Lindau (GER) / Bregenz (AUT) - 3-Länder-Marathon am 02. Oktober 2004 - "Powerschnecke am Bodensee"

Dienstag, 5. Oktober 2004


Besser am Bodensee, als im Bodensee - aber wir waren auch auf dem Bodensee. “Drei-Länder-Marathon”: Deutschland, Österreich und a bisserl von der Schweiz. Start und die ersten 5einhalb kms in Germania, zwischendurch mal schlappe 4 kms durch die Schweiz und der Rest (32 kms) plus Ziel in Austria, als doch hauptsächlich ein Ösie-Ding, was sie aber prima gemacht haben (ausnahmsweise).

Problem: ewig weit weg von der norddeutschen Tiefebene (über 650 kms), quasi Südschweden; Lösung: Übernachtung in Neu-Ulm, wos sowieso das beste Prä-Marathon- und das noch bessere post-Marathon-Futter gibt.

Die Anfahrt nach Lindau am Sonntag in der Früh ist schon Klasse, die Sonne geht links auf, geradeaus steigen die Alpen hoch, rechts sind wellige Voralpenhügel und Berge und mitten drin das später am Tag blaue Loch, der Bodensee. Zuerst nach Lindau, um die Startnummer abzuholen. Eigentlich keine Startnummerabholungserlaubnis mehr am Sonntag, aber die Östreicher sind da nicht so pingelig und machen kein so ein Gschieß wie die Bärliner (hochdeutsch: Theater; heute gibts viel Schwäbisches und pseudo-Östreichisches zum Lesen):  man sagt, man kommt halt am Sonntag und dieser Grund ist komplett valide, wie die Östreicher-Mieze am Telefon sagt.

Auf der Lindau-Insel gibts den Rübenplatz, wo neben Rüben die Startnummern sind. Ein Plastikbogen mit Ziel drauf ist schon aufgeblasen. Ein maulender Läufer tigert durch die Gegend um halbsiebene und fuchtelt wild mit den Armen. “Keine Auschilderung! So was habe ich noch nie erlebt! Sauerei blah blah *mägger mägger*”. Der Akzent kommt einem bekannt vor, so ähnlich wie zuhause. Dann ruft er was zu seinem Kumpel rüber und klaro: “Are you Yanks” (seid Ihr verdammte Amis?)” - “Yeah, we can also run” (Ja, wir können auch laufen)” - “You’re doing the marathon?” (Lauft Ihr den Marathon) - “Nah, we run the Luxembourg in 2 weeks and I do not run two marathon in one month”. (In 2 Wochen laufen wir den Luxemburg-Marathon und wir machen nicht 2 in einem Monat). Daraufhin 20-sekündige kostenlose Fortbildung unserer liebsten Verbündeten. Yankee macht große Augen und stammelt:  “You’re a wild man, you’re a wild man! Take care!” (Du bist ein wilder Bursche, pass auf Dich auf) und der Ami-Krieger trollt sich.

Am Organisationsstand wird dann gefragt, was das denn sei: “100 Marathon Club”? Okay, gewichtige Public-Relations-Mimik-und-Getue aufgesetzt und einen 10-minütigen Kurzvortrag zum Thema “Heimat der Verrückten” oder “wie-überzeuge-ich-jeden-dass-ich-eine-an-der-Waffel-habe” abgelassen. Woa, alle Anwesenden sind sprachlos und guggen schon mal verstohlen in Richtung Notarztwagen (falls es noch schlimmer kommen sollte). “Sind noch andere 100 MCler im Computer?” - “Ja, ein Jürgen Kuhlmey”. Aha.

