Leipzig - Leipziger 100 km Lauf rund um den Auensee am 14.August 2004 - "Powerschnecke in Sachsen"
Jemanden, der zu Beginn des Jahres drei “Hunderter” raussucht, würde Runner’s World (RW) als “ambitionierten Läufer” bezeichnen bzw. als einen von diesen nutzlosen Vielläufern - der Beschwerdebrief an Martin Grüning, Obermacker bei RW, muss noch geschrieben werden. Also, der dritte Hunderter nach Kienbaum (glorreiche Deutsche Meisterschaften und nicht Letzter geworden) und Biel (nicht eingeschlafen und in die Büsche gelaufen wie ein gewisses Affenmännchen) - dieses Mal in Sachsen, nämlich in Leipzig. Quasseln die da so unverständlich wie in Thomas Schiebels Dräääääsden? Fast, gerade noch am Rande der Verständlichkeit ohne Lexikon oder Dolmetscher. In Leibzisch finden gleichzeitig auch die Süddeutschen und die Sächsischen und die-weiß-der-Geier-noch-für-welche Meisterschaften statt - ey ey ey, wieder die Flitzer unterwegs wegen der Meisterschaftslorbeeren - gibt’s da für Schnecken was zu holen?
Freundin Sigrid beruhigt - Zeitlimit von 12 Stunden wird bis auf 13 Stunden bei Bedarf verlängert - sie macht noch auf die Kläranlage entlang der Strecke aufmerksam - sie hat eine superfeine Nase und kennt alle Kläranlagen entlang von Ultrastrecken, wovon es einige gibt. Im übrigen fällt der Blick beim Aufblättern des frühere-Sieger-Heftchens auf 1994: Sigrid Eichner, 10:04 h - Donnerwetter aber auch.
Neulich wurde gemault, dass Untrainierte von Powerschnegge einfach so und ohne Warnung und frech überholt wurden - dabei ist Pauerschnegg selbst permanent untrainiert. Tja, wie trainiert man für einen Hunderter? In RW schrieb einst — da fällt was anderes ein: Michael Krüger, genannt Hotzenplotz, eigentlich möchte er gerne mit “Dromeus” angesprochen werden, der hohe Herr - Dromeus soll angeblich griechisch für Läufer sein, wird er aber wohl von der Speisekarte eines griechischen Restaurants geklaut haben und wird vermutlich Geschnetzeltes mit viel Knorpel und Fett heißen - Dromedar klingt sowieso viel besser als Dromeus - also Dromedar denkt, dass RW eine Bild-Zeitung sei - Dromedar ist vom Fach, er schreibt für Laufreport.de und ist ein so genannter “seriöser” Sportjournalist (denkt er) und nicht so ein Kindskopp wie Schneggi - trotzdem wurde Hotzenplotz zu Coach Dromedar ernannt, ob er will oder nicht - er wird Powerschneckerl zu neuen Höchstleistungen bringen - und wenn’s nicht klappt, wird er geschmissen werden - so ist das nun mal im Hochleistungsport, das gehört zum Business dazu - einer muß ja schließlich Schuld sein und warum nicht Hotzenplotz?
Zurück zu RW: dort schrieb mal Norddeutschlands unbeliebtester süddeutscher Läufer (knapp vor Powerschnegg), nämlich Dieter Baumann, (habt ihr die bösen Plakate alle beim Hamburger Marathon 2002 gesehen, als Dieterle lief und einging? weiß gar nicht, was ihr gegen den netten Jungen alle habt? wurde übrigens 10 km von Ulm entfernt geboren - Ulm dürfte bekannt sein und wer der größte Sohn dieser Stadt ist, gell!), dass er den Michael Sommer, amtierender Deutscher Meister in 100 km, getroffen habe und sprachlos war, wie man überhaupt für 100 km trainieren kann. Genau, man kann das nicht trainieren - somit die erste Ausrede schon gefunden. Erste Lektion von Coach Dromedar: ein erfahrener Läufer wird die Nachricht VOR dem Lauf rumgehen lassen: “hatte vor zwei Wochen ‘nen Hexenschuss, statt 150 km wurde es nur ‘ne 85 km Woche und dann Trainingstotalausfall, ohne das Missgeschick hätte ich den 3. Platz angepeilt *fasel blubber*". Der Mann kann labern, schon mal wichtig für die Präsentation, Public Relations und so.
Also auf nach Leibzisch - erst durch die Freitagsstaus kämpfen. Vor dem etwas heruntergekommenen Vereinsheim mit Turnhalle und Umkleidekabinen und Duschen etc. steht ein Motorrad aus Braunschweig (Kennzeichen BS für die Unwissenden) - das kann ja nur Manfred Iser sein - und in der Tat, er meldet sich gerade an und spricht gleich vom “Braunschweiger Duell” - nee, lieber nicht, der Mann ist zu schnell. Die Turnhalle ist klein und heiß und muffig und schon proppenvoll - nebenan gibt’s einen Campingplatz mit Blockhütten zum mieten - feudal, Riesenhütte mit zwei oder drei Betten und Miniküche und Dusche und billig - und 200 Meter vom Start - absolut klasse - zumal der Start um 6:00 Uhr schon ist.
