Löningen - Vivaris Hasetal Marathon am 26. Juni 2004 - "Powerschnecke bei den Emsländern"

Dienstag, 29. Juni 2004


Vor dem Abschicken noch mal die Fakten checken. Alles war schon geschrieben, da kommt so ein kluger Ostfriese daher (ich weiß, ein Anachronismus) und meint, dass das Emsland nicht ostfriesisch sei. Willy aus Aurich, ein echter Ostfriese (da fährt nicht mal ein Zug hin): “Um Himmels Willen, mit denen haben wir nichts zu tun”. Die haben echte Probleme. Also schnell noch die ursprüngliche Überschrift “Powerschnecke bei den Ostfriesen” umändern. Was für eine Hektik. Aber jetzt geht’s richtig los:

Wochenende = it’s Showtime, it’s Marathon Time! Wohin? Zuerst einmal ob überhaupt? Es soll ja Leutchen geben, die vom Biel-Gerenne immer noch so groggy sind, dass sie jeden Abend um 8:00 Uhr auf dem Sofa einpennen, so genannte Coach Potato Snorer (= Sofa-Kartoffel-Schnarcher). Aber die Laufschuhe müssen doch gelüftet und ausgeführt werden, brauchen frische Luft.

Es gibt an diesem Wochenende die Qual der Wahl:  Stüde, ein halb-offzieller 100 MC-Marathon. Allerdings war das letztes Jahr eine mittlere Katastrophe:  Doppeldecker an einem Tag mit Kombinationswertung; aber morgens eine Wahnsinnshitze und nachmittags dann eine Irrsinnshitze. Nur die Tatsache, dass die rote Heike Heide trotz Bodenpfeile und Flatterband weiter geradeaus am Mittellandkanal entlang nach Süden Richtung Afrika und Antarktis ratterte, wo sie dann erst von Eskimos wieder nach Hause geschickt wurde, rettete Powerschnecke vor dem letzten Platz in der Gesamtwertung. Affenzahn, dieser Angeber, war in der Kombination fast 3 Stunden schneller. Aber das ist ja schon alles ein Jahr her - und wie die Engländer sagen würden: “Who gives a shit?”. Übrigens, wo ist eigentlich General Robbo abgeblieben? Schon lange nicht mehr gesehen oder gehört - da fehlt doch dann eine wichtige Pazzo-Figur im Powerschnecken-Panoptikum.

Gut, also statt Stüde dann mal was Neues, nämlich den Hasetal-Marathon in Löningen, in 2003 mit Lob überhäuft. Zuvor noch neue Latschen gekauft:  New Balance 900. Zwar erst 10 km mit den Tretern am Freitag Abend noch gezockelt, aber fein, fein, fein. Und für die Damen, die ja Autos nach dem Grad des Chic-Seins kaufen sollen: très chic, olala. Echt schnelle und leichte Gamaschen - damit könnten auch Skorpione wieder schnell laufen. Und dann noch dieser anonyme Brief mit dem Foto, peinlich peinlich. Die meisten Multimarathonmenschen bekommen etliche Fotos von Profis zum Kaufen bei horrenden Preisen zugesandt. Zumeist sieht man, da gegen Ende des Gehumpelns, ziemlich beknackt aus, wie aus dem Mülllaster gerade ausgespuckt. In diesem Brief war ein Foto VOR dem Biel-Lauf; meine Güte:  dastehen wie bestellt und nicht abgeholt, dicke Beine ("wo sind meine schönen schönen Beine geblieben"?), leuchtende Schuhe, dicker Bauch, krumme Startnummer ("wieso hat da niemand was gesagt, wie kann man 12 Stunden mit einer krummen Nummer rumrennen, auch noch in der Schweiz, wo die doch so pingelig sind"), halboffener Mund wie Doofie, Blick wie nach 72 Stunden Schlafentzug, herabhängende Schultern - und der schöne dunkle Bart ist auch ganz grau geworden ("das Alter, mein Lieber, der schlechte Lebenswandel, irgendwann muß bezahlt werden"). Es bleibt nur der Schluß, dass es sich um einen Erpresserbrief handeln muß. Bald muß die Forderung kommen: “Beim nächsten Marathon klemmen Sie 100 Euro in den Getränkegürtel und das Handy dazu. Weitere Anweisungen erfolgen zwischen km 28 und km 30. Ansonsten wird das Foto veröffentlicht. Äh, wie war nochmal die Handy-Nummer.” Und wie jetzt an das Negativ rankommen? Da muß doch ein süßer Hintern gekickt werden. Wenigstens ist hiermit die Frage beantwortet, wer im Duo Dick und Doof (alias Affe plus Power), der Doof ist.

