Powerschnecke in Bayern – Tag 4 des Isarlaufes 2004, am 20. Mai 2004

Samstag, 22. Mai 2004


Donnerstag, vierter Tag des Isarlaufes, insgesamt 74.4 km. War der zweite Tag zu heiß und der dritte Tag zu lang, so ist dieser Tag heute das Monster, der Killer, das Massaker, zu heiß und zu lang. Eigentlich nur über 70 km geradeaus, an den Ufern der Isar entlang, mal rechts, mal links, auf bewaldeten Naturwegen, auf fürchterlich staubigen, groben Schotterwegen, auf Dämmen der gestauten Isar. Das war kein Zuckerschlecken, das war megahart. Der Hammer war die Hitze, die knallende Sonne mit Schwüle.

Es ist ganz klar, die meistens bekommen nicht genug Schlaf und so ist die Schneckenbande heute um 6 Uhr (Start eine Stunde früher) ziemlich kleinlaut und trabt nur zögerlich los. Angela Ngamkam läuft nach 1 km erst einmal geradeaus, wo es rechts abgeht - zum Glück für sie, kann Powerschnecke laut pfeifen. Angela tippelt mühelos, Angela läuft noch mit schwarzer Überjacke, wenn andere schon Rotz und Wasser schwitzen, Angela schwitzt nicht. Angela behält auch für 74 heiße Kilometer die goldene Halskette an; sie hat die Fingernägel pink und die Zehennägel rot lackiert (läuft aber nicht in Sandalen oder barfuß – wurde abends bemerkt), die schwarze Sonnenbrille, die wie Hawaii-Shorts aussehenden Hosen und der Floppyhut mit dem Teil eines vermutlich überfahrenen Viechs dran gehören dazu. Ihr Freund Edgar Kluge, der vollbepackt mit Rucksack, Fotoapparat, Videokamera undwatweestenischtalles jeden Tag ganz weit hinten läuft, sei in der Famile für die Marathons „zuständig“, während sie auf den 50 bis 100 schneller sei; das würde ihn aber dennoch wurmen. Das hat er wohl mitgekriegt, denn am letzten Tag hat er sie heillos versägt.

Heute ist Himmelfahrt und Vatertag. Rudel, Heerscharen, Legionen von Fahrradfahrern kommen auf einem 20 km langen Endlosstück entgegen. Ähnlich wie die Sonntagsfahrer beim Auto, gibt es auch zweimal-im-Jahr-Schönwetter-Radler, die ihr Gerät nicht sonderlich gut beherrschen und der eine oder andere Sprung ins Seitengras ist nötig. Andere sehen partout nicht ein, warum man wegen so einem blöden wie-ein-Penner-aussehendem-Schlurfer auf das Nebeneinanderfahren verzichten soll – soll der doch am Wegrand warten, bis wir vorbei sind.

Ein Fahrrad bemerkt zum Vordermann: „der schwächelt“. Mann, das wurde gehört, Entschuldigung, tut mir leid, kein Talent zum Laufen, das baut auf, jetzt kommt die depressive Phase. Glücklicherweise rief ein Steppke auf seinem Dreirad: „Hey, Nummer Drei, Du schaffst das!“ Was für ein lieber Junge, ein Genie, der zukünftige Bundeskanzler.

Es geht durch Landshut, viel sieht man ja von den Städten nicht im großen Detail. Vorne taucht Wolfgang Olbrich-Beilig auf. Wolfgang hat zwei Probleme: wenn er läuft tut das linke Knie weh, wenn er geht, schmerzt der rechte Knöchel. Lösung: fünf Minuten laufen und dann fünf Minuten gehen. Da er verdammt schnell läuft, ist es schwierig, ihn zu vernaschen, aber nach 10 km ist es dann vollbracht – vielleicht half auch die spontane Beförderung vom Kommissar zum Oberkommissar durch Powerschnecke (beim Landeskriminalamt in Düsseldorf – trägt schon mal eine Kanone – so wie im Fernsehen im Halfter – oha!)

Uli Schulte steht heute bei 50,0 km – erst zwei Drittel – auch er sieht ziemlich fertig aus. Auf der Parkband daneben sitzt Bernhard Sesterheim und legt sein knallrotes Schienbein hoch. Man schleppt sich weiter. Viele brechen heute gnadenlos ein, die Hitze, die Länge, die Dauerbeanspruchung, zwei scheiden heute wegen Verletzung aus, es bleiben noch 40 übrig. Auf den letzten 6 kms geht bei Powerschnecke nichts mehr; Sitzenbleiben? sich Hinlegen? in die Isar hüpfen und sich treiben lassen? Es hilft nichts, niemand wird einen tragen. Also weiter. Das ist der Punkt, wo einen nichts mehr interessiert, egal wieviele einen überholen, wieviel Zeit man verliert. 70 Minuten für 6 kms – oder 80 Minuten? Das war der letzte Tag, morgen wird nicht mehr gelaufen, aussteigen, Schluß. Jede 120-jährige Oma ist auf dem einkilometerlangen Gewürge durch Dingolfing schneller. Im Ziel sich erst einmal im Schatten des Gepäcklasters auf dem Parkplatz sich auf das Kopfsteinplaster legen und liegenbleiben. Nee, das macht keinen Spaß mehr.

Aber das war noch nicht der Tiefpunkt, es geht noch schlimmer. Felix Kainz fehlt immer noch. Felix ist ein guter und schneller Läufer, einer der Flitzer, aber leidet unter Hitze wie kein anderer. Jans Mountainbike geschnappt und entgegenfahren. 1 km vor dem Ziel kommen Sigrid Eichner und Eberhard Ostertag entgegen: „Felix geht es gar nicht gut – er ist weit hinten“. Mist, hoffentlich ist er vernünftig, sich hinzulegen, bevor er kollabiert. Um 18:00 Uhr ist immer noch eine Bullenhitze. Felix torkelt und jammert und stöhnt. Was jetzt machen? Felix niederringen und ihn an einem Baum binden? Noch eine Stunde bis zum Zeitlimit und noch 4 kms – zu schaffen. Okay, nochmals die verdammten letzten 4 kms das Fahrrad schiebend neben Felix hergehen und ihn quatschend bei Laune halten. Am Eingang zur Stadt, noch 500 Meter, warten Angela Ngamkam, Markus Müller und Keule Klaus, klatschen, machen Fotos (rechts Not und links Elend auf zwei Beinen – zur Abschreckung von Jugendlichen?).

Horst Preisler lief heute als Etappenläufer mit – er schien zum Schluß nicht sehr begeistert gewesen zu sein, schien auch ab km 20 zu gehen. Zudem war am Abend ein Bein fleckenartig krebsrot und der Fuß dick geschwollen (Ödem). Vermutlich ein Ekzem, Unverträglichkeit mit einer Pflanze auf dem Weg? Aus dem stoischen Gesicht von Horst ist nicht zu erkennen, was er denkt.

Abendessen im Biergarten. Die zweite Bürgermeistern verteilt Bierkrüge und Kaffeetassen von Dingolfing an die Tagessieger und labert noch vom schönsten BMW-Werk der Welt in Dingolfing – aha, toll.

Grüzi
Powerschnecke


<< zurück zur Übersicht




Kommentare ...

Vergiss niemals beim Verfassen Deines Kommentars, dass auf der anderen Seite des Bildschirms ein Mensch sitzt!

Keine Kommentare

Kommentar schreiben

* Pflichteingaben

*
*
*


CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*