Michele Rizzitelli: „I Miei Primi 60 Anni“ (Meine ersten 60 Jahre)
Unser 100MC-Mitglied Michele Rizzitelli aus Barletta, Italien (etwas oberhalb von Bari am Stiefelabsatz, wer nachguggen möchte) wurde 60 Jahre alt. Er schrieb dazu ein paar Gedanken nieder: er sei nun 60 und da er 120 zu werden gedenke, sei er jetzt genau in der Mitte, also quasi bei Halbmarathon. Viel Vergnügen beim Lesen.
Anmerkung: Michele schreibt ein wunderbares, poetisches Italienisch. Alle ungelenken grammatikalischen Verrenkungen, holprigen Passagen und klumpsigen Redewendungen sind ganz allein das Versagen des unbegabten Übersetzers, muhahahaha. Wer Lust hat, kann am Ende von Micheles Artikel noch ein paar Laberzeilen von Schneggi lesen.
Grüzi
Schneggi
Michele Rizzitelli mit Startnummer 61 am 7. Juni 2002 beim Mara in Scandiano, in der Nähe von Modena, Italia.
Meine ersten 60 Jahre
Es war Jürgen Kuhlmey, der mich mit seinem Geburtstagsglückwünschen daran erinnerte: Ich bin jetzt 60 Jahre alt! Also befinde ich mich „in der Mitte unseres Lebensweges“, da ja 120 Jahre das maximal erreichbare Limit sein sollen. In der DNA soll man in der Tat lesen können, dass und wie wir für diese Schwelle, und auch für Tumoren, Infarkte, Atherosklerose, Parkinson, Alzheimer und verschiedene Unfälle vorprogrammiert sind. Ich wünsche mir, dieses Ziel erreichen zu können - umso mehr als, wie bei allen Läufern, „meine Papiere in Ordnung sind“: zahlreiche Mitochondrien, optimale Enzymaktiväten und reichlich Myoglobin in der Muskulatur; perfektes HDL zu LDL-Verhältnis; ausreichende Mengen an Lipiden; schüchterne und impotente freie Radikale; unschätzbare Reserven von Glykogen in den Muskeln; prima oxigeniertes Gehirn; mit den gegebenen Fähigkeiten wie Sensorik, Koordination, Konzentration, Orientierung, und Gedächtnis komme ich glänzend zurecht und voran.
Vor dreißig Jahren habe ich begonnen, diese ganzen metabolischen Prozesse zu aktivieren, als die Abteilungen des Krankenhauses, in dem ich arbeitete, es wagten sich gegenseitig in einem Fußballturnier herauszufordern. Bis zum Gymnasium hatte ich jeden Tag mit dem Ball gespielt, an der Universität seltener, einerseits ein wenig weil das Medizinstudium - in der Tat zwar wenig Intelligenz - aber doch viel Zeit erforderte, um die voluminösen Bücher durchzuarbeiten, und andererseits weil ich als Pendler viele Stunden in Zügen verbrachte. Nach dem Staatsexamen, so machte ich mir vor, würde ich Zeit für den Sport finden: jedoch kapierte ich ziemlich schnell, dass ich gar nichts gewonnen hatte, und dass zwischen Krankenhaus, Facharztausbildung, Fortbildungsveranstaltungen und privater Praxis keine Zeit mehr für sportliche Aktivitäten übrig blieb. 5 Jahre nach dem Abschluss des Studiums fand ich mich mit zurückgebildeten atrophierten Beinen und Kurzatmigkeit wieder. Da ich mir nicht den Luxus des Trainings mit den anderen Kollegen erlauben konnte, dachte ich, dass ich mir wenigstens durch Laufen etwas Muskeltonus geben sollte; und um die Lungen etwas glücklicher zu machen, unternahm ich einige Läufe allein. Meine Orthopädie-Abteilung beendete dieses Fußballturnier auf dem letzten Platz; aber das Laufen lag mir von nun an am Herzen.