Erst mal aufs Klo. Diese Toiletten - alle Bärliner Organisatoren mal hier runter zum Darm entleeren. Luxus-Häuschen: erst mal, es gibt viele viele viele, also genügend; zweitens man macht die Tür zu und siehe da, einen Haken an der Tür für das Gelumpe und sonstigen Gruscht (hochdeutsch: Wertsachen und sonstiges Zeug); unter dem Haken ein Spiegel, woa - sitzt das Make-Up noch? (damit man nicht zwangsweise nach der Gesichtskontrolle in der M80 laufen muß) - weiterhin rechter Hand wie ein Joy-Stick eine Wasserspülung für die eigenen Produkte - rechts vorne ein Handwaschbecken - links ein Pinkelbecken für die Eiligen - hinten 10 Rollen Klopapier (selbst zwei Stunden später beim erneuten Besuch immer noch Klopapier da - nicht wie in Bärlin, wo man nach 2-stündigem Schlangestehen zwanzig Sekunden vor dem Start in die Kloake reinhüpft - Augen zu, Nase zu, Ohren zu - und kein Papier ist mehr da und man sieht die eigene, extra vorbereitete Packung Tempos im Geiste auf dem Armaturenbrett des Autos liegen). Also wahre Prachtstücke, diese Lindauer Toiletten - dieselben stehen in Bregenz (extra recherchiert - Laufreport.de, Runner’s World und Rumrennen-in-Köln machen das nicht! aber diese Angelegenheit ist doch wichtig, oder?) - könnte man sich glatt ein Exemplar in den Garten stellen.

Zwischen den Toiletten schleicht Heiner Clochard Schütte herum. Größe, Bart, Frisur passen, aber irgendwie etwas verjüngt (auf Kur gewesen? Familie hat ihn rausgeschmissen?). Noch mal einen Bogen machen und von vorne anschleichen: ein gut aussehender, freundlicher blickender Mann - nee, das kann nicht unser Heiner sein. Aber ein super Doppelgänger - eine feine Sache, könnte ab km 28 für das letzte Drittel übernehmen, neue Bestzeiten garantiert. Leider vergessen, auf die Startnummer zu schauen, um den Burschen weiter auszuchecken.

Der Tag beginnt glänzend und wird noch besser. Mit dem Auto nach Bregenz, wo das Ziel ist. Parkplätze genügend und 100 Meter neben dem Stadion - genial bisher. Start um 11 Uhr, noch 2einhalb Stunden Zeit. In der Kastanienallee entlang dem Seeufer zum Fährboot schlendern - wie im Urlaub. Mit dem Schiff rüber nach Lindau - herrlich in der warmen Sonne. Sebastian Schöberl, Spezi von Isar- und Spreelauf, gesellt sich dazu. Wieder Lindau, man fühlt sich wie bei einem Betriebsausflug der Marathon-Gemeinde. Ein Stand mit Getränken und Futter, schon vor dem Start - alles relaxed und lässig, null Stress, noch weniger Hektik, Laster weiter hinten für den Gepäcktransport optimal postiert und niemand quengelt, drängelt oder hat a dumma Gosch (blödes Maul).

Es gibt zwar irgendwelche Startblöcke, aber wen scherts? Die Halbmarathoner mit blauen Nummern und die Marathoner mit braunen Nummern starten gemeinsam. Der Halbmarathon scheint sich zur Frauensache zu entwicklen. Laut Ergebnislisten 17% der Marathoner, aber 32% der Halben sind weiblich. In der Tat, erfreuliche Miezen mit blauen Nummern en masse, Hunderte.

Los gehts durch Lindau, dann entlang dem Bodenseeufer auf Fahrradwegen - immer noch wie Marathon-Urlaub - a bisserl eng ist es auf den schmalen Wegen, aber wen juckts? Ab km 9 dann nach Bregenz rein - bis km 13 immer noch an der Strandpromenade entlang, am Stadion vorbei, unter schattigen Bäumen - besser wirds nimmer. Schade, die vielen jungen blauen Miezen verlassen uns alte Männer bei km 16 und laufen zurück zum Stadion - in der Tat, ein Blick nach vorne und nach hinten bei der Gelegenheit: nur Männer im besten Alter (also Richtung 40-60).

