Powerschnecke in Bayern – Tag 3 des Isarlaufes 2004, am 19. Mai 2004

Samstag, 22. Mai 2004


Mittwoch, dritter Tag des Isarlaufes. Lang, lang, lang – endlose Strecken entlang der Isar, aber wenigstens meistens im Schatten.

Der Lauf führt durch München – aber „niente Paura“ (keine Sorge), kein logistischer Alptraum: es wird nicht eine einzige Straße überquert. Alles entlang der Isar unter Brücken, auf Fahrradpisten, Fußgängerwegen, etc. Zum Verpflegungsstand bei km 32 unter einer Münchner Brücke hat Uli Welzel das Fernsehen bestellt. Heute ist der Wimmer-Bergner-Express etwas langsamer und erwischt Powerschnecke just am Stand. Uli ruft von weitem schon: „Das Fernsehen hat abgesagt – Hitzfeld ist wichtiger.“ Wimmer schlagfertig: „Wer ist Hitzfeld?“ Für die Ignoranten der undurchschaubaren Fußballwelt:  Bayern München hatte den Trainer Hitzfeld geschmissen – alles wegen Uli Schulte und seinen ... Werner Selch brettert sich an die Führenden dran.

Wie ist die Stimmung? Beim Transeuropa-Lauf gab es übelste Probleme, man las davon in Hülle und Fülle. Beim Isarlauf scheint alles in Butter zu sein, die Atmosphäre ist prächtig, es gibt keine zu extremen Charaktere. Vermutlich weniger Stress: vielleicht sind auch die Etappen vernünftigerweise kürzer, die Unterkünfte zumeist in Hotels, die Hygiene stimmt, Abendessen und Frühstück in den Restaurants der Hotels, die Stände quasi nie weiter auseinander als 10 km, zum Ende der Etappen zumeist in sogar kürzeren Abständen. Das Angebot an Essen und vor allem Trinken an der Stationen ist super – anderes kann selbst ein oberkritischer Meckerschwabe nicht behaupten. Zudem gibt vier fleißige Hände von zwei Masseurinnen (nicht Masseusen!).

Überall eitel Sonnenschein und super Laune, nach 2-3 Tagen kennt jeder jeden, keiner muß sich produzieren, die Berliner mit ihrer Schnotterschnauze sind etwas lauter, die Bayern kämpfen hart dagegen an, die Rheinländer lassen sich aber nicht so leicht übertrumpfen – Schwäbisch ist auch sehr stark vertreten, Schweiz und Österreich mit je einer Vertretung sind eher etwas zurückhaltend. Robert Wimmer, der Star aus Nürnberg, ist angenehm zurückhaltend, immer freundlich und zuvorkommend. Auf der Teilnehmerliste im Indernäht gibt es auch eine Ami-Flagge, aber der Bursche (Rainer Schulze) berlinert dermaßen, man benötigt fast einen Dolmetscher. Allseits beliebt und wie üblich der angenehmste und lustigste Haufen sind die vier Käsetreter, von denen leider Jan Nabuur aufgrund von Verletzung nicht läuft, aber mächtig überall mithilft. Klasse. Die Käseroller sind mit eigenem Minilaster angereist. Die Mischung der Typen, Chaoten, Ruhigen, Plappermäuler, Schnarcher, Kaltduscher und Teetrinker stimmt. Die sieben Frauen lassen sich nicht unterkriegen, Berliner Schnauze regiert mit Simone Stegmaier, Sigrid Eichner und der stillen Ute Wollmann.

Willem Mütze ist eine lautstarke Stimmungskanone. Er und der rheinische Heinz Jäckel könnten im Fernsehen als Duo auftreten. Jan Maessen ist ruhig, aber immer gut drauf und optimistisch, ein Künstler (Maler) wie sich später herausstellt. Jan Nabuur lacht viel, man versteht sein Holländerdeutsch kaum, macht nichts, man kapiert das meiste. Theo Kuijpers ist Altersfrührentner oder wie solche Kameraden heißen. Er läuft jeden Morgen expressartig los, fängt dann ab km 40 an zu gehen (wird dann von Powerschnecke geschnappt) und zockelt den Rest nach Hause. Theo befindet sich zwischen zwei Chemotherapiezyklen, da er Leukämie hat, präziser ein „non-Hodgkin’s Lympoma“, offensichtlich ein nondolentes, weniger aggressives. Theo fühlt sich prächtig und im Gegensatz zu dem, was der kluge Volksmund immer weiß (keine Anstrengung, Schonung, höchstens Spazierengehen und ähnlichen den-Krebspatienten-zum-Kind-degradierenden-Krampf), sagte er, daß das Laufen inklusive der 30-40 Marathons und Ultras im letzten Jahr ihm Lebensqualität und Lebenswille gäbe. Er verschweigt auch das Ganze nicht schamhaft - übrigens wie unser Wolfgang Schwabe vom 100 MC mit chronisch myeloischer Leukämie - ist auch dafür, daß das hier angemerkt wird („informed consent“).