Sonntags lief ich allein weg von der Stadt auf einer von Pinien gesäumten Straße, die nach 6 km zum Hügel von Cannae führte; von dessen Gipfel erspähte Hannibal einst den plebeiischen Konsul Gaius Terentius Varro, der am diesem Tag das römische Kommando innehatte und bereit war, die Schlacht aufzunehmen, und rief aus: „Dieser Sohn eines Müllers ist gefallen!“. Er dankte den Göttern, dass alles wie geplant unter den besten Bedingungen abgelaufen war. An jenem heißen Augusttag im Jahre 216 vor Christus gab es keine Rettung in der Falle der Karthager für Tausende gefallener römischer Soldaten; und es ging kein Tag vorüber, an dem nicht die Römer diese entsetzliche Niederlage verfluchten und wütend eine Revanche forderten, die sie an einem kalten Herbsttag 14 Jahre später bei Zama erhalten sollten. Auf dem Gipfel angekommen, umfasste ich mit dem Blick unter mir die ganze Ebene, von der der feierliche Atem der großen Geschichte mir entgegenwehte: ich vernahm das Kreuzen der Schwerter, die Schreie, die Wehklagen und das Winseln, während der Fluss Ofanto, der einzige überlebende Zeitzeuge, langsam seinen Lauf ins Meer weiterführte.
Hier ging ich hin, um meinen Geist und Körper nach einer stressigen Arbeitswoche wieder zu kräftigen. Entlang dem Straßenrand sah ich die Blumen, wie sie aufblühten und dann verwelkten. Im Herbst brach der Bauer die ausgetrocknete Erdscholle auf und säte das Korn aus, im Winter transformierten sich die Felder in riesige grüne Teppiche und im Sommer verfärbten sie sich gelb, das in den Strahlen der Sonne stärker als Gold leuchtete und die Augen blendete, während in der Ferne die Mähdrescher pausenlos im unaufhörlichen Rhythmus ihres schrillen Klanges arbeiteten. Ende September war die Weinernte schon voll in Gange, angekündigt vom süßlichen Geruch des Mostes, der aus den mit Trauben gefüllten Bottichen quoll. Ein leichter Dunst drückte im November ein wenig auf die Seele, aber sie wurde wieder während der Ernte der Coratina (Olivensorte) „hochgezogen“, da diese Ernte per Hand die Luft mit intensiven Duft erfüllte. Es folgte das Beschneiden und die Nase wurde vom beißenden Geruch der Olivenzweige stimuliert, die noch grün verbrannt wurden. Vom Hügel herab war die sich laufend verändernde Aussicht über diese Ebene namens Tavoliere spektakulär. Im Sommer floss der Fluss Ofanto zahm und fügsam wie ein Lamm, im Winter stürzte er sich wie ein wild gewordener Stier in die Adria. Ich konnte klar den Ort erkennen (dort liegt ein Bauernhof), wo einer der beiden römischen Konsule, der Patrizier Lucius Paulus Emilius, sich in die Schlacht warf, um sich im Kampf töten zu lassen; hätte er überlebt, hätte er dem Senat vom unvorsichtigen Vorgehen des zweiten Konsuls berichten müssen und über einen römischen Konsul durfte man ja nur Gutes sagen. Die Ebene, letztendlich, verlor sich im Golf von Manfredonia, der seinerseits vom Promontorio del Gargano definiert wurde.
Ich glaube, dass ich der erste und einzige in meinem Umfeld war, der auf Landstraßen lief, nur um des Vergnügen des Laufens willen, während alle anderen auf der Bahn mit der Stoppuhr in der Hand rumkeuchten.