Ab 5 Uhr gibt’s derbes Frühstück im Vereinslokal - egal runter damit - da sitzen Nicole und Thorsten “Red Bull” Themm - sonst scheint vom 100 MC niemand da zu sein - Wohltat? oder sind Thorsten und Powerschnegg jetzt einsam? Die Elite des 100 MC rennt in Kaltenkirchen, zweimal. Start ist auf der August-Bebel-Kampfbahn - Krampfbahn? noch nie auf einer “Kampfbahn” gewesen - dürfen da die Lahmen und Alten auch rauf? Die italienisch-lernende Annett Topolina Bahlcke hat sich auch angekündigt und muß noch gesucht werden. Mädchen ist clever und hat ein Hemd mit Vereinsnamen angezogen. Eine Minute vor Start wird sie entdeckt und ins Ohr geflüstert: “Parli italiano?” - “Dich hätte ich nicht erkannt - Du siehst ganz anders aus als auf dem Foto (sie meint bei Steppenhahn)!”. Seit wann kann man die bekannte Mischung aus Quasimodo und Frankenstein nicht mehr erkennen?
Los geht’s: runter von der Krampfbahn auf eine Straße entlang Campingplatz, Kläranlage (jawohl sie ist noch da, stinkt aber heute nicht), an Schrebergärten vorbei um ein paar Kurven und schon km 1 weg - über einen Kanal oder zwei, eine schwingende Fußgängerbrücke - rein in den Wald, an km 2 vorbei - große Kurve nach links (hier sind doch glatt Freunde später im Rennen so nach 60 oder 70 kms in den geradeaus-Weg weitergetrampelt, einfach Joggerinnen hinterher - ts ts ts) - lange Gerade im Wald, Schild mit km 3 - links erster großer Stand (mit Schleim, aber auch Cola, Wasser, Iso, Vielerlei zum Futtern) - Kurve nach rechts, leicht hoch, links über eine Straßenbrücke - rein wieder in den Wald, etwas matschig (später natürlich noch mehr) - unter der Straße durch (stinkt hier nach Pinkel) - nochmehr Kurven durch den Wald - links rauf auf eine Brücke, hier ist km 4 - dann eine Schleife von 2 kms auf Asphalt durch einen Art Billigvergnügungspark mit Extraschmal-Schmalspureisenbahn, die zwar öfters tutet, aber wohl nicht mehr fährt - über diese Gleise geht es öfters drüber - bei km 5 wieder ein Stand, aber nur Wasser oder Cola - hier wird die Startnummer notiert (zwecks Nicht-Bescheißen-können) - um den Auensee rum und entlang zurück zur Brück, hier km 6 - der Rest wie gewohnt zurück - also, für die Schlauen, 8 km mit Gegenverkehr, zum Auschecken der Konkurrenz und der Häschen - und für die ganz Schlauen, eine Runde mit 10 km. Auf der Krampfbahn dann Begrüßung durch ein Orginal von Ansager, Handgelenk mit Transponder an die Funkstation gehalten, Blick auf die große Zeituhr und erst mal am Verpflegungsstand verschnaufen.
Es ist schwül, aber noch nicht heiß - dafür regnet es zweimal, davon einmal in Kübeln, prima dass die Sonne dann rauskommt und es dampfig macht. Manfred wird versehentlich bei km 12 überholt - wenn das man kein Fehler war - Topolina ist spritzig unf flink - man begegnet sich ja zweimal pro Runde - Rechnen Rechnen Rechnen - nun lieber einen Zahn zulegen und nicht überrundet werden. Es gibt 50er und 100er und man blickt eigentlich nicht, wer was macht - wenn man schlau ist, bemerkt man, dass die 50er Nummern ab 500 haben, während die “richtigen Läufer” von 1 bis 200 oder so tragen.
Ein Nebenmann namens Michael wird als Hannoveraner, aufgewachsen in Braunschweig, mit einem Marathon und dem ersten Ultra (“und gleich ein Hunderter”), entlarvt - und für ca. 20-30 kms vollgelabert, was machen und was nicht machen - aber er scheint dankbar - am Ende packt er’s glänzend - tja, man muß nur den richtigen Volllaberer neben sich haben, der einen einweist. Die vierte Runde beendet und runter von der Krampfbahn, da kommt Topolina dahergesaust und beendet ihre fünfte Runde - das war knapp, nur 4 Minuten Vorsprung vor der Überrundung - zum Glück hört sie jetzt auf. Neues Ziel: wie wär’s mit einer neuen Bestzeit für 50 km während eines Laufes, man muß sich ja irgendwie motivieren - hat nicht ganz gereicht, eine Minute irgendwo vertrödelt. Topolina, schon geduscht, fragt im Zielbereich: “Ist das da drüben in Gelb der Affenzahn?” - “Nee, das ist Red Bull - Affenzahn ist nur die Hälfte von dem”. Thorsten genehmigt sich gerade eine Pause im Campingstuhl von Nicole - es läuft nicht optimal, aber er kommt sub-10 rein - ist doch super.