Also, wo ist Hasetal? Ganz klar, wo die Hasen rammeln wie die Hasen eben - und die Marathonis sie dabei nur stören bzw. vielleicht noch was lernen können. Start und Ziel in Löningen, wieder mal am Ende der Autobahn. Ganz klar, Marathonlaufen bildet:  wer hätte beim Autokennzeichen-Rate-Spiel während der langweiligen Autobahnraserei schon das Kennzeichen “EL” gewußt:  Emsland! Da standen nämlich jede Menge Karrossen mit EL rum - muß man dann schon sich mal bücken und wie die Opas die Kennzeichenstempel entziffern. Noch eins neulich gelernt, das ein sicherer Gewinnpunkt wäre: WW.

Dieses Mal keine Gefahr von hinten, der Clochard aus Nordstemmen hat für den 12er in Brühl gemeldet. Während der Anfahrt noch Affenbande anrufen: “Hey, wo läufst Du heute?” - “Gar nicht, mir wurde Mittwoch ein Zahn gezogen”. War wohl der faule linke hintere Affenzahn. Am Stadtrand wird noch ein Werner aufgegabelt, der sein Auto dort parkte. Er ist Eingeborener, weiß aber nicht, wo es lang geht (oder wie die falsch sagen: “wo es her geht”). Werner ist total hippelig und hyper: “Mein erster Marathon. und Deiner?” Äh, soll man ihn schockieren und angeben? - vielleicht hilft es, wenn Tipps gegeben werden sollen, von wegen Glaubwürdigkeit und so. “Heute der achtundneunzigste.” Die Tipps nimmt er gerne an, er brennt auf die Untervier - mal in den Ergebnislisten gucken, ob er sich dran gehalten hat. Maßarbeit: 3:59:46 h.

Alles ist in Löningen prima organisiert. Aber kein Mensch da, den man kennt. Halt, diese Visage da ist doch aus dem Internet bekannt.  Mal probieren: “Hey, Holger”. Er dreht sich tatsächlich um, man kommt ins Gespräch, Holger vom virtuellen Transeuropalauf - woa, so lernt man Leute kennen, und auch noch einen Superflitzer. Später tauchen noch andere bekannte Figuren auf wie Lothar Preisler (wie immer in Totalgelb plus Gemahlin), Rolf Frank, die rote Heike und die alte Nemesis Wolfgang Weitkämpfer. Letzterer probiert es mit einem neuen Deal: “Wenn ich bei km 41 noch an Dir dran bin, lässt Du mich gewinnen - okay?” - “Klar, aber nur bei 3:59 h oder besser”. Wurde nichts draus. In der Ergebnisliste tauchen noch zwei Drittel der Wetzlar-Gang auf: Neu-100-MC-Pazzo Alfredissimo (mit Bewerbungsmappe) und der Kleine Berthold - komisch weder Alfredissimo gehört noch den Kleinen gesehen - mal wieder inkognito gelaufen, wa?