Einige Jahre später erfuhr ich von der Existenz von regionalen Wettkämpfen, und so lief ich sonntags nicht mehr nach Canne della Battaglia. Die historischen Zentren von kleinen Städten, die ich ansonsten nie kennengelernt hätte, wurden die Stätten meines Interesses. Noci, Cisternino, Alberobello, Locorotondo, Conversano etc. entzückten mich mit ihren engen und gewundenen Sträßchen, dem Geruch der Fleischsoßen, der aus den Häusern strömte; vor den Türen zu diesen Häusern saßen an Tischchen die alten Mütterchen und formten geschäftig mit geschickten Händen die „Strascinati.“
Das große angestrebte Ziel war der Marathon, der zu der Zeit in meinen Augen ja mythisch war, der wie es hieß aufrieb und für wenige reserviert war, und gerade deswegen für mich so stimulierend war. Es passierte plötzlich, unerwartet, zufällig, aber trotzdem großartig und aufregend. Der Monat Oktober in 1986 ging gerade zu Ende, als ein Kamerad, der zum Marathon nach New York abreisen sollte, verzichten musste. Wenn ich ihn vertreten würde, würde man auf jeden Fall eine Startnummer für mich finden, so wurde mir versprochen. Ich dachte keine Sekunde drüber nach, obwohl ich gerade die 10 wöchentlichen Kilometer in den Beinen hatte. Am Tag vor der Abreise lief ich 25 km, was seine Wirkung auf meine rechte Wade hatte, die solche Distanzen nicht gewohnt war, und was mich daran hinderte nach der Ankunft im Big Apple zusammen mit meinen Reisegefährten im Central Park zu trainieren. Unter diesen Voraussetzungen und disaströsen Bedingungen kam ich am 2. November 1986 zu meinem Marathon-Debüt, und gleich beim berühmtesten Marathon der Welt. Auf der Startnummer war nicht mein Name geschrieben, sondern der eines gewissen Vizzini und auch seine Zeit: 2 h 24!
Unerfahren und verwirrt in dieser Masse an Athleten reihte ich mich nicht unter die Top-Läufer ein, was mein „Recht“ gewesen wäre, sondern in die letzten Reihen, die eher zu mir passten und wo mich alle wie einen Außerirdischen anguckten, was mich noch mehr einschüchterte. Ich erwartete mit Beklemmung den Kanonenschuss, der mich aus dieser lästigen Situation rettete: in Bewegung war ich einer von vielen Läufern, ohne dass aller Augen sich auf mich richteten. Als der Himmel von diesem befreienden Knall zerrissen wurde, richtete ich den Blick auf eine junge, hübsche und schlanke Läuferin, und ich blieb viele Kilometer an ihrer Seite, allerdings in einem Schritttempo, wie es für mich eigentlich verboten hätte sein sollten. Zickzack laufend überholte ich Konkurrenten ohne Ende. Mir schien, als ob ich in einem riesigen Meer schwamm und mit jedem Kraulschlag ging ich an Dutzenden Läufern vorbei. Diese verrückte Rennerei dauerte 25 km, die ich in einer Zeit durchlief wie ich sie nie mehr in meinem Leben wiederholen konnte. Dann aber, auch weil ich psychologisch durch die Tatsache blockiert wurde, dass ich noch nie eine längere Strecke je gelaufen war, fing meine Krise an und ich begann Meter um Meter auf die Engländerin zu verlieren, die ohne den geringsten Gruß weglief.
Ich durchlitt die Höllenqualen der Leidenschaft im zweiten Teil des Marathons, und all diejenigen, die ich hinter mich gebracht hatte, bekamen jetzt ihre Revanche und überholten mich in ozeanartigen Wellen. Ich wurde von der Panik ergriffen, dass ich Letzter werden könnte, und drehte mich oft nach hinten um, im irrwitzigen Wahn, dass die Ambulanzen erscheinen würden: Letzter! Was für eine Blamage! Die Müdigkeit und die nicht gute Verpflegung trugen dazu bei, mir den Appetit zu verderben, mir gelang es auch nicht, dieses eiskalte Wasser an einem kühlen und regnerischen Tag zu trinken. Und ich drehte mich immer noch dauernd nach hinten um ... Der leichte Anstieg auf den letzten Kilometern war schwerer als der vom Monte Calvario, aber jetzt war wenigstens alles überstanden und ich beendete meinen Leidensweg in 4 Stunden und 21 Minuten.
