Konzen - Monschau Marathon am 07. August 2004 - "Powerschnecke in der Eifel"
Monschau Marathon - da war doch was letztes Jahr? Der heißeste Marathon, eine Hitzequal schon die Anfahrt und Abfahrt. Für den Marathon steht im Lauftagebuch: “18-36 ̊C, extremely hot, dry, exhausted, no power” (extrem heiß, erschöpft, keine Kraft). Es könnte noch dabei stehen: “Kreislauf nicht mehr existent, Abschiedsgeschenk des Landkreises ein Speeding Ticket, Ihr seht mich nie wieder”. Die “no Power” kam vermutlich auch, weil das Hämoglobin beleidigt war, jetzt ist es aber wieder putzmunter und fröhlich.
Aber letztes Jahr ist letztes Jahr und überhaupt sind wir doch alles Bekloppte - steht auch in der Monschau-Marathon Zeitung. Aber Monschau ist immer noch ewig weit weg: 440 km und je nach Verkehr 4-5 Stunden, kann aber massiv länger werden. Also übernachten wieder im Zelt aufm Sportplatz. Gute Idee - bis das Riesenmegagewitter mitten in der Nacht kommt - Blitze und Donner, man denkt jetzt zerreißts alles - wird das Zelt weggeschwemmt? ist ein Zelt ein Faradayscher Käfig wie ein Auto? weder schlägt der Blitz ein noch schüttet es übermäßig massiv, noch mal davongekommen.
So nahe an der Grenze zu Käseland und Pommesfrittesland rennen natürlich viele Olländer und Belgsche mit. Theo Kuipers und Willem Mütze, Freunde seit Isarlauf-Tagen (hähä, damals beide abgeschüttelt - wenn auch mit Mühe) sind auch präsent - Theo hat inzwischen wieder ein paar Zyklen an Chemotherapie gegen sein Lymphom hinter sich (die Docs müßen verzweifeln: “Hätten Sie mal wieder etwas Zeit zwischen Ihren Läufen für a bisserl Chemotherapie?”) und ist fit, aber blaß, was ihn nicht abhält, jetzt demnächst beim 18-tägigen Transe de Gaul einzusteigen, zusammen mit Willem - Willem, der alte Kämpfer, stachelt gleich an: “Na, kannst Du mich heute besiegen? keine Kunst, gestern bin ich 130 km über die Ardennen mit dem Rad, 12 Hügel, ich dachte mir platzt die Kette”. Die Ardennen sind sein Lieblingsthema (“... damals in den Ardennen ...”).
Die Sonne kommt am Morgen verdammt nochmal wieder raus und macht eine Waschküche aus dem Wald, der Nebel oder besser Dampf steht später im Flußtal. Beim Monschau-Marathon sind die ersten 3 kms eindeutig zu eng: man kann gar nicht schneller als im 7er oder 8er Schnitt - beim ersten Steilrunter ist es matschig und rutschig und nur gehen ist angesagt. Abwärts gehen und bei km 2 schon tropfend schwitzen, uuuaaa ist das heute schwül. Die Straße runter nach Monschau befreit, eigentlich hat man schon keine Lust mehr und möchte lieber durch das Mittelalter an Häusern und Winkeln hier strollen. Jetzt kommt das Flußtal, dahinter gleich saftig im Wald hoch. Von jetzt an beschlägt die Brille, solch eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht. Zwei kms hoch zwischen km 12 und 14 - das hört gar nicht mehr auf. Bert de Jong, Leidensgenosse beim spektakulären wen-schmeißts-heute-öfters-auf-die-Fresse Katastrophen-Marathon in Bad Salzuflen hoppelt vorne. Der Junge erinnert sich an den Vornamen, alle Achtung - allerdings kein Kunststück, wenn man ganz in Orange gekleidet ist - in-Orange gehört sich auch so, Käsetreter, man muß Euch schon von weitem erkennen können. Hinter einem quasselt einer von seinem Tumor und Chemotherapie - nachfragen? nee, lieber nicht! nicht überall dazwischenquatschen. Aber so viele Tumoren rechts und links - langsam wirds wissenschaftlich interessant, da könnte man dranbleiben und ein bißchen drüber nachdenken, Immunsuppression und so Kram.
