Menden - Internat. Menden Marathon am 20.06.2004 - "Powerschnecke im Sauerland - Prinzessin müde, Clochard noch müder" - Bericht von Hans Drexler
Was macht man in der Woche nach Biel? Runner’s World, die selbsternannte Bibel-ebenbürtige Laufzeitschrift, würde schreiben: 5 Monate kein Bein bewegen und 7 Monate nicht mehr laufen und nach 2 Jahren unsere Trainingspläne erst mal lesen. Wir Verrückten machen was wir wollen - nämlich einen Marathon laufen - wat denn sonst? Selbst hartgesottene Sympathisanten wie Prinzessin Biene dachte in Biel: “Nächste Woche schon wieder einen Marathon? Die haben nicht alle auf der Reihe!”. Wissen wir schon, sind wir stolz drauf. Aber dann wurde die Prinzessin doch neugierig und wollte wohl mal sehen, wie das so ist “auf der anderen Seite”, jenseits der gepredigten und vielgepriesenen und ach so normalen Marathon-Läufer-Mentalität, die mit dem “gesunden Menschenverstand” (das ultimative Standard-Totschlagargument für jede weitere Diskussion: “das kann ja nicht gesund sein!” - Powerschnecksche Standardantwort: “ Heute morgen schon in Spiegel geschaut? Soll’n wir mal sehen, wer zuerst im 5. Stock ist?”). Und siehe da, Biene hat es überstanden, ihr hat es gefallen: “welcome to Crazyland” (dem Paradies der Multimarathonläufer).
Also auf nach Menden - kommen alle Biel-Veteranen mit? Prinzessin: “Ich habe keine Ahnung, wo Menden überhaupt liegt! und wieso Menden?”. Absolut jeder fragt: “Menden, wo ist denn das?”. Menden liegt hinter Pfuiteufel im Sauerland, da wo die Autobahn aufhört - Uli Alte Socke Schulte kennt sich da aus, hat aber gekniffen. Viele haben sicher schon die gelben Hemden mit MCM drauf gesehen; das ist weder eine Hollywood-Filmgesellschaft noch irgendetwas Lateinisches (wie Tausend - Hundert - Tausend - was soll das auch sein?), sondern bedeutet Marathon Club Menden. Affenzahn mußte unbedingt wieder zum Oderbruch-Marathon, wo er immer gut läuft und bei einer Handvoll Teilnehmern auch mal ganz vorne liegen darf - und mal nicht den heißen Atem von Powerschnecke im Genick spürt. Ein Horst aus Iserlohn hatte Powerschnecke in Kapstadt vor, während und nach dem Two-Oceans-Marathon so lange von “seinem” Marathon belabert bis es kein Entkommen mehr gab: “Da mußte hinkommen, Topveranstaltung, Topläufer, Preise für alle Finisher, Kuchen für alle im Ziel “ - oder so ähnlich.
Menden liegt weit weg von Braunschweig und daher schon mal wieder zu früh aus den Federn raus, Zündhölzer unter die Augenlider klemmen und nach Gefühl über die Autobahn düsen. In Menden ist es sehr heimelig, sprich klein und überschaubar. Anmeldung im Rathaus. Beim Suchen-und-Finden gleich über einen Typ aus Unna gestolpert: “Wo kommst Du denn her? Was, aus Braunschweig, da bist Du ja Tage unterwegs!”. Äh, haben die hier auch Autos und elektrisches Licht und Toilettenspülung? - “Wie schnell laufste denn?” - “Keine Angst, ich hab hier ein Diplom als zertifizierter Langsamläufer - aber damals hatte ich mich verstellt, ich kann noch viel langsamer.” Hoppla, im Rathaus gibt es zwei Toiletten, mit Papier und Spülung.
Beim Zurücktapsen zum Corsa-Ferrari schleudert sich ein schnieker 5er BMW auf einen reservierten Behördenparkplatz. Kommen mit verdammt viel Elan zwei Yuppies raus und rufen zu Powerschnecke: “Kann man hier heute ausnahmsweise parken? Wir sind hier für den weltberühmten Marathon”. Powerschnecke: “Kein Problem. Kriege ich aber 10 Euro dafür - stelle ich euch einen Zettel aus.” Springt Prinzessin Biene aus dem Kofferraum: “Hey, den Penner kenne ich. Gebt dem nicht mal die Hand, diesem Aasgeier. Vorsicht, der ist gefährlich. Wir sind das Urvolk aus dem Westerwald, die letzten Reste der Neanderthaler, wir zahlen nie nichts.”
In dem Moment kommt ein grüner Van etwas widerwillig auf dem Parkplatz zum Stillstand, heraus fällt Heiner Clochard Schütte, noch in Trance. “Heiner, schon mal einen Kamm gesehen?” - “Kamm, was ist das denn schon wieder?”.