Nachdem ich meine Kräfte und Sinne wiedergewonnen hatte, sah ich beim Gang zum Hotel, dass noch eine Unmenge an Konkurrenten im Wettbewerb waren, und erst da konnte ich über meine Angst, Letzter zu werden, lachen. Im Grunde genommen hatte ich mich gar nicht so schlecht in diesem meinem ersten Marathon und auch noch ohne Vorbereitung verkauft: 13.000 waren vor mir gewesen, aber auch gut 7.000 hatte ich hinter mir gelassen! Zum ersten Mal war ich versucht, auf mich selbst stolz zu sein, aber dann wurde mir bewusst, dass ich einfach meine „Pflicht“ getan hatte, den Lauf zu Ende zu bringen. Mein Name erscheint nicht in der offiziellen Ergebnisliste dieses Jahrgangs, und das ist kein Problem für mich (die Medaille schenkte ich sogar meinem kleinen Neffen), aber die 42 Kilometer, die bin ich bis zum letzten Meter gerannt, und mit gutem Recht erscheint dieser Lauf als erster auf dem Curriculum aller meiner Läufe. Soll er etwa ausgestrichen werden?
Ich machte weiter mit den wöchentlichen Läufen. In 1994 ergriff mich die Sehnsucht nach New York und ich kehrte dahin zurück: am 30. Oktober lief ich la Maratona di Acquaviva delle Fonti und am 6. November die 25. Ausgabe des Marathons im Big Apple. Alle erklärten mich für verrückt, weil ich zwei Marathons innerhalb von 7 Tagen gelaufen bin. Aber sie irrten sich alle, weil es waren ganz einfach die ersten Symptome einer Verrückheit, die in eklatanter Form erst einige Jahre später voll florieren sollte. Ich habe nicht die Absicht, mit der Aufzählung von 330 Kapiteln dieser Krankheit (so viele sind es an Ultras und Marathons, die ich bis zum Ende gebracht hatte) zu langweilen. Mir liegt nur am Herzen, die finale Schlussfolgerung so auszudrücken: ich bin stolz darauf, Mitglied im Club dei Supermaratoneti in Italien und des 100 Marathon Clubs in Deutschland zu sein, also zu Leuten zu gehören, deren Gemeinsamkeit die Leidenschaft ist, Kilometer zu fressen.
Und hier bin ich nun, die 60 erreicht, gerade zu Beginn der zweiten Hälfte des Ultramarathons meiner irdischen Existenz und mir geht nicht mal für eine Sekunde der Gedanke durch den Kopf, etwas sachter zu rudern, weil nämlich alle Voraussetzungen mein Leben noch intensiver zu leben gegeben sind. Das ist ein Lebensalter, in dem die Angelegenheiten in Sachen Familie gut geordnet sind, die beruflichen Aktivitäten haben ihren Gipfel erreicht und die finanzielle Situation ist stabil und sicher geworden. Um diese Ziele zu erreichen war ich gezwungen gewesen, all das, was die anderen wollten, was ich tun sollte, in der Tat zu machen: die Wünsche und Empfehlungen der Eltern in die Praxis umzusetzen, unnötigen Lehrstoff bei nervigen Professoren zu studieren, als freischaffender Akademiker zwischen den eigenen Ideen und den Anforderungen des Marktes durchzuschlängeln, im Krankenhaus mich an diskutierbare Situationen anzupassen, um meine Ruhe zu haben. Nur mit dem Rest meiner Zeit habe ich gemacht, was mir gefiel. Aber die Situation ist jetzt auf den Kopf gestellt, und es ist der Moment gekommen, das zu ernten, was ich in meinen ersten 60 Jahren gesät habe. Alles hängt jetzt ganz allein von mir ab, und ich hätte keine Ausreden mehr, ich sei nicht in der Lage, am Kassenschalter abzukassieren.