Die Gestalt da vorne bei km 17 kommt bekannt vor, mal Gas geben. “Dr. Kuhlmey” - alles guggt. “Da bist bist Du ja endlich! Wo warst Du denn so lange?”, sagt Jürgen - “Tut mir leid, war eingeklemmt zwischen unterstützungswürdigen unerfahrenen Läuferinnen, die ja von unserem ungeheuren Schatz an Erfahrung profitieren können”. Nun, jetzt mit Jürgen laufen? Der Mann weiß, wie man Pacing schreibt (und ausführt) und hat immer einen Sack an irren Stories auf Lager. Ach was, im Moment läufts und Coach Dromedar weiß sowieso nix von dem Lauf (ein heimliches Laufabenteuer, sozusagen) - folglich sein nerviges Pacing Pacing Pacing kann für den Augenblick mal ignoriert werden (aber er hat schon Recht, der Gute).

Die erste Hälfte ist definitiv die goldenere, die zweite Hälfte ist heiß und nicht so toll. Bei km 25 kommt man an den Schweizer Grenzposten - die Jungs guggen etwas kritisch, aber so sind die äbbä (eben), diese Schwiieezer. Zur Begrüßung Kuhglockengebimmel und das typisch Schwiiieezer Hopp-Hopp.

Insgesamt ist das schweizerische Interesse eher bescheiden und nach knapp 4 kms kommen wir wieder zurück an den Rhein, dieses Mal allerdings oagnähm (unangenehm) - drei kms lang hinter dem Rhein-Damm - voll in der Sonne (der Schweiß läuft bei den weniger Begabten wie Powerente - immerhin so um die 25 ̊C bei jetzt föhnigem mittelmeerblauen Himmel, wahrhaft azzurro), kein Lüftchen, schnurgeradeaus. Kurz-und-gut, es ist Zeit, den frechen Zahn zu ziehen, der da heißt “heute-kein-Pacing-volle-Pulle-voraus” - auf hochdeutsch heißt das Einbruch, aber in Grenzen, ist eben zu heiß. Anschiss von Coach Dromedar vorprogrammiert, er hats schwer, der gute Michael, läuft selbst neue Halbmarathon-Bestzeit und hat so ein “beratungsresistentes, eigensinniges” Mündel am Hals (die E-Mails werden kommen: “hey Du Oberblödian was Du mache Scheisse? - was solle Oberquatsch?- Dir nicht zu helfe”). Werner Selch und Franz Häusler, beide vom Isarlauf, überholen hier - wo kommen die denn her? eigentlich doch Flitzer!

Schade, dass der Verpflegungspunkt bei km 38 leergefegt ist - jetzt wo es entlang der Hauptstraße (die im Stau stehenden Autofahrer begaffen uns wie im Zoo) knallheiß ist - aaaaah, unnütze Minuspunkte. Zum Teil wieder gut gemacht im Ziel:  Einlauf im Stadion (immer Klasse), noch genügend Schreier, Jubler und Klatscher für das letzte Drittel, also die Schneckenbande, anwesend. Nach dem Ziel, sich erst mal auf die Tartarenbahn setzten und verschnaufa (Luft holen). Ein entzückendes Mädel der Medaillenbrigade kommt rüber und fragt, ob sie den Sanitäter rufen solle. Nee, nicht nötig, aber eine Medaille wäre nicht schlecht.

Einen Meter weiter steht Walter Wagner (von Laufreport.de) und interviewt zwei Opfer. “Hey, Walter” - ein Blick mit zwei großen Fragezeichen in den Pupillen à la “was-will-denn-der-Penner-da-auf-dem-Boden? Kennen-wir-uns-Punk?” - diese Mannheimer haben anstelle von Gedächtnis ein Sieb (so wie Coach Dromedar, auch ein Manneemer) - zum zehnten Mal getroffen, dieses Jahr allein. Egal, nächstes Mal wird er ins Bein gebissen, vielleicht erinnert er sich dann. Jürgen Kuhlmey kommt auch ins Ziel geschlendert, er sieht immer aus, als ob er keine Schweißperle vergeudet hat und ist fit wie am Start, die Bügelfalte sitzt quasi.