Halbe und ganze Läufer starten zusammen. Tipp:  wer brettern will, sollte sich nach vorne durchboxen (wie überall sehr beliebt), da es auf den ersten 3 bis 4 km quasi kein Durchkommen gibt - außer dem zwischen-Bäumen-und-Matschrand-sich-durchquetschen (“Entschuldigung, darf ich mal drängeln und schubsen und ein wenig in die Hacken treten, ja?”). Zudem wieder das nervige in-Phalanx-Laufen, wobei man an den stämmigen Mitgliedern des Hinterpfuiteufel-Kegler-Clubs nicht vorbeikommt. Aber dann läufts rund und zügig, bis auf wenige Passagen ein Landschaftslauf, aber zumeist auf Asphalt. Die Zuschauer sind numeriert und norddeutsch, d.h. höflich interessiert. Ausnahme bei km 16, wo für Emsländer Verhältnisse der Bär los ist: Trommeln, Conferencier mit boomender Stimme, laute Rockmusik und witziges Gelaber.

Kurz zuvor lief Powerschnecke auf sechs Damen in identischen weißen Shirts mit LT Hupsen-Pupsen drauf (oder so ähnlich) und teils mächtigen schwarzen Shorts. Jedoch sind die Damen ziemlich flott dabei, was man auch an ihren knallroten Birnen sieht (nur Halbmarathon). Na, erst mal dahinterklemmen und Windschattenlaufen (ist gar kein Wind da - leider, es ist schwül und partiell sonnig). Plötzlich die Oberquasseltante: “Alle in einer Reihe - auf Kommando dann die Welle”. Vermutlich war das der Fototermin vor dem nächsten Stand. Da wurde Powerschnecke im Windschatten entdeckt. “Was willst Du denn hier? Verzisch Dich” - “Ja, ja, ich mach schon ‘ne Fliege” -“Was bist Du denn für ein Sternzeichen überhaupt?”.  Seltsame Frage (aber manche Frauen wollen so etwas wohl gerne wissen). “Zwilling” - “Oh je, mit denen hat man ja nur Probleme!”. Alles klar, die holen mich heute nicht mehr ein.

Das Problem beim gemeinsamen Lauf der Halben und der Ganzen ist, daß man sich zum Schluß ab km 18-19, wenn die anderen mit den roten Nummern (wir hatten die blauen Nummern) zum Endspurt ansetzen, man sich mitziehen läßt und auch gerne zeigt, dass man mithalten kann. Wer läßt sich schon gerne von einer netten Kleinen mit den verdammt knappen Shorts und dem eleganten Laufstil (alles nur rein sportwissenschaftlich betrachtet) kampflos in Grund und Boden laufen. Da muß man schon dranbleiben, man ist ja schließlich ein Zwilling. Außerdem muß man auch ab und zu was riskieren - vielleicht statt “nur” wieder in der Qualitätszeitzone zu laufen (ein 10-Minuten-Bereich, zum Beispiel 3:50-3:59 h), sich wieder in die bessere 10-Minuten-Grenzzone (zum Beispiel 3:40-3:49 h) vorwagen. Die Halbmarathonzeit verspricht einiges - aber es ist zu warm und zu schwül - die Luft ist raus, das Pulver verschossen - vielleicht fehlt auch die transzendentale Motivation einer Muse und die metaphysische Inspiration einer Powerbiene, ganz zu schweigen von der physischen Präsenz einer Prinzessin. Nach dem Durchlauf des Löninger Stadtzentrums geht’s für die Halben nach rechts und für die Doofen geradeaus. Derselbe Kurs wird ein zweites Mal genossen oder verflucht.

