Powerschnecke in Bayern – Tag 5 des Isarlaufes 2004, am 21. Mai 2004

Samstag, 22. Mai 2004


Freitag, fünfter und letzter Tag des Isarlaufes. Nur noch 62 km. Durchhalteparolen kursieren am Startpunkt in Dingolfing um 7:00 Uhr. Das Wetter verspricht nichts Gutes – es ist sagenhaft schwül, das Wasser tropft nach 1 km schon von der Stirn, in der Ferne brauen sich Hitzegewitter zusammen, später kommt endlich leichter Wind auf. Die meisten haben schon tiefe Ringe unter den Augen, sehen ein wenig ausgemerkelt aus. Einige der bisherigen Flitzer wurden in die Schneckengruppe degradiert, der 7er Schnitt war am Vortag nicht zu halten. Zum Beispiel Karl-Heinz Kobus. „Karl-Heinz, was machst Du denn hier?“, fragt ein Berliner. „Ja was wohl, ich starte jetzt, war gestern zu langsam.“

Wie sich für den letzten Teil motivieren? "Angekommen" dürfte drin sein; aber „nur“ Ankommen beinhaltet sich Durchquälen, sich-ins-Ziel-Schleppen. Den Ehrgeiz, den Wettkampfgeist einschalten: erstens, unter 8 pro km laufen. Hähä juxen da schon die Leser – da läuft ja mein 93-jähriger Onkel Otto, dem sie letztes Jahr das linke Raucherbein amputiert hatten und auch noch drei Zehen vom rechten Diabetesfuß abgenommnen haben, schneller. Zweitens, Platzierung. Vor Powerschnecke mit 9 Minuten Vorsprung liegt Angela Ngamkam – Mist, die war doch schon ziemlich weit dahinter gewesen – alles gestern in der Hitzeschlacht vergeigt, als Angela hitzeresistent fröhlich, aber gnadenlos durchlief. Jeden Abend kündigt sie an: „Morgen breche ich an“. Pustekuchen, noch nicht passiert. 12 Minuten Vorsprung auf Jan Maessen und 44 Minuten auf Willem Mütze. Vamos, Forza.

Felix, das Schlappohr, gestern Abend der Tod auf Rädern, brettert los wie beim 10 km-Endspurt. Ohh, Felix, Du bist doch eine Rieseneule, wenn das man gutgeht. Muß man Dich heute Abend wieder einsammeln, das ärztliche Gewissen beruhigen?

Das tut einem ja selbst weh, lieber selber einen Gang rausnehmen. Bei km 10 läuft Angela anstrengungslos vorbei – macht nichts, dann eben nicht verbessern, nur Platz halten. „Komm mit“ flötet sie. Ach nee, Mädchen, keuchend hinter hübschen jungen Blondinen herrennen ist degradierend.

Ein wenig später taucht Jan Maessen von hinten auf – wo nehmen die alle nur die Kraft her? Aufgespart, hä? In den Vortagen nicht alles gegeben, wat? Also, Powerschnecke wird nach hinten durchgereicht. Aber eine halbe Stunde später steht plötzlich Jan auf der Straße und reibt sich die Beine: „Ich habe so dicke Beine heute; ich werde viel gehen müssen“. Er kommt durch. Bleibt noch Willem Mütze, der formidabelste Gegner, den man sich nur denken kann, ein Tier, eine Maschine, der laufende Roboter. Aber ein lustiger. Als er prompto bei km 20 zusammen mit Heinz Jäckel auftaucht, gibt es zuerst viel zu Lachen. Die beiden sind einfach köstlich, zusammen mehr als die Summe der Einzelnen. Kostprobe. Jäckel: „Piep (ausgeblendetes Schimpfwort), jetzt tut mir nicht mehr das piep Knie weh, jetzt fängt der piep Zahn an zu schmerzen. Was für ein Kopp. So eine piep. Alles, nur Deine Schuld, Mütze!“ – Mütze: „Wenn Du mir sagst welche Seite, dann hau ich drauf“. Jäckels Kölner Dialekt und Mützes Holländerdeutsch muß man sich dazu denken.

Aber dann wurde es ernst. Willem zog an und wollte vorbei. Noch 42 km! Von Willem Mütze gejagt zu werden, wünscht man nicht seinen ärgsten Feinden. Eine Schwächeperiode, eine Minute zu lange am Verpflegungsstand, einmal den Hügel in „normalem“ (!) Tempo hochgehen, schon ist er da.