Endlich hört dieses im-feuchten-Wald-Rumkrebsen auf, immer nur rauf und runter und dabei schwitzen wie ein .... irgendwas, fällt jetzt nix ein - da hört der Spaß auf. Was ist die Alternative? Raus ausm Schatten, rein in die brüllende Hitze, volle Sonne, bergauf noch dazu, juhu - wenigstens weht ein seichtes Lüftlein, aber nur sehr sehr seicht. Jenseits der Bundesstraße dann der Stand nahe Halbmarathon, einer verlangt nach Viagra, hey Mann, falsches Etablissement. Die Organsatoren ließen sich auch, was den Spaßfaktor angeht, nicht lumpen: was ist nun die richtige Markierung: der rote Strich plus Zahlen aufm Asphalt oder das in-den-Boden-gerammte Schildchen, manchmal beide gleichzeitig, manchmal auch schon 100 Meter auseinander - so oder so, man scheint wieder nach der beliebten Methode “hier-könnte-ungefähr-ein-Kilometer-sein-was denkst-Du?-oder-lieber-da-drüben?” vorgegangen zu sein.
Aber wenigstens ein paar kms abwärts, schön im Schatten, auf ner prima Straße, so läßt sichs leben - da kommt der Gedanke “Trottel, das geht alles wieder rauf”. Vorne geht einer (es geht schon wieder hoch) ganz in schwarz, eiei très chic, mit gelben (oder gar goldenen?) Lettern auf seinem Rücken: “100 Marathon Club” und drunter “Portugal”. Ach was, verbisch! Gleich anquasseln. Hmm, Portugues, das fehlt noch in der Sprachensammlung, wo ist Michael Hotzenplotz, wenn man ihn braucht, nutzloser Knödel? Mit Spanisch probieren? die Leutchen verstehen das meist auch - aber er sieht kaputt aus, das kann ja ansteckend sein (nix wie weg hier) und jetzt schon Gehen macht die eh schon schlechte Zeit noch mieser - also nur ein spanischer Gruß.
Da kommt schon der nächste Bekannte, ja in Monschau trifft man sich. Letztes Jahr auf ein italienisches Hemd mit “Club Supermarathon” drauf von Paolo Gilardi aus Ravenna aufgelaufen und mit ihm bis zum Umfallen ins Ziel gekämpft, so in etwa, umgefallen sind wir in der Tat danach. Und da isser wieder, der gute Paolo - und sieht gar nicht gut aus und ihm gehts auch nicht gut. Tja, ein neues italienisches Wort (ein sehr elegantes übrigens) für das banale “Kotzen” dazugelernt. Durchhalten Paolo, wir sind hier bei den Teutonen, alles schlappe Männer und knallharte Frauen - oder so ähnlich. Zu acht sind sie wieder aus Italien angedüst, mit dem Auto (nicht in einem Auto - auch nicht in einem einzigen Fiat Uno), das nennt man Begeisterung: Forza, forza, avanti, avanti, vamos - ach nee, das letzte ist ja Spanisch (da soll man nicht durcheinanderkommen mit so vielen Vokabeln!).
