Kienbaum - Deutsche Meisterschaft im 100-km-Straßenlauf am 27. März 2004 - "Powerschnecke bei den Preußen"

Montag, 29. März 2004


Powerschnecke reiste gegen Osten, zu den Preussen, den richtigen Preussen. Im besten und schönsten Teil Deutschlands, nämlich in Süddeutschland (hä, jetzt kommen wieder die Hass- und Schmähkommentare), wo die Bayern und Schwaben - und geduldet auch die badischen Gelbfüssler - hausen, bezeichnet man alle Lebewesen nördlich von Frankfurt als Preussen - und wenn die Frankfurter mal wieder eine große Klappe haben, die auch noch. Braunschweiger, obwohl noch 200 km von der Küste entfernt, werden fast liebevoll Fischköpfe genannt. Aber dieses Mal ging es ins Kernland der Preussen, so um Berlin herum, ganz genau nach Kienbaum zu den Deutschen Meisterschaften im 100 km Strassenlauf. Im Schwäbischen würde man sagen, Kienbaum liegt “hinter Pfuideubel” - aber ein schönes, ehrlich gesagt.

Deutsche Meisterschaften, häh? - da denkt man doch an Elite und Leistung, Leistung, Leistung. Die Elite war ja auch da - und wer sonst noch? Nun gibt es zwei Optionen. Die große-Klappe-Variante:  in der Tat, die Elite und nur die Elite war angereist, inklusive old Powerschnecke. Die es-kommt-ja-doch-irgendwie-raus-und-dann-wird-es-peinlich-Variante: jeder, der die Startgebühr zahlte, Schuhe an hatte und an der Startlinie stand, durfte starten, auch Spitzenläufer Powerschnecke.

HaJo (Meyer) hatte noch eilends einen Läuferpass für Powerschnecke besorgt. Damals im Januar in einem 1000-Jahre-alten Aufzug im Elbtunnel drei Minuten vor dem Start wurde noch das nötige Formular ausgefüllt (ohne Formular läuft absolut nichts). Hajo meinte, dass es zeitlich bis zu Kienbaum nicht mehr reichen werde. Aber im Februar dann die telefonische Nachricht: “Du kannst bei den Deutschen Meisterschaften starten”. Holy Shit, Deutsche Meisterschaften! Das kann doch nicht wahr sein? Jemand hatte bei Steppenhahn geschrieben: “Einmal Kreismeister werden und dann in Ruhe sterben können”. Ja, genau, einmal bei den DM mittrabsen und dann nie wieder 100 km laufen müssen. Und wenn es der letzte Platz wird, der Zettel, wo draufsteht “Deutsche Meisterschaften” musste her. Daher das Motto vom letzten Mal: “Einer muss schließlich der Letzte werden - warum nicht ich.” Dann die Urkunde an die Wand im Büro nageln, damit die Sklaven wieder ein wenig mehr Respekt haben werden.

Ein Trainingsplan musste her. Noch nie hatte Powerschnecke einen Trainingsplan, sondern immer so schnell wie möglich (klar, ist ja alles relativ) und so lange wie möglich. Zum Austesten, drei Sechs-Stunden-Läufe an den drei vorhergehenden Wochenende. Regen, Schnee, Kälte, Dunkelheit, dieser März war so gar nicht toll, nur die 6-h-Läufe brachten die Motivation.

René (Wallesch) war aus dem Wochenschlaf aufgewacht und hatte zügig im Zug seinen Weg nach Braunschweig gefunden. Trotz der hartnäckigen Bemühungen des besserwisserischen Beamten, doch diese Abkürzung zu nehmen, wurde strikt nach Plan des Routenplaners gefahren. Dafür durfte René dann einige Male bei der Pastaparty nachfassen - waren es zwei oder drei oder vier Mal? Wenn es was umsonst gibt, müssen unsere armen Beamten zuschlagen. Dazu noch echte Berliner, jemand mit Berliner-Schnauze-Dialekt sprach aber von “Pfannkuchen” - häh, dat is aba wat anderes, oder? Sigrid (Eichner) protestierte bezüglich des neuen Powerschnecken-Mottos und insistierte, dass schließlich sie das Anrecht auf den letzten Platz habe und sonst niemand. Zur Weckzeit meinte René 4:30 Uhr, während Powerschnecke 5:45 Uhr favorisierte (Start um 6:00 Uhr), man einigte sich auf 4:45 h. Dann kam spät nachts noch Georg, der Frankfurter, ins Drei-Bett-Zimmer. Er musste dann schon um 4:00 Uhr morgens rumfummeln. Georg, der junge Flitzer, kam aber beim Lauf nicht sehr weit und humpelte bald am Rande entlang und jammerte etwas von “mein Knie” oder so.