Uli Schulte, die gute Seele, malte auf den Asphalt: „Powerschnecke, Du schaffst es!“ Er ruft: „Du siehst gut aus, das läuft rund.“ Danke für die Notlüge, aber Pastoren sollen nicht schummeln. Markus Müller greift das Thema auf und fragt im Vorbeilaufen: „Na, haste noch Power?“. Markus läuft mühelos, jeden Tag regelmäßig, mit Rucksack, im Gleichschritt, der Bursche scheint sich nicht anzustrengen, ganz sicher nicht am Limit. Er gehört zur Flitzerfraktion, die einen jeden Tag trotz einer Stunde späteren Starts doch zwischen km 30 und 50 einholen. Aber Markus hat immer ein leichtes Lächeln, ein Hallo!, brauchst Du einen Müsliriegel?, oder ähnliches in petto. Ein Klasse Läufer, eine Wohltat für die Chaotenbande.

Ab km 37 bis km 61 gibt es Gegenlaufsstrecke, auf der man dann noch mal die Heroen sehen, bewundern, beklatschen, zum-gib-Alles auffordern kann. Robert Wimmer mit Fahrradbegleitung läuft vorneweg, offensichtlich ohne Alles zu geben. Seine Verfolger kämpfen, keuchen, pusten, brauchen eher ein es-ist-nicht-mehr-weit. Wolfgang Olbrich-Beilig strahlt über das ganze Gesicht: „Heute kriegst Du mich nicht mehr“. Felix, der natürlich gleich in der zweiten Stunde wegen der Schwüle eingebrochen ist, kommt mit Ute Wollenberg und Simone Stegmaier von hinten daher. Eigentlich sind die beiden Amazonen heute zu schnell für ihn. Aber Simone wollte heute einen Mann quälen und hat sich Felix als Opfer herausgesucht, der stöhnend und jammernd und keuchend hinter ihnen herdackelt. Wenn er abbrechen lässt, warten sie auf ihn und scheuchen ihn weiter.

Am Wendepunkt, wo die Isar ziemlich unspektakulär in die Donau kriecht, fällt man in ein psychisches Loch. Ah, noch 13 km, keine Lust mehr. Rainer Wachsmann schlabbert von hinten ran, selbst er verfällt dann in den Gehschritt – tschüß, bis nachher. Holy Shit, da kommt schon wieder Mütze, man hat keine Ruhe vor dem Antreiber. Okay, jetzt gilt es, vor ihm zu bleiben. An einer Ecke, wo die Strecke sich durch Äcker wendet, ruft im Übermut Powerschnecke zu Mütze und Jäckel: „Hey, Ihr zwei alten Männer, kriegt Ihr mich noch?“ Uuuiii, das ist gefährlich – jetzt legen die nochmals los – bis auf 100 Meter kommen sie ran. Mütze später: „Junge, Du hast Dich 100 Mal umgedreht. Das haben wir gesehen, Junge, da haben wir Gas gegeben, den packen wir!.“

Vom letzten Stand sind es noch 1,6 km bis ins Ziel. Mütze und Jäckel sind besiegt, die schaffen es nicht mehr. Aber hinten kommt einer aus der Flitzergruppe. Nee, heute überholt Powerschnecke keiner mehr. Im Marathonendspurttempo dann nach Plattling rein. Auf dem Marktplatz sieht man von weitem ein großes Zielbanner, 100 Meter davor stehenbleiben, 5 Sekunden die Beine streicheln, Tränen zurückhalten, die versammelte Affenbande johlt und klatscht und verlangt den sofortigen Zieldurchlauf. Uli Welzel und ein Helfer halten ein rotweißes Plastikband quer, das vermutlich auf der Baustelle nebenan gemopst wurde.

In der Turnhalle liegt Uli Schulte, ihm geht es gar nicht gut, er hat wohl von dem Zeug getrunken, das er den Läufern an seinem Stand zur Verfügung stellt.

Den Epilog, die Analyse, das Lob, die Kritik dürfen Andere, kompetentere, schreiben – Powerschnecke reicht’s jetzt. Der Regensburg-Marathon fällt aus, das untere rechte Schienbein fing an weh zu tun und die Haut darüber ist rot – die Mehrtagesläufer kennen das Problem.

Grüzi
Powerschnecke


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