Beim Lauf geht es wieder rauf und runter, man hälts im Kopf nicht aus (oder in der “Birne” wie man im Westerurwald sagt). Genau, die Urwaldindianer durften auch wieder raus aus ihrem ausgesperrten Territorium. Und zwar bei genau km 29 rennt da einer doch quer vor die Powerschnecke-Latschen (ohne Blinker raus geschweige denn “Tschuldigung” - kennen die nicht, solche Wörter): Blick hoch, Dich merk ich mir, Rüpel. “DJK Marienstatt” steht auf dem Hemd (was früher mal ein Hemd war). Ach, Yuppie 2, man kennt sich vom Menden-Marathon im Juni. Er guckt ziemlich doof, klarer Fall, durchsichtige ziemlich wässrige Augen, wirrer Blick, dann dämmerts: “Ach der Verrückte”. Hey Mann, Vorsicht, beim nächsten Mal wird das diplomatische Händel (schwäbisch für massive Probleme) zwischen Schwabenland und Westerurwald geben. “Da vorne ist Bienchen” meint er noch kurz vor dem Kollaps. Prinzessin sieht wesentlich fitter aus, zumindest von hinten, da müssen doch zwei extra-Gänge hochgeschaltet werden, um sie zu kriegen, aber es geht (mal wieder) abwärts und die Masse (Körpermasse und Schwerkraft sind hier die Stichwörter) gewinnt gegen Klasse - kurz beim Vorbeifliegen gewunken - “Hätt mich doch aber auch gewundert ....” meint sie (Rest nicht gehört, sowieso macht der Satz keinen Sinn) - keine Zeit, Schwerkraft ausnützen (bevor es wieder hochgeht).
Überraschung: 1 km runter, 2 km hoch, so lautet hier die Formel, in Abwandlung auch mal 2 km runter und dafür etwas steiler nur 3 km hoch. Zwischen km 33 und 36 gehts nochmals richtig hoch, in Serpentinen auf der Landstraße - und damit niemand allzu übermütig wird, wird die Sonnenheizung auf “voll” gedreht - *ächz, stöhn*. Irgendwann sieht man den verdammten Kirchturm, wo man hin will - Überraschung, dazwischen liegt noch ein Tal, in das es jetzt gleich runtergeht. Der letzte Hügel, so in etwa bei 41,5 km ist der allerletzte-Kaputt-Macher-Den-letzten-Zahn-Zieher”. Einlauf am Kirchturm vorbei (“Miststück, hättest früher kommen sollen - so ist die Zielzeit futsch”). Auf der Mauer sitzt Frank Berka und grinst sich eins (“haha die lahme Powerschnecke ist auch schon da”), aber er feuert noch mal kräftig an - zu spät, zuerst irre schwül, dann irre heiß, und dieses Rauf-und-Runter-und-ätsch-wir-sind-noch-lange-nicht-damit-fertig macht einen ja kirre - dann lieber in den Alpen einmal 10 Millionen Meter auf der einen Seite hoch und auf der anderen in einem Schwung wieder runter. Und überhaupt, jetzt reichts erst mal mit diesen ewigen Hügeln und Bergen, drei hintereinander: Bad Pyrmont, Davos, Monschau - her mit einem flachen Lauf.
Im Zielkanal wird die Medaille verweigert - ein roter Strich durch die Startnummer, Geizhals hat nicht dafür bezahlt - nö, nicht geizig, sondern Doofmann hat Webseite nicht richtig gelesen. Also später zurück zum Auto, Geld geschnappt und Medaille (plus T-Shirt) für 7 Euros gekauft - so einfach geht das in Monschau, beziehungsweise sind wir im Moment in Konzen (Start und Ziel derselbst). Im Gegensatz zu 2003 wird der Getränkestand in einem Schwung gehend und nicht torkelnd erreicht (nur 50 Meter, aber 30 Minuten dafür im letzten Jahr benötigt). 8 Becher von allem, was so rumstand, reingekippt - später im Zelt nochmals 2,5 Liter rein - diese Schwitzerei kostet ja richtig Geld. Die Urkunde kann man sich gleich ausdrucken lassen - perfetto - außer wenn man als Drittletzter reinkommt - wie Guiseppe Togni, der “große alte Mann” des italienischen Marathons mit ca. 700 oder mehr Marathons, 78 Jahre, eine Mischung aus Werner Sonntag und Horst Preisler. Okay, man hilft den Italos und sucht die weggetragenen Urkunden - aber wenn drei Spaghettimampfer gleichzeitig auf italienisch und zwei Organisatoren simultan auf englisch und deutsch quasseln, kommt nix dabei raus und Powerschnecke gibt auf - Urkunde kommt mit der Post, basta cosi.
