durch die Häuser gehuscht und auf der Zielstraße, wunderbar leicht abwärts,sollte man sich auch merken, für den Endspurt - voilà schon die ersten 14 kms.

Und wie motiviert man sich heute? hmm, das alte Spiel: keiner darf Schneggi mehr überholen - kein Problem, ist auch niemand in Sicht - man wird aber pausenlos überholt, von Tretern mit anderen Startnummerfarben des Halbmarathons, 10 km, bald blickt man sowieso nicht mehr, wer wer ist - Hauptsache keine “Roten” (unsere Startnummern). In der zweiten Runde, so bei km 18 kommt doch tatsächlich ein Roter und schiebt sich vorbei - auch noch mit Fahrradbegleitung - hey, Bübchen, das läuft so nich hier - dranhängen und überholen und Gas geben und die Sohlen zeigen - aaaah, abgeschmettert, den sehen wir nicht wieder - mal umdrehen, 200 Meter hinten, ach was, der kommt nicht mehr - denkste mal, wer probiert’s in der dritten Runde an der gleichen Stelle, jetzt km 32, wieder? - natürlich Bubi (er sieht total jung ist) - *ächz* dieses Mal hat er mehr drauf und ist nicht so leicht einzuholen, verdammich - endlich die Talstrecke zum km 35 runter, voll versägt - aber, guggamol, der läuft am Stand vorbei und brettert die Gegenseite hoch - hey, das ist verboten - nix wie hinterher - aha, Probleme mit dem Fahrradbegleiter, beide fummeln an ner Flasche rum, Bubi steht neben dem Fahrrad - ganz cool, mit Vollgas dran vorbei, das ist der Kill.

Heiligsblechle, bei km 36, hier die 180 Grad Wende, ist Bubi wieder da - *schnauf*. Polaruhr immer noch am Polarkreis zum Batteriewechsel, also keine Pulsanzeige, aber bestimmt so um die 180 - nicht schlapp machen - nebeneinander den nächsten km - wie schnauft er? total ruhig, der Mistkerl - wie ist der Laufstil? total logger, der Geier! - kann er noch einen druff? klar, er wartet nämlich nur auf sein Fahrrad, da ist es, und ab die Post - Mann, Endspurt ab km 37, das ist unfair - jetzt nicht einbrechen und Frust schieben - die nächsten 2 kms sind die heutige Qualzeit (sage keiner, dass er 42195 Meter Spaß habe - und nur Spaß) - danach ist die Sache gelaufen, die Vier wird heute nicht gesehen - es bleiben auf den letzten 2 kms noch ein Dutzend Leute zum Überholen, das macht immer Spaß.

Die Endspurtstrecke hinuntergebrettert, Richtung hübsche Blondine im roten Friesennerz - aber wie weit ist es noch bis zum Ziel? - auf jeden Fall jetzt links rum und nicht rechts und noch ne vierte Runde, Doofie! - HolyShit, wo ist das Zielbanner über der Straße, keine Leute, nix? - zum Glück aus dem Augenwinkel die schmale Lücke in der Hecke rechts gesehen - au Backe, beinahe vermasselt und nach Gelsenkirchen gedüst - stehenbleiben, umguggen, reinlinsen: aha, eine Bahn, und da sind blaue Pfeile auf dem Boden - noch mal Glück gehabt, Pänner! - Blick auf die Uhr: 54 - das wird knäppli - die 55 sollte es heute sein - Gas Gas Gas, ins Ziel gestolpert.

Wer steht da im Ziel? Bubi mit Mamma und Pappa und Fahrradmann und noch zwei Jungs - gleich hin zu ihm: “Gratuliere, ganz Klasse Endspurt, wie Du da losgezogen bist, Respekt!” - er öffnet den Mund, zwei Worte, Sache ist klar: ein Käsetreter, auch noch aus Ede, ein echter Edamer - ach, wenn Schneggi das gewußt hätte ... und Papa sagt: “sein erster Marathon” - nochmal die Hand kaputtschütteln und einen Hieb ins Kreuz schlagen - Bubi, er heißt Dirk, ist jetzt Strahlemann in Person, hat noch fast 4 Minuten auf den letzten 5 kms abgezogen - die ganze Tulpenzüchterbande im Ziel ist aus dem Häuschen - “Nächstes Mal kriege ich Dich!” - Vorsicht, nicht allzu digge Baggen machen, Schneggi, Bubi ist mindestens 60 Jahre jünger und so wie der sägte, kann er noch einiges drauflegen - “man sieht sich Dirk, wäre eine tolle Sache”.

In Bertlich gibt’s eine schöne Turnhalle (so schön wie Turnhallen halt so sind) und darin exquisite Duschen im Kabinenformat - geduscht, gekämmt, nicht gefönt, gleich noch mal rüber ins Stadion - mal schauen, wen man noch ärgern kann? - da kommen sie nacheinander: Werner, Berthold, Alfredissimo und andere. Wolfgang im Ziel: “Früher warst Du zwar vor mir Ziel, aber jetzt bist Du schon geduscht und umgezogen - das wird immer schlimmer mit Dir!” - aaaaah, das Lob des Tages, wenigstens eins, ein wahrer Freund.

Wurde schon gesagt, dass die Bertlicher das voll im Griff haben? in der Cafeteria, eine Kuchentheke, meine Güte, man wünschte sich, man könnte mehr als ein Stück futtern (bei den Eltern zuhause im Schwabenland: “ach Mutti, nicht noch einen Nachschlag - jedes Kilo ist gleich 5 Minuten” - sie kapiert nix von dem und will nix davon hören) - vorher noch eine Schüssel Erbsensuppe mit Bockwurst (könnte der Rest vom Bottroper 50 km-Lauf, ist da gleich nebenan, von vor drei Wochen sein, a bisserl pampig). Heiner wünscht Kartoffelpuffer - er ist so färtisch, Schneggi läuft zweimal für Gabel und Serviette, Heiner kann nix damit anfangen. Zur Belohnung fährt Heiner vorneweg, um schnellstens zur Autobahn zu finden - Pech gehabt, Schalke hat ein Sonntagnachmittagspiel und die Bude ist voll und die Straßen auch und das dauert.

Fazit: empfehlenswert, Organizzazione perfetta - quasi bis 1 Minute vor dem Start können Kurzentschlossene noch andampfen - auf dem Kurs kann man sich austoben oder rumrödeln - auf jeden Fall wieder.

Grüzi
Schneggi


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