Nach Start-Ziel der 5 km-Runde ging es nach links in die Restaurant-Bar-Allee, links und rechts für ca. 200 Meter Tische und Partyzelte und Campingstühle und Transparente und Party und Gedöns. Lothar, dick eingemummelt in seiner edlen Gurkenjacke (vom 1. Spreelauf) hatte seinen Tisch mitgebracht, um den sich die Hamburger und die Kieler und sonst irgendwelche Kolonien versammelten und ihren Krempel postierten. SCC Berlin, gegenüber, hatte ein gewaltiges Aufgebot mitgebracht. Auch Schilder, die hochgehalten wurden. Eines: “Fühlst Du Dich gut? Keine Sorge, das geht bald vorbei”. Andere Transparente konnte man beim Vorbeirasen nicht so schnell lesen bzw. ist der Kopf, der ja sowieso hohl ist, nach mehreren Stunden noch hohler, und so kann man sich das alles nicht merken.

Es war kalt, nee es war eisig, minus 4 Grad Celsius. Powerschnecke in kurzen Radlerhosen fürchtete das übliche Spiessrutenlaufen an einschlägigen Bemerkungen. Aber nein, es gab noch wildere Typen, zum Beispiel in kurzen Shorts, sozusagen Shorts-Shorts und ärmellosen Trägerhemdchen, oder eine Frau in Mini-Pants wie sie die Sprinterdamen tragen. Das war übrigens eine Französin, die das Rennen der Frauen gewann, aber nicht Deutsche Meisterin wurde - kapiert? Kurz nach dem Start ging es strikt gegen Osten, wo eine rote Scheibe am Horizont aufstieg - es kamen einem die Tränen, aber nicht vor Romantik oder Emotionen, sondern vom beissenden Fahrtwind. Glücklicherweise wurde es entschieden wärmer, und es soll Leute gegeben haben, die einen Sonnenbrand bekamen.

Es waren etliche Gelbhemden unterwegs oder solche, die gelb tragen dürften oder die mit dem Haufen irgendwie verbandelt sind: HaJo, Sigrid, René, Thorsten Red Bull Themm, Barbara S., Norbert Bergziege Schmid, Rolf Frank, Hartmut Ladykiller Feldmann, Rosi von Kocemba, Gurken-Lothar. Zuerst jagten zwei ältere Herren (Ladykiller und Powerschnecke) Rosi - da aber Hartmut jeden dritten Baum markieren musste (man lief durch einen Wald und Park) und Powerschnecke dreimal die Qualität des Klopapier testen wollte, war Rosi auf und davon. Mit Mühe und Not konnte man ihrer später wieder habhaft werden. Gurken-Lothar meinte bezüglich des schon öfter hier diskutierten Rentnerthemas: “Wartet nur bis ich bald Rentner werde - dann kommt so schnell niemand mehr an mir vorbei” - oder so ähnlich.

Vorne weg raste das Duo Michael Sommer und Thomas Miksch, mein Freund, der Chirurg. Vor zwei Wochen meinte Thomas, dass er keine Chance auf den DM-Titel hätte; er könne bis km 70 mit Michael mithalten, aber dann gibt der Gas und er komme da nicht mehr mit. Jede zweite Runde von Powerschnecke kam das Duo vorbei. Und freundlich, wie der Bauchaufschneider ist, grüsste er jedes Mal. In deren zwölfter Runde bretterte dann Michael allein vorbei: “Hey, wo ist Thomas?” - “Der hat seit der vorletzen Runde Probleme”. Und tatsächlich dauerte es noch 15 Minuten bis dann Thomas daherkam: “Was ist los?” - “Krise”. Aber Thomas hielt durch und wurde letztendlich Dritter. Powerschnecke kam gerade zu seinem 64. Km, als der Sieger vorbeizog. Der liess sich sogar beglückwünschen und auf die Schulter klopfen und bedankte sich artig - schon ein freundliches Völklein, diese Ultras (fast alle - dazu gleich noch was). Es waren 6:55 auf der Uhr. Powerschnecke rief noch nach: “Ey, Michael, gib Gas, mach unter sieben”. Und brav gab Michael Gas und finishte in 6:59:23 h.