Immer noch Betriebsausflug und Picknick im sonnengefluteten Stadion - Bier gibts. Gleich draußen stehen die Laster, optimal, und gehts 50 Meter weiter zu den Duschen, wirklich eins-A. Baldur Buchwald und bezaubernde Gattin (der Engel vom Spreelauf) sind auch da: “Du siehst aber blaß aus”, sagt sie. Blässe, Schweißausbruch, schwummrig - ein Szenario wie jüngst im Supermarkt in Bautzen, als ein Freund kurzfristig seinen Löffel zur Verfügung stellen will - obacht (Vorsicht), erst mal hinsetzen. Die Duschen, ultraheiß, sind noch speziell lustig, da die Plastikfolie auf dem Boden dermaßen rutschig ist, dass etliche nackte Männerleiber durch die Gegend rutschen - mag zwar weh tun, aber trotzdem immer wieder amüsant.

Bestes T-Shirt:  “Ärobigs Dschogger Günzburg” (Günzburg ist eine schwäbische Stadt - wer hätte das gedacht, gell?). Bestes Poster? eigentlich werden nur zwei insgesamt gesichtet. Zweiter Platz, aber lahm und nur auf Pappe gekritzelt: “Du schaffst es!” Du? wer? Bessere Variante auf einem Olympus-Board (aha, die Kenner erinnern sich an den Hamburg-Marathon): “Willy, du schaffst es!” auch nicht viel orgineller, aber derselbe Poster-Schwinger wird an vier Stellen entdeckt - also voller Einsatz, ergo erster Preis.

Die Rausfahrt aus dem Bodenseeloch von Bregenz zur Autobahn hinter Lindau ist das übliche schöner-Sonntagnachmittag-Stoßstange-an-Stoßstange-Geschiebe - für die 8 kms schlappe eineinhalb Stunden. Bestes Auto in Bregenz im Stau: nagelneuer roter Ferrari mit extrascharfer Mieze auf Beifahrerseite (so ein Zufall?) - bestes Auto auf deutscher Autobahn: ein quietschegelber alter VW-Bus mit großen Buchstaben auf der Heckscheibe: “Ich nix Post” (bravo, spricht die Schneggi-Dromeus-Sprache, für die wir uns beim Büro für das Weltkulturerbe anmelden werden).

Mamma Schneggi hatte noch am Vortag nach den Essenwünschens gefragt: “Was willsch dänn nach däm Maradonn äsa? I hob an Sauerbrata - dozu Sämmelknedl, a Knepfle oder Schpätzla? - “Ja, gerne, alles, aber viel und Gartoffelsalad au no! Und a Flädlessupp au no!”. Hört sich nach schwäbischem Vollfress-Gelage an - wars auch, ätsch.

Papa Schneggi fängt auch an, in Sachen Marathon mitzudenken und hat die Ankündigung des 1. Ulmer Marathons aus der Zeitung geschnitten. Nun kriegen diese Ulmer Eumel endlich ihre Murmeln zusammen und organisieren so ein Gehopse - und wann? am 25. September 2005 - Leute, da läuft doch der Deutschlandlauf - Marathon muß verlegt werden - oder Ingo muß Powerschneggi einen Tag Urlaub gewähren.

Fazit: ein feiner schöner total empfehlenswerter Marathon am Bodensee - wie die Bayern zu sagen pflegen (der deutsche Teil liegt in Bayern - falls das etwaige Preussen abhalten sollte, fein, bleibt zuhause, Penner): “s passt” - ja, es passt fast alles - es ist ein Urlaubsmarathon - übrigens total flach bis auf häufige unter-die-Straße-über-die-Brücke-um-die-Ecke-rum. Kurzum, einer der schönsten Marathons des Jahres für Powerschneggi - ährlich.

Grüzi
Bis denne
Powerschneggi


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