Die dramatische Frage der Farbe des heutigen Laufshirts muß noch ausdiskutiert werden: “Hey, Biene, schwarzes, blaues oder weißes Hemd heute?” - “Rot!”. Kann es sein, daß Frauen manchmal einfach nicht zuhören? Biene muß noch Laufschuhe kaufen (“das kann dauern”, sagen alle umstehenden Männer), hat schon mal das T-Shirt innen-außen-verkehrt an und die Laufuhr vergessen, muß erst mal einen Kaffee trinken, die vorhandenen Männer auschecken und sucht den Schminkraum - ein normaler Frauenmarathonalltag also.
Man trifft sich in Menden: HaJo Eisenmeyer, Jürgen Kuhlmey (mit dem Fallschirm abgesprungen), Harmut Feldmann, Dieter Merker, René Timmermann, und andere bekannte Ganoven. Horst Preisler rennt mit total dickem Bein nach Thrombose durch die Gegend (“ich habe das im Griff, ich kann das”). Prinzessin muß sich nochmals umziehen und läuft mit Halbjacke - erst mal an ihr dranbleiben. Die ersten kms sind zwei Runden ums Karre im Zentrum bevor es in die Wildnis, also raus aus der Weltstadt in die Felder geht. Der Clochard kommt von hinten. “Was willst Du denn hier?” - “Dir in den Arsch treten” - “Vorsicht, hier ist eine Dame”. Entweder akzeptiert er sie nicht als solche oder kennt er das Wort auch nicht, er pöbelt weiter. Nach 10 kms dann in die “Berge” - flache Strecke steht in der Ausschreibung, aber für Sauerländer heißt flach vermutlich wellig. Clochard und Prinzessin müssen unbedingt die Qualität der Brenneseln testen und sich ihre Örtchen finden: “Auf Euch kann ich nicht warten - man wird sich treffen”- in der Tat, da es einiges an Gegenlaufverkehr gibt und das Ganze fast zweimal. Es ist schon ziemlich wellig und auf dem Rückweg verdammt gegenwindig - zum Glück gibt es überall Coca-Cola.
Wer denkt, dass er hier superbescheißen kann, hat nicht mit den Strichelesmachern an den drei Wendepunkten der Gegenlaufstrecken gerechnet. Bei Halbmarathon (muß man sich zwischen 21 und 22 irgendwo auf der Straße denken) kommen Prinzessin und Clochard auf der anderen Seite entgegen (die sind bei km 19) und fordern zum mitlaufen auf (“wir brauchen Unterhaltung und einen Hasen”).
Eine flotte Läuferin (Schnelligkeit und sonst auch) gesellt sich dazu. Powerschnecke: “Hey, nicht nur in den Boden glotzen, nach vorne gucken. Warum machst Du so kleine Schritte?” - “Weil ich so kurze Beine habe, Dösbaddel”. Ähm, mh, Fettnapf, Zeit für eine Pinkelpause. Und dann wieder ranpirschen an die Süße.
Aber wie verhält man sich beim Marathonlaufen neben, vor oder hinter einer Frau? Davor ist nicht gut, da kriegt man immer solche Kommentare: “knackiger Hintern” oder “das haben wir auch schon mal schneller und eleganter gesehen”. Außerdem ist man ständig der Gefahr ausgesetzt, überholt zu werden. Welcher gesunde Macho und Chauvi will denn so was? Also daneben - oder? “Siehst Du die da drüben. Also das Stirnband und die Socken passen doch überhaupt nicht zusammen, was für ein Geschmack? Und die mit ihrem nachgemachten Gucci-Schweißband, vulgär. Und dann hat Frau Müller zur Frau Meyer gesagt, daß die Schulze erzählt hat, daß die Schmidt .... Guck mal da links, die ist ja bestimmt zwei Jahre älter als er, igittigitt ....”. Kaum zum Aushalten. Also dahinter? Aber irgendwohin muß man doch gucken - womöglich zufällig auf eine wohlgeformte Rückseite. Sofort ist die Emanzenpatrouille hier: “Erwischt, Du Sittenstrolch. Wo hast Du wieder hingeschaut?” - “Bestimmt nicht auf Euren Hintern, Ihr Weiber” - “Sag Du noch einmal Weiber, und Du wirst offiziell entmannt” - “Macht nichts, kein Problem, nähen wir wieder an - schon fünfmal gemacht. Gib schon mal Deine Schnürsenkel und zwei Sicherheitsnadel Deiner Startnummer her!” - “Und funktioniert dann wieder?” - “Finger weg. Ich brauche die Energie und Blutversorgung in den Beinen.” - “Wo kommst Du denn überhaupt her, Du sprichst so komisch?” - “Aus Braunschweig, aber da bin ich im Exil, ich bin aus Ulm” - “Ach Braunschweig in Schleswig-Holstein”. Schielender Blick zur Seite, ob blond - nee, nicht blond - solche Geographiekenntnisse und Blondheit passen nicht zusammen. Fragt die zweite Emanze, die ein umgekehrtes Fragezeichen auf der Hose trägt: “Biste verheiratet oder so?” - “Wieso willst Du das denn wissen? Kriege ich dann weniger Prügel von Euch? Was bedeutet das umgekehrte Fragezeichen?” - “Mann, bist Du doof. Das heißt Sparkasse und der Punkt ist das Geld, das Ihr Trottel uns gebt und nie mehr wiederseht. Wir sind Bänker!” - “Bänker? Euch gehört eine Bank? Ach so, Ihr seid Bankangestellte, süße Schaltermäuse.” - “Vorsicht, gleich knallt’s!”. Nichts wie weg hier - nur Probleme mit den Frauen heute - die können einen schon mal aufhalten.