Der Kurs ist flach, wirklich flach (nicht sauerländisch flach, wo es eigentlich wellig ist), bis auf die ersten kms, wo es zwar nur leicht, dafür aber längere Zeit etwas hoch geht. Kurioserweise steht dann da auch ein Schild “Höchste Erhebung xxx Meter”. Die schönsten Passagen sind zwischen km 2 und 4 (km 23-25) den Waldweg hinunter und zwischen km 18 und 20 (km 39-41) an der besagten Hase entlang. Übrigens wurde kein einziger tierischer Hase, weder ruhig noch rammelnd, gesichtet. Jedoch gab es einige erstaunliche menschliche Häschen. Bei km 35 zwei wirklich Irre überholt - dass es noch Verrücktere als man selbst gibt, wer hätte das gedacht: der eine im (früheren) hässlich grünen Deutsche-Fußball-Nationalmannschaft-Trikot und der andere im blauen Italia-Hemd - alle Loser beieinander.

Die Verpflegungsstellen sind reichlich vorhanden - fast zuviele, man denkt ja immer, man müßte was trinken (Wasser, Iso, Pepsi). Wenn schon die Schuldigen für den Einbruch gesucht werden, dann könnte man neben Wärme und Schwüle noch Pepsi anführen. Womöglich schlechter als Coca-Cola? Sei’s drum, ab km 32 muß gekämpft werden, aber die Ausdauer hält stand und Powerschnecke schneckelt dahin - lass die Überholer doch überholen. Schluß damit ab km 39 - ab jetzt wird gefightet. Die Frau in orange staunt nicht schlecht, als sie vorbeiflitzt und dann doch einen km später wieder kassiert wird, andere werden auch zurücküberholt - na also der Endspurt funktioniert noch - wenn erst mal die bösen Dreier futsch sind und die herrlichen Vierer auf den Tafeln stehen, dann gibt es kein Halten mehr (prima km-Markierung mit Tafeln und Strichen + Zahlen auf dem Asphalt).

Ein Highlight spielt sich dann noch in der Stadt ein paar Hundert Meter vor dem Ziel ab. Dieser letzter Teil geht wieder durch Löningens Straßen, teils Fußgängerzone, man kann nochmals schön dahinsegeln, sich in die Kurven legen, herrlich, abgesperrt mit Gittern - letzteres wäre nicht nötig gewesen, zuwenige und ruhige Zeitgenossen. Vorneweg ein weißes Hemd und ein schwarzes Hemd. Weißes Hemd brüllt: “Martin, reiß Dich zusammen, noch ein paar Hundert Meter, nu mach schon”. Martin ist dem Kollaps nahe, scheint in einen anaphylaktischen Schock zu verfallen, da helfen die komplett tätowierten Beine nicht mehr, Martin beginnt zu zittern. Weißes Hemd (möglicherweise ein Lehrer, zeigt eindeutig pädagogisches und diplomatisches Geschick): “Beweg Deinen Arsch. Nur noch eine Minute. Noch zwei hundert Meter (wie immer gelogen), zwei Kurven”. Martin torkelt und taumelt. Der Schreihals tobt weiter und bringt mit seinem Gebrüll und Gezeter die Zuschauer hinter sich, die treiben erbarmungslos an: “Martin, Martin, Martin”. Martin schafft es unter vier, stürzt auf der ChampionChip-Zielmatte. Hurra, hurra, Freibier für alle - vielleicht ist er eine lokale Berühmtheit. 409 richtige Läufer und eine Pazzo-Matto-Schnecke schaffen den Marathon insgesamt. (Schon mal hier zum Auswendiglernen die Hausaufgabe bis nächste Woche: loco = spanisch für pazzo).

Fazit:  Hasetal ist ein Superlauf, klasse Medaille, schönes T-Shirt, tolle Verpflegung, null Stress oder Hektik dank einwandfreier Organisation, Toiletten en masse, heiße Duschen im kostenlosen Freibad, alles zusammen auf engen Raum - Vorsicht, möglicherweise ein paar skurrile Typen unterwegs auf der Strecke (wie PS oder noch schlimmer). Empfehlenswert (aber nur, wenn es nicht heiß oder schwül ist) - auch geeignet für Nicht-Zwillinge.

Grüzi - bis demnächst - wem`s nicht passt, muss es nicht lesen
Powerschnecke


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