Als erstes möchte ich nicht, dass man mir Glückwünsche zukommen lässt, um so weniger soll man erwarten, dass ich das Leben feiere, das ja weitergeht: welchen Sinn hätte dies! Für die Schönheitschirurgen bin ich kein gutes Geschäft, weil ich nämlich keinerlei Absicht habe, das ewige Fortschreiten der Zeit mit ihrer Hilfe aufzuhalten. Die einzige schönheitschirurgische Maßnahme wird die Haare betreffen, ich rasiere sie komplett ab, um die weißen Haare zu verstecken. Das ist ein modischer Look, mit dem ich mich wohlfühle: ich fühle mich sauber und gepflegt, männlicher und aerodynamischer. Ich hasse Haarsprays, Färbemittel, Haartransplantate und Perücken. Ich möchte, dass mein Gesicht die Wahrheit zeigt, und die Falten sollen nicht die Dekoration zu einem heldenhaften Leben in der Vergangenheit sein, sondern die frischen Narben eines Kriegers, der immer noch in die Schlacht zieht.
Sicher werde ich ein Lifting machen lassen, aber eins der Ideen. Ich schaue niemals nach hinten, um über etwas nachzutrauern oder mich retrospektiv über etwas zu freuen. Es ist üblich, in diesem Alter, ein Fazit zu ziehen, die angenehmen Momente wie in einer Parade vorbeimarschieren zu lassen, von Erinnerungen zu leben, die natürlich rückblickend viel leuchtender erscheinen, weil der Staub der Zeit die Schattenseiten überdeckt hat. Ich will nicht von Erinnerungen und ihren nostalgischen Untertönen leben. Man sagt, die Saiten der Vergangenheit zu zupfen würde die Poesie stimulieren, aber ich habe überhaupt kein Interesse daran, mich von der Melancholie vergangener Zeiten inspirieren zu lassen: es ist eine dekadente Poesie und riecht ein bisschen nach Grab. Ich werde hingegen den Blick nach vorne richten und von neuen Zielen träumen. Für die nächsten 60 Jahre werde ich weiterhin Hauptdarsteller und nicht nur Erzähler meiner menschlichen Ereignisse sein. Es ist die Poesie des Lebens, die aus zukünftigen Abenteuern heraussprudelt, die mich erregt, nicht die, die langsam und voller Mitleid dahinfließt, oder schlimmer noch, die die Angst vor dem Ende verbreitet.
Kurz und gut, am Scheitelpunkt meiner Lebenskurve angekommen, möchte ich es maximal auskosten, Tag für Tag es genießen und Spaß haben, auf eine vernünftige riskante Art. Ich werde Bacchus, Tabacchus, Venus und Minerva um Ideen bitten. Diesen zweiten Teil meiner irdischen Existenz möchte ich im Geiste des Dionysios leben, und nicht im Sinne von Apollo wie ich den ersten Teil verbracht habe. Unsere Kultur ist verkehrt herum aufgebaut: während der ersten 60 Jahre sollte man frei, begeistert, überschwenglich und berauschend sein; in den letzten 60 Jahren sollte man ernsthaft, gemessen, würdevoll, den Regeln folgend, und engagiert im Beruf und in der Schule sein. Ich reiße mich los von den Fesseln der Konventionen, und ich werde meine Rache zu nehmen wissen.