Ab km 23 dann auf einem Fahrradweg entlang dem Flüßchen und später echten Bahnschienen zurück auf die erste Runde in den Feldern. Hier klemmt sich eine Klette dran an Powerschnecke - schneller laufen, langsamer laufen, vorbeiwinken - Klette bleibt Klette - aha, jemand möchte hier von der Erfahrung des versierten Vielfachläufers profitieren - oder den Windschatten ausnutzen. Nach 4-5 kms dann angequatscht - vielleicht ist er ja ein Riesenschlappohr und man muß ihn loswerden. Nee, es ist Bodo, der Radrennfahrer aus dem Nachbardorf, der zuviel Oberschenkelmuskulatur hat und nur mal so einen Marathon läuft: “Durchkommen ist alles, nur nicht blaß irgendwo in der Ecke liegenbleiben.” Was hat der denn für Vorstellungen?. Und trainiert natürlich nie - genauso wie Prinzessin Biene. Was sind das alles für Talente? Deprimierend. “Hey, Ihr seid noch gut drauf, Ihr könnt ja noch miteinander reden”, ruft der Typ am Stand von km 30. Aber die Leute im Sauerland sind nicht sauer, sondern reden sehr gerne. Na dann mal los, Bodo, ab 30 km machen wir Marathonläufer den Endspurt. Er brettert los - und hält durch. Nicht schlecht für einen Radfahrer.
Biene wirft im Gegenverkehr mit nassen Schwämmen: “Von wegen Schnecke und so!”. Biene ist müde, aber kämpft und hält laufend durch - das kommt von zuviel Talent und zuwenig Training. Wo ist der Clochard geblieben? Heiner schleppt sich dahin und geht - zuviel Talent, zuwenig ... “Meine Oberschenkel, meine Oberschenkel” - “Keine Sorge, sind noch dran. Habe jetzt keine Zeit. Lehrer stehen sowieso nicht auf meiner Reanimationsliste”.
Die Werbung schreibt: “Ideal als erster Marathon. Hier werden Sie wie ein Sieger empfangen”. Stimmt - im Ziel wird jeder einzeln begrüßt und vom Sprecher ausgiebig bejubelt: clevererweise sitzt vor der letzten Kurve, noch 200 Meter, eine Frau, die per Walkie-Talkie die Nummer der Eintrudelnden ansagt. Powerschnecke sitzt da nämlich und wartet auf die Prinzessin und den Clochard - letzterer muß dann doch alleine ins Ziel kommen. Im Zielraum, so etwas wie der Rathausplatz, ist es gemütlich, mit Holzbänken- und Tischen, Bier und Kuchen - das Ziel ist voll im Blick, man kann sich über jeden neu Eintreffenden köstlich amüsieren (“nee, so komme ich aber nicht daher”).
Fazit: kleiner (197 Finisher), aber feiner Marathon; ein wenig in der Stadt, zumeist draußen (“kann verdammt heiß werden zwischen den Feldern”, wurde schon mal gewarnt); viele Leute, die man kennt; Freibier und Bierseidel (“hey, mir wäre eine Medaille aber lieber”); spitzenmäßige Duschen (“wir, das Urvolk aus dem Westerwald duschen nie - wir müssen jetzt abfahren und in unsere Höhlen zurück”) und Mini-Preise für Kuchen, Kaffee, Meldegebühr, etc.; kein Stress, keine Hektik. Man kann einen schönen Marathon nach Biel laufen. Die Biel-Überlebenden Powerschnecke leicht müde, Prinzessin Biene müde, Clochard sehr müde - aber alle zufrieden und fast glücklich. Wat willste mehr?
Grüzi
Powerschnecke
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