Warum “fast alle”? Weil es auch beim 100 km-Lauf noch so Pappnasen und Schlappohren und Riesenrotzlöffel gibt, die einen beim Überholen rempeln, in der Kurve sich noch zwischen Läufer und Baum dazwischenquetschen (anstatt einen Meter aussen herum) und quasi schneiden, usw.. Holzköpfe damische, wahrscheinlich richtige Preussen. Übrigens, Käsetreter waren keine zu entdecken, aber zwei Dänen wurden entdeckt, eigentlich ja auch Käsetreter, aber sagen wir mal zu denen Butterverkäufer.

Thomas Bauchaufsäbler finishte dann auch und machte sich fortan als Powerschnecken-Anfeuerer nützlich. Zuvor beim letzten Überholen irgendwo in den 60er kms: “Mach’s gut!” - am Start-Ziel bei km 70 km: “Immer locker bleiben!” - nach 80 km und einem verzweifelten ich-kann-nicht-mehr: “Du schaffst das, beissen!” - nach 94 km kam ein Minibus mit KE-Kennzeichen (das ist Kempten im Allgäu, Ihr Preussen und Fischköpfe) entgegen und hielt mitten im Weg, heraus kam ein Arm und er rief: “Du schaffst es, jetzt ist es nicht mehr weit, durchhalten”. Wenn alle Chirurgen solche Pfundskerle wären, gäbe es zwischen Chirurgen und richtigen Ärzten weniger Gefrotzel.

Ja, die Chirurgen, schon ein ehrgeiziger und schlitzohriger Haufen. In Braunschweig gibt es im Sommer alljährlich einen so genannten Behörden-Staffelmarathon mit sieben Läufern, an dem öffentliche Einrichtungen Teams entsenden können. Letztes Jahr gewannen die Städischen Kliniken mit dem Chirurgen-Team “Lose Herzklappen”, dicht gefolgt von Chirurgie Zwo “Schnelle Kanülen”. Aber schon etwas schlitzohrig. Der Neurochirurgie-Chefarzt ließ seinen Sohn mtlaufen (angeblich ein Praktikant im Krankenhaus - huhuhu); zufälligerweise war dieser Praktikant norddeutscher Jugendmeister in 5000 Meter. Na ja. Dieses Jahr startet auch das Powerschnecken-Team von Powerschneckes Institut. Da im Erdgeschoss immer schwarze Gastwissenschaftler rumsausen, begab man sich auf die Suche nach Kenianern. Es konnte aber nur Ismail, ein Nigerianer, ausfindig gemacht werden: “Rennen ist was für die Kenianer, wir spielen Fussball” (hört sich an, als ob die Bayern über die Preussen reden). Aber mit dem dezenten Hinweis auf das berühmte Fussspiel beim letzen Betriebsausflug wurde Ismail dann doch eingekauft. Damals hatte Ismails Abteilungsleiter grossmaulig die Powerschnecken-Abteilung zum Fussballmatch herausgefordert. Trotz der drei Schwarzafrikaner im Grossmaul-Team und der zwei, wie zu erwarten war, nutzlosen Frauen im Powerschnecken-Team, gab es eine volle Packung für die Rotznasen: 3:1 (oder vielleicht sogar 5:1 - keiner weiss es mehr). Da: Flanke von rechts, Powerschnecke in Mittelstürmerposition, Ball halbhoch Volley genommen und unhaltbar im Tor versenkt - kein Foto, kein Video, keine TV-Dokumentation, nichts, rein gar nix, der grösste Moment in der powerschneckischen Fussballkarriere. Klar, was jetzt an Kommentaren kommen wird: er sollte aufhören zu laufen, lieber Fussball spielen. Vom Staffelmarathon wird berichtet werden. Und aus Ismail machen wir noch einen richtigen Kenianer.