Meine Leidenschaft des Amateurläufers spiegelt die gleichen Einflüsse wieder, die auch meine andere Daseinsentscheidungen steuerten. Ich werde es als vergeudete Zeit ansehen, im Geiste schon gelaufene Läufe nochmals durchzugehen, sondern ich werde davon träumen, die Nove Colli, den Spartathlon, den Badwater undsoweiter zu realisieren. Bei den einzelnen Wettkämpfen werde ich den Blick strikt geradeaus richten, um den, der vor mir ist, zu versägen, ich werde mich nicht umdrehen, etwa aus Furcht eingeholt zu werden. Ich werde immer ganz hinten starten, langsam und gemächlich, weil ich das Aufwärmen vor dem Wettkampf, das mich zwingt, ohne ein definiertes Ziel hin- und herzulaufen, einfach nervig finde; solch ein Start erlaubt mir zu überholen, ohne überholt zu werden. Das Versägen, so bei ungefähr kms 30-35 von Dutzenden an fertigen und erschöpften Athleten, während man selbst frisch wie eine Rose ist, ist ein einzigartiges Vergnügen, das für den reserviert ist, der ganz hinten am Ende losläuft.
In Wirklichkeit weiß keiner von uns, was die Zukunft für uns auf Lager hat, und wieviel von dem oben Geschriebenen gehört ins Reich der Sehnsüchte, wenn nicht sogar der Illusionen. Man hofft auf ein langes und würdevolles drittes Alter, aber eins das nicht zu unterschiedlich ist von denen, die so schnell an uns vorbeigeeilt sind. Die Sache verhält sich so: bis zum Sechzigsten ist die optimale Gesundheit quasi ein Recht, ein Anspruch; alles, was für uns das Leben danach reserviert hat, ist als wunderbares Geschenk anzusehen. Aber das hindert uns nicht daran, viele Ideen durch den Kopf gehen zu lassen, zugegeben konkret werden wir davon nur ein paar zu einem guten Ende bringen. Wenn die Planungen nicht gut sind, werden die Umsetzungen auf dem Spiel stehen, und es kann sein, dass sie von einer Anzahl von Missgeschicken, an denen es nie mangelt, überrollt werden. In diesem Sinne ist es wichtig, dass die Aktivbilanz auf der Habenseite bleibt.
Wie auch immer es läuft, ich betrachte mein Leben nicht als abgeschlossen. Ich werde mir etwas Neues ausdenken, um immer nach vorne schauen zu können. Ich werde ernsthaft Sport betreiben, aber mich nicht allzu ernst nehmen: dieses nächste Etappenziel von 120 Jahren werde ich erreichen und dabei wie ein Student gelebt haben. Eine Sache ist in meinem Kopf fest verankert: ich werde mich nicht nach hinten umdrehen und mich nicht am zurückgelegten Weg ergötzen; wenn ich das machen werde, werde ich in der Tat anfangen, alt zu werden.
Nach diesen 120 Jahren wird man weiter sehen. Man wird sich wünschen, überhaupt nicht zu sterben.
Michele Rizzitelli
Barletta, 4. Okober 2006
Schneggi hat Michele und seine Frau Angela Gargano im Mai 2002 bei einer Teichwiesen-Serie kennengelernt – muss wohl ne Pfingstserie gewesen sein. Da tauchten quasi aus dem Nix vier Italiener auf, die beiden schon genannten und ein Carmelo Passiatore und ein Vito Piero Ancora. Die konnten weder Englisch noch Deutsch und da Schneggi a bisserl Italienisch labern kann, wurde er als Hilfsdolmetscher vom Schäffe Christian eingestellt.