Tag und Nacht, schon beim Frühstück, beim Laufen, beim Duschen, immer und überall, werden Witze und Zotten gerissen, wird gestichelt und gelacht, man hat keine Ruhe – doch wer möchte, kann sie schon finden. Ingo Schulze: „Was ich am meisten bei diesen Mehrtagesläufen liebe: das saublöde Geschwätz“. Eine wahre saublödes-Geschwätz-Kultur entwickelt sich.

Uli Schulte’s täglicher Stand ist quasi der Star: zusammenklappbare Kombination Tisch-Bänke (zum endlich-mal-für-2-Minuten-Hinsitzen-wer-hilft-mir-wieder-hoch), Sonnenschirm, ein Übermaß an Zeug drauf, flüssig und fest. Nicht genug davon, Uli hatte sich Kreide besorgt und schreibt auf den Boden: „VP 500 m“ oder „VP 100 m“. Und was für ein Goldjunge; heute malte er in Laufrichtung auf den Boden: „Powerschnecke - lebst Du noch“? Aber unnötigerweise auch noch: „Werder Bremen ist Deutscher Meister“.

Auch die abendliche Zimmerbesorgung hat sich eingespielt. Natürlich gibt es bessere und weniger gute Zimmer – so hat Helmut Schieke, Mädchen für alles, für allgemeine Logistik wie Einkaufen von Bergen an Lebensmitteln, Zuteilung auf Stände, Transport von Gepäck und allem möglich Krempel usw., immer auf Achse, alle Hände voll zu tun. Der Wanderzirkus ist immerhin 60 Köpfe groß. Schieke hat das Trio Rainer Wachsmann, Uli Schulte und Powerschnecke als Schlafzimmereinheit akzeptiert. Rainer hat, obwohl er Westfale ist, so etwas wie Humor. Telefonat nach Hause: „Ich teile das Zimmer mit zwei Verrückten vom 100 Marathon Club“. Keine Ahnung, wen er da meinte. Ansonsten ein flotter Junge (auf der Piste) und mag Swinger-Clubs und Pizzas.

Die Etappe ist 70 km lang und endet in Freising, auf der Wiese. Das Wetter spielt mit, Abendessen, Tagessiegerehrung, Strecken-Briefing für morgen im Biergarten. Der Tag fordert das zweite Opfer, Bernhard Sesterheim, der sich nur unter Schmerzen und Tränen ins Ziel schleppte, Shin-Splints – aus für dieses Mal. Noch 42 kleine Negerlein.

Der Cutoff zwischen Flitzergruppe und Schneckenfraktion war am Vorabend auf einen 7er-Schnitt festgelegt worden. Da sind dann doch einige der Halbflitzer in die 2. Liga abgestiegen. Somit gab es keine Chance für Schneckenführer Powerschnecke an diesem Tag die schnellste Schnecke zu sein. Macht nichts – nach zu schnellem Beginn, einigermaßen durchgehalten und bis auf den traurigen Rest fast komplett durchgewackelt. Sogar einen Platz in der Gesamtplatzierung nach oben gerutscht.

Morgen kommt die Monsteretappe – schnell ins Bett. Uli Schulte kommt jeden Abend spät zurück ins Zimmer: Besprechung der Chefs und Ausbaldowern der Helferei. Uli ist total im Streß: „Ihr beiden habt es leicht. Ihr müßt ja nur laufen“. - „Ja, Uli, wir sind stolz auf Dich. Jetzt halt die Klappe, mach das Licht aus und nicht soviel Krach! Wir müssen regenerieren. Schlaf macht schneller und schöner.“

Grüzi
Powerschnecke


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