Powerschnecke in Bayern – Tag 2 des Isarlaufes 2004, am 18. Mai 2004
Dienstag, zweiter Tag des Isarlaufes. Heiß, heiß, heiß – die Sonne knallte – die Landstraßen sind lang, ohne Schatten, auf und ab.
Der Tag fängt um ca. 5:00 Uhr an, wenn die Ersten rumwursteln. Die Elitegruppenläufer rieben sich vergeblich die Hände, von wegen länger im Bett bleiben und pennen. In einer Holzberghütte gibt es keinen ruhigen Platz. Frühstück vor der Tür, auf der Wiese, alle schnattern bei 2 °C.
Um 7:00 Uhr Start der Schneckengruppe. Wider besseres Wissen und jegliche Vernunft brettert Powerschnecke voraus – alles die Schuld von „Keule“ (Klaus Neumann), der am Vorabend noch im Zimmer reinschaute und meinte, da er einen einminütigen besseren Kilometerschnitt als Powerschnecke habe, dann bei ca. km 60 morgen vorbeigleiten würde. Das galt es natürlich zu verhindern. Außerdem wann kann man schon mal bei einem Marathon oder Ultra vorweglaufen – der erste Läufer sein (mit Startnummer 3).
Aber die Käsetreter wollten das nicht so kampflos akzeptieren. Theo breschte heran und schwups sprintete vorbei. Jan, der Nächste, meinte nur: „Was macht Theo denn? Ist der verrückt geworden? Es sind noch 58 km“. Aber Theo war schon 1 km weit weg in der Ferne. Durch puren Zufall entdeckte Jan das Abzweigen der gelben Punkte nach links, runter von der Hauptstraße, ein Kiesweg Richtung Isar. Die Yankees würden sagen: „He saved my ass“. Theo wurde durch trommelfellüberbeanspruchendes Brüllen herbeigebrüllt (bevor er Richtung Italien hin verschwand – oder wo auch immer hin). Mehr zu Theo vielleicht morgen.
Nun galt es, die Führung auszubauen und so lange zu halten, wie irgendwie möglich – einmal im Leben! Alle 2 Minuten über die Schulter schauen, wo die Käseroller bleiben – oder noch schlimmer die Oberflitzer Robert Wimmer und Eberhard Bergner, nur eine Stunde Vorsprung auf die beiden. Bei km 29 der dritte Verpflegungspunkt. Aus dem Augenwinkel sah Powerschnecke wie die beiden um die Ecke bogen. Becher fallen lassen und ab durch die Mitte – wenigstens die 30 noch retten – nur einen Kilometer durchhalten. Entweder hatten diese Schurken nichts getrunken oder nur im Vorbeisausen à la Kenianer. Powerschnecke schon am Limit, dazu noch im offenen Gelände, die Sonne brennt, der Schweiß fliest – aber schon 8 Minuten nach dem Verpflegungspunkt. Endlich ein wenig Schatten und noch ein Endspurt – Mann, hoffentlich überholen die bald, das ist ja nicht mehr zum Aushalten. Beim lässigen Vorbeigleiten meinte Bergner: „Hey, biste ja gut drauf“. Klar, mit Puls 327. Endlich stehen bleiben und den nächsten km gehen dürfen.
Aber auch der Dritte und dann der Vierte und sogar der Fünfte waren eine reine Demütigung wie sie im irrsten Tempo die Landstraße bei schätzungsweise 7000 Grad Celsius hinauf und hinuntergaloppierten. Der Tagesvierte wurde übrigens diese Keule Klaus – und entschuldigte sich nicht einmal – Potzdonner. Aber den Meisten machte es dann doch erheblich zu schaffen. Kilometerlanges Gehen war keine Schande mehr. Irgendwo einmal von hinten: „Tut tut, hier kommt Münster“. Rainer Wachsmann, auch super schnell heute, beim Überholen. Rainer, Uli Schulte und Power bilden ein Zimmertriumvirat. Rainer ist Besitzer von Münster’s Joey’s Pizza-Express – hmm, wann ist der nächste Münster-Marathon? Zwei bitte für Affenzahn.
Zweikilometerlanger Endspurt zusammen mit Hagen Brumlich, ein M60 - der allerdings eine Stunde später gestartet war - nachdem ein superwitziger Fahrradbayer was von 500-Meter-bis-zum-Ziel gerufen hatte.
Heute Abendessen und Übernachtung wieder im Hotel in Wolfratshausen. Extrastarke Sonnenlotion (Faktor 30) gekauft, Rieseneisbecher mit 6 Kugeln und doppelter Sahne zur Belohnung für (1) die Verbesserung auf den 29. Gesamtplatz, (2) Tagessieger der Schneckenfraktion (Vorsprung ausgebaut – Sigrid: „Wenn Du weiter so schnell läufst, rede ich nicht mehr mit Dir“), und (3) das Feld 30 km lang angeführt – halleluja.
Eigenes Fazit: wieder zu schnell angegangen (wegen dieses Blödsinns des Feld-so-lange-wie-möglich-Anführens) und dann in der Hitze eingebrochen (7-8 Minuten schlurf-schlapp um einen km zu schaffen und als Belohnung 1 Minute lang gehen – ein Teufelsgeschäft, da die Laufzeiten immer kürzer und die Gehperioden immer länger werden); vorne weg laufen ist gar nicht so einfach, da man sich permanent gejagt fühlt (Ultraläuferverfolgungswahn) – morgen beim Start in der letzten Reihe anstellen und dort bleiben.
Einer, Rudi, wurde aus dem Rennen wegen Überschreitung des Zeitlimits (6 km pro Stunde) genommen, darf aber weiter außer Konkurrenz mitlaufen – allerdings Start eine Stunde vorher, um die Geduld der Helfer an den Ständen nicht zu killen. Übrigens Robert Wimmer hat Stil; auf die Frage, ob Bergner und er wieder wie am Vortag gemeinsam ins Ziel kamen: „Nein – so 1,5 km vor dem Ziel habe ich ihn gefragt, ob ich losziehen darf?“ – „Aber Robert, Du mußt doch nicht fragen, ob Du losrennen und gewinnen darfst.“ – „Doch, doch, das gehört sich so, das ist höflich“. Hut ab!
Grüzi
Powerschnecke
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