Ein Gemecker muß noch angebracht werden: keine Cola, nirgends nix nie - dafür viele Stationen und Schwämme Schwämme Schwämme.
Beim Zeltabbauen noch einen Sonnenbrand bekommen, dankeschön. Wie kann man noch das Urvolk ärgern und provozieren? SMS an Prinzessin Biene: “Gratuliere Dir! Solange ich noch zwei von drei aus dem Westerwald spielend versägen kann, bin ich noch nicht kaputt genug”. Sie hatte vor Wochen mal gemeint: “Weniger ist mehr, Du machst Dich kaputt”. Der Zusatz “spielend versägen” muß doch Wirkung zeigen, das können die Ehrgeizlinge nicht ab. Wütendes Sperrfeuer von gleich zwei SMS zurück. Werner Yuppie, der dritte und einzig schnelle in der Affenbande, ließ über Bienen-SMS im philosophischen Geiste eines wahren und reifen Stammesältesten ausrichten: “Den nimmt uns keiner” (er meint diesen Marathon). Biene, schon giftiger: “... dafür trainieren wir nicht”. Volker Yuppie 2, immer noch neben der Kappe: “Nur 20 Minuten langsamer als Powerschnecke und das ohne Training. Ich bin zufrieden.” Woa, Powerschnecke ist jetzt das Maß für die Nachwuchsläufer der Naturvölker. Na ja, die lassen einen jetzt nicht mehr in ihr Territorium rein, vielleicht stattdessen lieber beim Alstermarathon im Oktober anmelden - primitive Völker darf man nicht mit Reizen überfluten, die können aggressiv werden, ins Handy beißen, treten, schlagen, Menschenfresserei usw.
Da ist Spanierin Victoria, Fan No. 1, schon liebreizender (jetzt im Urlaub auf Mallorca; schon so assimiliert an die deutschen (Miß)bräuche, dass sie auf der Deutschen liebste Insel fliegt - vielleicht kriegt sie wieder wie letztes Jahr auf Lanzarote in einem “deutschen Hotel” das Kompliment: “Sie sprechen aber ausgezeichnet Spanisch”): “Me alegro que todo haya salido bien e para ese tipo de maraton el tiempo es bueno. Aqui la vida es dura, playa piscina y sangria por las noches a la orilla la mar” (“Es freut mich, dass alles gut ausging und für diese Art von Marathon ist die Zeit gut. Hier ist das Leben hart: Strand, Schwimmbad und abends Sangria am Meerufer”). Und wir rennen hier durch die Eifel in Wahnsinnsschwüle und Verrücktenhitze - wahrlich bekloppt.
Fazit: trotz obigem Gemaule (Schwaben!) ein Klasse Marathon - mit wie wohl klar rauskam fürchterlich vielen Höhenmeter (600 oder 700?), dazu noch in unangehmer auf-und-ab-endloser-Reihenfolge - tolle Leute - wenig Zuschauer (braucht man hier nicht) - nettes Fest tags zuvor (klasse Spaghetti! aber nicht al dente) und danach im Ziel - alles preisgünstig - Sportplatz für Zelte und Wohnmobile umsonst (da wird ganz schön gesoffen: vor einem 1-Mann-Zelt lagen 10 Bierflaschen) - “ihr seht mich nie wieder!” - oder doch?
Grüzi
Schneggi
<< zurück zur Übersicht
Früherere Berichte/News:
Kommentare ...
Vergiss niemals beim Verfassen Deines Kommentars, dass auf der anderen Seite des Bildschirms ein Mensch sitzt!
Kommentar schreiben