Nach 50 km dann natürlich das Loch - bis km 60 geht’s noch, dann der Einbruch - und schleichen, schlurfen, Ultraschlappschritt, zu lange an den Ständen, aber kein Gehen, juhu, ein Erfolgserlebnis. Manfred bewegt sich konstant 5-10 Minuten dahinter und ist weder abzuschütteln noch greift er an. Sein erster Hunderter, er will “geniessen” und ankommen und sich nicht abhetzen. Topolina fragt bei Ende der sechsten Runde: “Muß man sich Sorgen machen?”. Ey verdammt, sieht es schon so miserabel aus? Also zwischen 60 und 70 sieht es echt lahm aus - aber die zwei Liter Cola helfen, die Sache zwischen 70 und 80 wieder wett zu machen - neue Energie, Beine auseinander, längeren Schritt, Fersen hoch, Knie hoch - für diese Stunde geht’s wieder. Klar, dass das nicht anhält, und wieder Geschlurfe zwischen 80 und 90.
Der Wolkenbruch zwischen 80 und 90 weckt auf - macht aber auch gewaltig naß. Okay, letzte Motivation: kommt jetzt der Angriff von Manfred, Wettrennen der Schnecken auf den letzten 10? Von der Krampfbahn runter - wie lange braucht Manfred bis man sich kreuzt - hallo, nach 5 Minuten das Abklatschen - das macht einen Vorsprung von zwei mal fünf (er muß ja noch ins Ziel) - wo ist der Taschenrechner? Aber Manfred: “Glückwunsch schon mal!” Ach Mann, Powerschnegge hätte noch kämpfen wollen - also wieder Schlurfschlapp - nee, dann halt gegen die Uhr kämpfen - ab km 97 fährt ein Typ vom Organisationsteam neben her zum-letzte-Becher-an-der-Strecke aufsammeln und quasselt und quasselt und - er wird wohl denken, dass lahme Schnecke entweder taubstumm oder Ausländer ist - aber jetzt kommt kein Wort mehr raus außer “ja” oder “nein” - jetzt reicht’s, keine Lust mehr, nur noch hinsetzen. Übrigens Ausländer, Hugh Hunter, der Schotte im Schottenrock hoch oben beim Swiss Alpine Marathon ist auch dabei und quält sich und schleppt sich. Man muß bis 18 Uhr die letzte Runde begonnen haben - ansonsten nix mehr mit rumtrödeln.
Topolina hat sich schon vom Acker gemacht und auch die Campingstühle-Partyzelt-Szenerie entlang der Krampfbahn ist fast weg - trauriger einsamer Einlauf, aber die Anwesenden machen es mit wildem Klatschen wett - der schnellste Hunderter, ein Pole, braucht nur 7:00 h - aber es kommen noch 19 hinter Schneckerl ins Ziel - Platz 68 von 87 und neue Hunderter-Bestzeit - zufrieden glücklich lächeln Interviews geben (keiner will eins).
Duschen sind exquisit - in der Umkleidekabine fällt noch einer voll um, knallt mit den Hinterkopf auf die Fliesen - au Backe, besoffen? epileptischer Anfall? Ohnmacht? - Augen starr, nicht ansprechbar für 5 Sekunden, aber kein Krampfen und dann kommt er wieder - keine Kopfplatzwunde, Puls vorhanden, scheint okay zu sein - geniale Diagnose: wahrscheinlich Flüssigkeits (Volumen)mangel - optimale Therapie: Trinken Trinken Trinken - Prognose: kommt noch mal davon, nächstes Mal wird’s wieder passieren - hurra, wenigstens noch die gute Tat des Tages.
Jetzt nur noch dem Coach beibringen, dass es nicht so lief, wie er immer predigt: regelmäßiges Pacing, negativer Split *blahblahblah*. Aber Coach Dromedar ist gnädig und läßt sich bequatschen von wegen neue Bestzeit und schwieriger Kurs und schlechtes Wetter und überhaupt *Zunge rausstreck*
Fazit: ein schöner Hunderter - Organisation und Verpflegung und Dieses und Jenes alles prima - Unterkunft in Blockhütte ist wärmstens zu empfehlen - Strecke ist interessanter als in Kienbaum, wo man zwanzigmal rumkreist - das Gegenverkehrlaufen ist auch angenehmer - das Beste: man kennt sich allmählich und fühlt sich wie in einer großen Familie (*Schmalz trief*) - nächstes Jahr dann dort die Deutschen Meisterschaften 100 km - hoffentlich wird’s nicht zu heiß.
Grüzi
Schneggi
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