Michele und Angela tauchten dann regelmäßig an den Teichwiesen auf, meist für die Wochenend-Doppeldegger, oder sogar mit dem Freitagabend auch noch, also Tribbels. Und wenn nicht an den Teichwiesen, dann irgendwo sonst in Deutschland sausten sie durch die Gegend und rannten was das Zeux hielt. Warum nur? Michele wollte, Verzeihung Angela wollte den italienischen Frauenrekord von ca. 60 Maras in einem Jahr brechen. Im Sommer, so von Mai bis Oktober gibt es in Italia wegen der Hitze keine oder kaum Maras – daher flogen sie immer zu uns Bleichgesichtern, wo es ja reichlich davon gibt (an Maras und an Bleichgesichtern). Als dann der Rekord ziemlich bald im Frühherbst im Sagg war, kam die Idee auf, die 100 in einem Jahr vollzumachen (ob da wohl der Schäffe was zugeflüstert hatte?). Die letzten Maras 90 bis 99 wurden dann an den Teichwiesen in der Weihnachtsserie 2002 abgerissen (sie wohnten beim Schäffe, der wohl jeden Tag subba Spaghettis von Angela gekriegt haben wird) – den allerletzten, die Nummer 100, liefen sie dann an Silvester zurügg in Italia.
Nur zwei kleine Anekdoten noch:
Michele sprach zu Beginn nicht ein einziges Wort Deutsch. Im Laufe der Zeit schnabbte er dann das eine oder andere auf. Schneggi fiel auf, dass er immer zur Begrüssung „tschüß“ sagte – komisch, oder? Dann kam die berühmte Glühbirne (wie in den Comics) und Schneggi erinnerte sich, dass die Italiener unter sich das „ciao“ nicht nur zum Abschied, sondern auch zur Begrüßung verwenden (unter Freunden) – folglich benutzte Michele unser „tschüß“ als Begrüßung und als Abschied, muhahahaha.
Im Juni 2002 war Schneggi auf einer Konferenz in Florenz (auf Eure Kosten, muhahaha, Steuerzahlerkosten). Mit Michele war verabredet, auf dem Weg von Barletta in Florenz diesen Touristen abzuholen, um dann weiter nach Scandiano, ein Kaff in der Nähe von Modena zu fahren, für den dortigen Freitagabend-Mara (so etwas wie die vom 100MC selbst organisierten Maras). Michele kommt und kommt nicht – endlich sprintet er in der Fußgängerzone von Florenz daher, er hat das Auto im Stau in der Innenstadt von Florenz mit Angela drin stehen lassen – warum die Verspätung? Unwetter in Süditalien, Autobahn gesperrt – jetzt aber flott, Angela auf dem Rüggsitz – mit dem Alfa Romeo mit 180 auf der Autobahn (Speed Limit in Italia so bei 130), zwei Meter hinter dem Vordermann – aber Michele ist ein sehr ruhiger und besonnener Tübb und warum hubben oder Lichthube, solange der Vordermann auch 180 fährt – Angela telefoniert am Händie derweil, dass sie mit dem Start warten sollen (Start um 19 Uhr), sie kennen sich alle – aber nach 20 Minuten sind sie trotzdem gestartet – egal, mit quietschenden Reifen angekommen, im Auto schon umgezogen (auch der Fahrer), die Startnummer in der ersten Runde noch mit den Nadeln hingemacht – kein Problem, in Italia geht so was, das wichtigste italienische Wort ist „arrangiarsi“ (zurechtkommen, sich behelfen, sich einigen, eben "sich arrangieren") – 42 Runden, 36 Läufer, für 10 Euro Startgebühr dann noch ne Riesenwurst, zwei Flaschen Wein – um Mitternacht dann alle im Ziel und jetzt gehts erst los: in der örtlichen Pizzeria ein Riesentisch aus Holz, 20 Treter drum herum, 30 Pizzas und 30 Flaschen Rotwein (nicht die Pizzas und den Rotwein, den die Touristen kriegen) und zwei Stunden lang den Mara feiern, so machen das die Italiener.
Jetzt aber genug für heute
Grüzi, Schneggi
PS: Berichte zu Rodgau und zum Elbtunnel dann erst spät im Februar - Powerschnecke muss erst mal in Urlaub, gleich am Montag nach dem Elbtunnel-Sonntag, heeeeerrrlich.
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