Zurück nach Kienbaum. Ganz so Laissez-Faire, jeder kann so lustig und langsam daherschlendern wie er/sie möchte, war es doch nicht. Zeitlimits, und zwar zum Teil saftige: Männer unter 50 Jahren mussten die 90 km in 9:30 Stunden und alle anderen die 90 km in 11:30 Stunden passiert haben - ansonsten Sensenmann. Warum die Damenwelt unter 50 nicht ein Zeitlimit hatte, bleibt unklar. Dies wurde doch einigen zum Verhängnis. In den letzten Stunden war es dann ziemlich leer und wieder eisig kalt. Die tagsüber etwas wärmende Sonne hatte auch keine Lust mehr, ebensowenig wie die Support-Teams. Zum Schluß waren nur noch leere Tische und verstreute Coca-Cola-Pappbecher zu entdecken - es war an der Zeit aufzuhören. Die später gestarteten 50 km-Läufer waren auch schon lange verduftet; die übrig gebliebenen 5 x 10 km-Staffelläufer waren genauso muffig wie die letzten 100 km-Mohikaner.

Noch einmal den ersten km auf der Straße leicht ansteigend entlangtappeln, dann nach rechts auf die Asphaltlaufbahn mit den weißen Linien (Powerschnecke liebt es, entlang Linien zu laufen), am Eingang zu dieser Rennstrecke der Wasserstand, bei km 2 ein 100 m-langes Grasstück als Abkürzung, zurück auf der Rennbahn, am Ende kurz vor km 3 wieder ein Wasserstand, zurück auf die Straße, nach 200 Metern aus dem Gelände des Leistungszentrums heraus links auf die halbseitig gesperrte Hauptstraße, leicht hoch und schöner wieder runter, nach 300 Metern links herum am Eingangshäuschen vorbei, entlang einem Fussballplatz, Beachvolleyballsandgruben zu km 4, am Werferplatz vorbei, am See entlang, links das Scheisshaus, pardon das Läufer-WC, auf die DDR-Betonplatten, am Parkplatz vorbei, nochmals im Viereck gelaufen an Gästehäusern und Kantine vorbei, endlich das Ziel.

Das war’s, Deutsche Meisterschaften, Powerschnecke war dabei - wo ist der verdammte Zettel? Zum letzten Platz hat es nicht ganz gereicht, es sprang nur ein drittletzter Platz heraus; zum viertletzten Mann waren es noch 5 Minuten und zum Fünftletzten gar noch 12 Minuten, zu weit, zu spät. Außerdem, Viertletzter ist so undankbar wie der vierte Platz. Dann lieber Drittletzter bei den Deutschen Meisterschaften der Männer im 100 km-im-Kreis-Herumrennen, eine Rotznase, wer da nicht stolz ist. Der Sport gewährt auch den total Talentlosen die 15 Minuten an Berühmheit, die Andy Warhol einst für jeden proklamierte.

Das noch zum Abschluß:  man lief 10 Meter am Gästezimmer vorbei und da kam die Idee auf, schnell reinzutigern, das Handy zu schnappen und dann alle 10 km-Zeiten an das Management zu simsen. Glücklicherweise wurde diese Schwachsinnsidee wieder verworfen. Erstens wohin mit dem Handy zwischen der Simserei; zweitens kämen dann nur unerwünschte Kommentare wie “venga, venga” oder “schneller, schneller” (wer will denn so etwas hören?) oder “es ist nicht mehr weit” (nö, nur noch schlappe 43 kms). Stattdessen am Schluß wieder zurück im Zimmer folgendes SMS: “geschafft - mausetot - Schnauze voll - nie mehr 100 km - bei deut. Meisterschaften im 100 km-Lauf lief Powerschnecke in ... h”. Zurück kam: “Muchas felicitades, tu eres un verdadero campeon ... Doof der Einbruch zwischen km 70 und km 90". Der letzte Satz stand ehrlichweise nicht da, aber er hätte dastehen sollen. Ein echtes Erlebnis - wo gibt es den nächsten Hunderter?

Bis zum nächsten Mal
Grüzi
Eure Powerschnecke


<< zurück zur Übersicht




Kommentare ...

Vergiss niemals beim Verfassen Deines Kommentars, dass auf der anderen Seite des Bildschirms ein Mensch sitzt!

Keine Kommentare

Kommentar schreiben

* Pflichteingaben

*
*
*


CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*